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Modern Dating

Bist du Single?

Dann wirst du dich sicher dafür interessieren auf welchem Wege heute die meisten Menschen ihren Partner oder ihre Partnerin finden. Und genau darum geht es in diesem Artikel.

Aber auch falls du schon glücklich vergeben bist, könnte der Inhalt dieses Beitrags für dich sehr interessant sein.

Die Partnerschaft ist die grundlegendste Organisationseinheit unserer Gesellschaft. Die Art und Weise auf die solche Partnerschaften entstehen kann die Gesellschaft also stark verändern.

Ein Gedankenspiel: nehmen wir einmal an, dass alle Menschen ihre Liebsten über gemeinsame Freunde oder über die Familie kennen lernen. Sie heiraten etwa ihre Großcousine oder die Tochter bzw. den Sohn des besten Freundes ihres Vaters.

In einer solchen Gesellschaft werden sich schnell voneinander eher unabhängige Clans herausbilden.

Innerhalb dieser Clans wird es einen sehr starken Zusammenhalt geben, weil jeder mit jedem auf vielfache Weise verbunden ist.

Zwischen den Clans bestehen jedoch viel weniger Verknüpfungen und daher vermutlich auch weniger Sympathie.

Im gegensätzlichen Extremfall lernen alle Menschen ihren Partner oder ihre Partnerin ganz zufällig kennen. Mehr Freunde mit dem Partner gemeinsam zu haben erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit zusammen zu kommen.

In so einer Gesellschaft werden sehr wenige Männer ihre Großcousinen heiraten, weil es viel mehr Frauen gibt die nicht eine Großcousine von einem ist, als man Großcousinen hat.

Nach der gleichen Logik wird es auch selten vorkommen, dass man Freunde von Freunden oder Bekannte von Verwandten heiratet.

In einer solchen Gesellschaft werden sich kaum Clans herausbilden können denn es gibt keine Verwandtschafts-Cluster. Jeder ist mit jedem über ein paar Ecken verwandt.

Der Unterschied ist relevant

Es ist klar, dass sich die beiden skizzierten Gesellschaften stark voneinander unterscheiden.

Ein einfaches Beispiel ist Korruption. In einer Clangesellschaft besteht die Gefahr, dass Politiker, Wirtschaftsbosse oder andere mächtige Menschen ihre Macht nicht zum Wohle der ganzen Gesellschaft, sondern zum Wohle ihres eigenen Clans einsetzen.

All ihre sozialen Kontakte, ihre Partner, Freunde, Bekannte sind schließlich Teil des Clans.

Sicherlich kann eine Clangesellschaft auch Vorteile haben. Mir sind nur leider keine guten eingefallen. Falls dir welche einfallen, schreib sie doch gerne in den Kommentarbereich.

Der Punkt hier ist jedenfalls nicht, dass die eine Gesellschaft besser ist als die andere, sondern dass der Unterschied relevant ist.

Daten

Super, nachdem wir das geklärt hätten können wir uns nun der nächsten Frage zuwenden: wie sieht unsere Gesellschaft diesbezüglich aus, und noch spannender: wie entwickelt sich unsere Gesellschaft.

Mit diesen Fragen haben sich drei US-Amerikanische Wissenschaftler aus Stanford, der University of New Mexico und der John Hopkins University jahrelang beschäftigt.

Die Soziologen haben über Jahre hinweg immer wieder Umfragen durchgeführt in denen repräsentative Stichproben der US-Paare danach gefragt wurden, wie sie sich kennen gelernt haben.

Das Projekt läuft unter dem Titel How Couples Meet and Stay Together. Die Daten können hier frei heruntergeladen werden.

Ja, es geht hier um die USA. Ähnlich gute Daten für Deutschland liegen leider nicht vor. Jedoch können die Erkenntnisse auch auf viele andere Länder (vor allem westliche Länder) teilweise übertragbar sein. Die USA nehmen schließlich in vielen Bereichen gegenüber Europa eine Vorreiterrolle ein. Man kann also vermuten, dass sich dortige Trends hierzulande mit einiger Verspätung auch umsetzen.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben die Wissenschaftler in dieser Forschungsarbeit zusammengefasst. Die wichtigsten Ergebnisse haben sie in einer Graphik zusammengefasst, die ihr hier seht:

Wie sich Paare zu verschiedenen Zeitpunkten kennen gelernt haben.
Quelle: Rosenfeld et al. (2019)

Wie ist diese Abbildung zu lesen?

Ihr seht dort verschiedene Kurven. Fokussieren wir uns zunächst einmal auf die blaue. Diese Kurve sagt uns wie viele frische Paare angegeben haben sich über gemeinsame Freunde kennen gelernt zu haben. Zum Beispiel zeigt sie uns, dass sich zwischen 1970 und 1990 circa 34 Prozent aller Paare über gemeinsame Freunde kennen gelernt hatten.

Alle anderen Kurven sind ähnlich zu interpretieren.

Als ich diese Graphik das erste Mal gesehen habe, sind mir vor allem zwei Dinge ins Auge gefallen.

Erstens ist der Anteil der frischen Paare, die sich online kennen gelernt haben, in den letzten Jahren explodiert. Dass der Anteil gestiegen sein muss ist wohl den meisten klar. Aber ich denke wenigen ist bewusst, wie krass dieser Trend ist.

Immerhin hört man häufig online Dating würde eher für etwas Lockeres genutzt und tinder-Beziehungen würden häufig in die Brüche gehen.

Da fällt mir ein, ich habe meine Ex-Freundin über tinder kennen gelernt 😀

Diese Argumente mögen valide sein, doch dies ändert nichts daran, dass sich 2017 fast 40% aller frischen US-Paare online kennen gelernt hatten. Dies ist ein gigantischer Anstieg von 10% im Jahre 2000 und 20% im Jahre 2010. Der Anteil der Online-Dating-Paare hat sich also alle 10 Jahre verdoppelt!

Online Dating wird also immer relevanter, dies ist Ergebnis Nummer 1.

Die neue Gesellschaft

Mit dem zweiten Trend kommen wir auf unsere guten alten Clanstrukturen zurück. Was meinst du, legen die Trends in der Graphik eher nahe, dass sich die USA zu einer Clangesellschaft hin oder von einer Clangesellschaft weg entwickeln?

Ich finde, das ist recht eindeutig.

Es begünstig Clanstrukturen, wenn sich Paare vermehrt über Freunde oder Familie kennen lernen. Dies wird durch die blaue, beziehungsweise die dunkelgrüne Linie dargestellt.

Der Anteil der Paare, der sich auf einem dieser beiden Wege kennen gelernt hat, ist in den letzten Jahrzehnten extrem zurück gegangen.

1940 lernten sich noch mehr als die Hälfte auf einem dieser Wege kennen. Nun sind es nur noch circa 20%. Dies ist zum großen Teil darauf zurück zu führen, dass sich nun fast niemand mehr über die Familie kennen lernt.

Auf der anderen Seite läuft es einer Clangesellschaft eher entgegen, wenn sich Menschen ohne Vermittler kennen lernen, etwa in einer Bar, einem Restaurant, oder online.

Dies wird durch die violette beziehungsweise unsere schon bekannte rote Line dargestellt. Wie man sehen kann, ist auch der Anteil der Paare, die sich in einer Bar oder einem Restaurant kennen gelernt hat, in den letzten Jahren rasant gestiegen.

Diese beiden Entwicklungen deuten in die gleiche Richtung: Die USA entwickeln sich weiter weg von einer Clangesellschaft.

Interessant, oder?

Quellen

Rosenfeld, Michael J., Reuben J. Thomas, and Sonia Hausen. „Disintermediating your friends: How online dating in the United States displaces other ways of meeting.“ Proceedings of the National Academy of Sciences 116.36 (2019): 17753-17758.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Ein-Mann-Armee

Stellt euch vor ihr sitzt nach einer langen Wanderung mit euren Freunden auf einer Wiese. Der Herbst hat schon eingesetzt, doch die Sonne hat sich an diesem Tag noch einmal hervorgewagt.

Ihr habt eure Sachen ausgezogen, die Augen geschlossen und liegt im saftigen Grün, während die Sonne eure Haut wärmt.

Ach, wie gut diese Erholung nach der langen Wanderung tut.

Das muss sich am 25. September 1066 auch ein Wikinger mit unbekanntem Namen gedacht haben. Unter der Führung des mächtigen Königs von Norwegen war er mit nach England gekommen.

Dort war nämlich der alte König gestorben und es gab Erbstreitigkeiten. Der Zweitgeborene des alten englischen Königs wollte nicht mit ansehen, wie sein älterer Bruder den Thron für sich beanspruchte.

Das könnt ihr vielleicht nachvollziehen, wenn ihr Geschwister habt. Hattet ihr nicht auch schon irgendwann einmal das Gefühl, dass eure Geschwister bevorzugt werden?

Und was macht man in so einer Situation?

Richtig.

Krieg erklären!

Das kennt man noch aus dem Sandkasten.

Der jüngere Sohn des englischen Königs hatte den norwegischen König um Hilfe gebeten um seinen älteren Bruder um die Ecke zu bringen. Und weil in England einzufallen im Jahre 1066 sowieso schon Tradition bei den Wikingern war, sagten die Norweger zu.

Du kannst nicht vorbei!

Die Wikinger hatten ihre erste Schlacht in England bereits vor wenigen Tagen gewonnen. Sie schlugen in Yorkshire, unweit eines Flusses mit nur einer kleinen Brücke, ihr Lager auf.

Nun war geplant sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, mit viel Met und gutem Essen.

Soweit der Plan…

… der anscheinend ohne den rechtmäßigen englischen Thronfolger gemacht wurde (der, den sie umbringen wollten).

Er war nämlich mit seinen Truppen in Eilmärschen vorgerückt, um die Norweger zu überraschen. Und das gelang ihm. Die meisten Wikinger hatten ihre Waffen nicht bei sich als die Engländer schon in Sichtweite waren und nur noch den Fluss überqueren mussten, um zu ihnen zu gelangen. Darüber hinaus waren die Norweger betrunken, und zerstreut.

Eigentlich waren die Wikinger den Engländern überlegen, auch zahlenmäßig. Doch so verteilt wie sie nun waren, wäre es ein leichtes für die englische Streitmacht gewesen sie einen nach dem anderen nieder zu machen.

Die Norweger brauchten also Zeit, um sich zu organisieren.

Und die sollte ihnen unser Held verschaffen.

Der norwegische König persönlich beauftragte ihn damit die englische Streitmacht so lange aufzuhalten wie möglich.

Ja, ihn alleine.

Auch ein geiler Auftrag für einen Soldaten. Ich würde mal gerne sehen was passiert, wenn ein General der Bundeswehr das von einem Bundeswehrsoldaten verlangt.

Wie gesagt, wir wissen fast nichts über unseren Helden, aber anscheinend schien er einen ganz guten Ruf als Kämpfer gehabt zu haben.

Aus englischen Überlieferungen wissen wir jedenfalls, dass er die Brücke, die die Armee überqueren musste, gerade noch vor dieser erreichte. Dort stand er mit einer großen Axt in den Händen und weigerte sich störrisch die Engländer vorbei zu lassen.

Gandalf wäre stolz auf ihn gewesen.

Der namenlose Wikinger weigert sich die Engländer die Brücke überqueren zu lassen.

Du und welche Armee?

Stellt euch vor ihr seid ein erfahrener englischer Soldat, Teil der königlichen Armee. Ihr marschiert seit Tagen im Eiltempo, um die Feinde zu überraschen. Es geht um die Zukunft Englands.

Dann habt ihr die Feinde fast erreicht, ihr hört sie schon grölen. Sie bemerken euch und ihr hört die Angst in ihren Stimmen. Euer Gebieter hebt schon sein Schwert und ist dabei den Angriffsbefehl zu geben.

Und dann steht da ein halbnackter Typ mit Axt vor der Armee und will euch nicht vorbeilassen.

Das muss den Engländern zunächst lächerlich vorgekommen sein.

Zunächst!

Doch irgendwie war es dann tatsächlich gar nicht so leicht an ihm vorbei zu kommen. Einschüchtern ließ er sich nicht. Die ersten, die versuchten die Brücke zu überqueren, erschlug er. Und die, die ihn töten wollten, legte er auch um.

Und nach einiger Zeit erschwerten Duzende englische Leichen die Überquerung der Brücke noch weiter.

Aus einer lächerlichen Verzweiflungstat war auf einmal ein geniales Manöver geworden. Denn während die Ein-Mann-Armee das englische Heer in Schach hielt, formierte sich der Rest der Norweger langsam, aber sicher.

Der einzelne Wikinger hatte sage und schreibe 42 Engländer getötet und viele weitere schwer verletzt als es das Inselfolk aufgab mit fairen Mitteln gegen den Nordmann vorzugehen. Ein Engländer war während des Kampfes still und heimlich mit einem kleinen Boot und einem langen Speer zur Brücke gepaddelt.

In einem günstigen Moment stach der feige Engländer zu und verwundete den Wikinger so schwer, dass der Rest der Armee ihn schließlich überwältigen konnte.

Die Auswirkungen

Aus Sicht der Engländer hätte diese Aktion keine Sekunde länger dauern dürfen. Die Norweger hatten sich noch nicht vollständig formiert und viele Nordmänner waren sogar noch unbewaffnet.

Die Engländer überquerten die Brücke also so schnell wie möglich und griffen ohne Umschweife an.

Tatsächlich schlugen sie die als unbesiegbar betrachteten Norweger an diesem Tag vernichtend. Nur circa 10 Prozent der Norweger schafften es zurück nach Norwegen. Selbst ihr König, der heute als letzter wahrer Wikinger bezeichnet wird, starb. Ein Pfeil streckte ihn nieder.

Ironischerweise brachte den Engländern dieser heroische Sieg herzlich wenig. Fast zeitgleich zum Einfall der Norweger im Norden Englands war nämlich ein Heer der Normannen aus Frankreich im Süden Englands eingefallen.

Den Engländern blieb also keine Zeit sich auszuruhen. Nach ihrem Sieg eilten Sie, um die Normannen aufzuhalten…

… und wurden ihrerseits vernichtend geschlagen.

Tatsächlich eroberten die Normannen England. Und bis zu diesem Tag sind sie auch die letzte ausländische Macht geblieben die erfolgreich in Britannien einfallen konnte.

Was unseren Helden anbelangt. Nun, die Engländer ließen ihn keineswegs auf der Brücke vergammeln. Bevor die Normannen England eroberten, bestatteten die Engländer den Wikinger ehrenhaft, wie es einem großen Krieger gebührt.

In ihren Aufzeichnungen wurde seine Heldentat schließlich verewigt und so konnte ich euch heute etwas über ihn erzählen.

„Ein ziemlich krasser Draufgänger“ denkt ihr euch jetzt bestimmt.

Wenn euch solche Typen faszinieren, dann hab ich hie noch einen anderen Artikel, der euch sicher interessieren wird: Der Brief der seinen Schöpfer tötete.

Quellen

Marren, Peter. 1066: The Battles of York, Stamford Bridge & Hastings. Grub Street Publishers, 2004.

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Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Der Brief der seinen Schöpfer tötete

Nur die Harten kommen in den Garten!

Gangsterrap. Ein Genre das in der Regel mit Gewalt, Aggressivität und übersteigertem Ehrgefühl verbunden ist. 50 Cent, 2pac, Xatar, Bushido – Autoren gewalttätiger Texte, und von Gewalt und Kriminalität geprägte Lebensläufe. Doch was wenn ich euch sage, dass sie, verglichen mit einer Gruppe anderer Künstler, wie streitsüchtige kleine Schulbuben erscheinen? Welche Gruppe soll das sein fragt ihr?

Na, das ist doch klar!

Die Dichter der europäischen Romantik.

Von ihren heute oft schnulzig anmutenden Liebesdichtungen sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor allem das frühe 19. Jahrhundert und die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit brachte so manches Werk hervor, das offen zur Gewalt gegen die herrschende Ordnung aufruft. Doch nicht nur die Werke romantischer Dichter, sondern auch ihr Leben und schließlich ihr Tod sind oft von ausufernder Gewalt geprägt. Unter diesen tragischen Gestalten sticht vor allem ein Dichter hervor:

Der größte Dichter

Aleksandr Puschkin. Er gilt als der größte russische Dichter und kann wohl auch als einer der größten Dichter überhaupt angesehen werden. Seine Werke zeugen von poetischer Virtuosität, Witz und hervorragenden Kenntnissen antiker, europäischer und russischer Geschichte und Literatur. Seine freiheitspreisenden Jugendgedichte strotzen vor mitreißendem Pathos und Gewaltverherrlichung. Der Dolch wird zur Waffe der Tyrannenmörder und Unterdrückten, die die ungerechten Herrscher dieser Welt ihrer gerechten Strafe zuführen. Zu dieser Zeit steht der Dichter selbst der Bewegung der Dekabristen, die den russischen Zaren absetzen und eine Art Adelsrepublik installieren wollen, sehr nahe und für den Inhalt seiner Werke wird er zwei mal in die Verbannung geschickt. Bereits in jungen Jahren ist sein Schaffen als Dichter also eng mit seinem Leben und seinem Schicksal verknüpft. Dies sollte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1837 nicht ändern.

Der Tod und die Umstände, die zum Ende des begnadeten Poeten führten, scheinen nämlich direkt einem seiner romantischen Werke entnommen zu sein. Wie die meisten tragischen Tode beginnt die Geschichte vom Untergang der „russischen Sonne“, wie der Autor später von Kritikern genannt werden sollte, mit Eifersucht und verletztem Stolz.

Der Eklat

Eifersucht. Wir alle kennen dieses Gefühl und wissen nur zu gut, wie es uns von innen heraus auffressen kann. Einmal Besitz von uns ergriffen, lässt sie uns nicht mehr los und nimmt wesentlichen Einfluss auf unser Handeln. Als der französische Offizier und spätere Schwager des Dichters Georges-Charles d’Anthès Puschkins Frau nachstellte und sich Gerüchte über eine Affäre der beiden verbreiteten, ließ Puschkin dem Nebenbuhler eine Forderung zum Duell zukommen. Das Aufeinandertreffen der Kontrahenten konnte damals noch gerade (unter anderem durch die Intervention des Zaren selbst) verhindert werden.

Der Meisterschütze

Auch d’Anthès wird über diesen Verlauf der Dinge erfreut gewesen sein. Puschkin galt als ausgezeichneter Schütze und war bereits vorher in insgesamt 20 Duelle verwickelt worden. Sein aufbrausendes Temperament und seine scharfe Zunge brachten ihn schon in seiner Jugend schnell in brenzlige Situationen. Darüber hinaus war er von der romantischen Idee des Duells auf Leben und Tod fasziniert, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt.

Wenn es tatsächlich zu einem Duell kam, stand er seinem Gegenüber meist kalt und gleichgültig, oder mit einem hämischen Grinsen gegenüber. Bekannte des Dichters erinnern sich daran wie folgt:

Ich wusste, dass Aleksandr Sergeevič (Puschkin) hitzig war, manchmal bis zur Raserei; aber in der Stunde der Gefahr, wenn er dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, besaß er das höchste Maß an Gleichmut […]. Wenn es zur Konfrontation kam, wurde er kalt wie Eis.

Puschkin fürchtete Geschosse ebenso wenig wie den Giftstachel der Kritik. Während seine Gegner auf ihn zielten, schien es, als würde er, satirisch lächelnd und auf den Pistolenlauf seines Gegenübers blickend, bereits ein bösartiges Epigramm auf diesen und seinen Fehlschuss dichten.

Zu einem Duell soll der Dichter sogar mit einer Hand voll Kirschen erschienen sein, die er genüsslich verspeiste, während sein Gegner auf ihn feuerte.

Könnt ihr euch vorstellen ein Rapper wie Bushido oder Xatar würde sich mit diesem Meister der Provokation und Heißblütigkeit messen? Ich fürchte sie würden buchstäblich Messer mit zu einer Schießerei bringen.

Doch könnten sie selbst in so einem Fall auf die Gutmütigkeit des Dichters hoffen. Maß er sich nämlich mit Kontrahenten, von denen keine allzu große Treffsicherheit zu erwarten war, so gab er seinen Schuss in die Luft ab.

Von seinen eigenen Fähigkeiten im Umgang mit der Schusswaffe war er jedoch stets (zu Recht) Überzeugt. Durch „hartes Training“ hatte er sich über die Jahre geschult. Dieses Training fand in der Regel morgens gleich nach dem Erwachen statt. Wo? Na wo befindet man sich denn gleich nach dem erwachen? Im Bett natürlich.

Noch vor dem Aufstehen nahm er sich seine Waffe, die er mit Kugeln aus weichem Brot lud, vom Nachttisch und schoss die verschiedensten Muster an die Decke. Er beschaffte sich einen schweren Eisenstab, den er überall hin mit sich führte. Auf die Frage wieso er dies täte antwortete er seinem Onkel, es sei eine Maßnahme um seinen Arm und seine Hand für bevorstehende Schusswechsel zu stärken.

Oberst Semen Nikitič Starov, mit dem sich Puschkin ein Duell während eines Schneesturms geliefert hatte, bei dem beide Teilnehmer glimpflich davon gekommen waren, gestand seinem Kontrahenten ebenfalls einen festen Charakter auf der Schussbahn zu:

Sie stehen genauso gut im Kugelhagel, wie sie schreiben.

Für den größten russischen Dichter kein geringes Kompliment. Da das Duellieren einen so hohen Stellenwert in Puschkins Leben einnahm, ist es auch nicht verwunderlich, dass es Einfluss auf sein Werk genommen hat. Sein Hauptwerk, der Roman in Versen Evgenij Onegin, beinhaltet eine der bemerkenswertesten Duellszenen der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Der Brief

Nachdem es erneut zu Annäherungsversuchen von d’Anthès gekommen war, verlor Puschkin endgültig die Beherrschung und verfasste einen Brief an den Adoptivvater seines Nebenbuhlers, der faktisch nur mit der Forderung zum Duell beantwortet werden konnte. Hier ein Ausschnitt aus dem Schreiben:

Sie gestatten, Baron, mir inzwischen die Feststellung, daß Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit nicht übermäßig anständig gewesen ist. Sie, als beglaubigter Vertreter eines gekrönten Staatsoberhauptes waren der Kuppler Ihres eigenen Bastardes, und sein im Übrigen ziemlich ungeschminktes Benehmen dürfte von Ihnen selbst gelenkt worden sein. Sie haben ihm seine erbärmlichen Liebeserklärungen sowie alle seine schriftlichen Niederträchtigkeiten souffliert! Wie einem liederlichen Frauenzimmer haben Sie meiner Frau in allen Ecken aufgelauert, um ihr von der Liebe Ihres Sohnes zu erzählen, und noch während er zu Hause seine Geschlechtskrankheit auskurierte, machten Sie ihr weis, ›daß er aus Liebe zu ihr im Sterben läge‹ und murmelten ihr zu, ›Gib mir meinen Sohn zurück‹. Sie werden es wohl verstehn, daß ich nach Allem weitere Beziehungen zwischen meiner und Ihrer Familie nicht dulden konnte. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, diese schmierige Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Sie nicht, wie es wohl mein gutes Recht gewesen wäre und zunächst auch meine Absicht gewesen ist, bei Hofe bloszustellen. Ich will aber nicht, daß meine Gattin Ihren väterlichen Ermahnungen zuzuhören hat, ich kann nicht dulden, daß nach seinem ekelhaften Benehmen Ihr Sohn sich auch noch die Unverschämtheit leistet, weiterhin mit meiner Frau zu sprechen, ihr den Hof zu machen, ihr Kasernengeschichten und -witze zu erzählen und den zärtlich ergebenen und unglücklichen Verliebten zu spielen, während er doch nichts anderes, als ein Schurke und Taugenichts ist.

Diese Zeilen erinnern schon ein wenig an die Texte heutiger Rap-Battles oder? Gleichzeitig zeigen sie, wie schnell im 19. Jahrhundert literarische Fehden zu echtem Blutvergießen führen konnten. Wie oft beleidigen sich zeitgenössische Musiker und drohen sich Gewalt in ihren Texten an, nur um dann doch nichts zu machen. Wenn bereits Worte wie Schurke oder Taugenichts die Kontrahenten dazu gebracht haben mit Pistolen aufeinander loszugehen, wie hätte einer wie Puschkin wohl reagiert, wenn er einen Text von Bushido gehört hätte und dieser gegen ihn gerichtet wäre? Vermutlich hätte er unverzüglich Satisfaktion gefordert und ihn in einem Duell über den Haufen geschossen.

So nahm der Dichter die Aufforderung seines Kontrahenten ohne Umschweife an und ließ sich auch im Nachhinein auf keine Beschwichtigungsversuche ein. „Je blutiger, desto besser“ soll er gesagt haben, als die Bedingungen für das Duell festgelegt wurden. Unerbittlich hielt er daran fest, dass Duell auszuführen. Er sprach davon wie seine Rache die Welt verändern würde und sein Verhalten wurde zunehmend sonderbar, sodass ihn sogar einige Freunde für verrückt erklärten. Die Eifersucht und das Misstrauen des Dichters richteten sich nicht nur gegen d’Anthès. Auch in anderen, unter anderem Im Zaren selbst sah er unerwünschte Nebenbuhler. Ein Umstand der seine geistige Verfassung kurz vor dem Duell nicht im besten Licht erstrahlen lässt.

Der Tod

Am 27. Januar 1837 trafen sich die beiden Gegner und ihre Sekundanten auf einem verschneiten Feld unweit von Sangt Petersburg um das Duell durchzuführen. Ein Szenario, wie es Puschkin selbst in seinem Versroman Evgenij Onegin beschrieben hatte. Wie das fiktive Duell sollte auch dieses mit dem Tod eines Dichters enden.

Den ersten Schuss feuerte d’Anthès ab und traf Puschkin in den Bauch. Doch war das Duell damit nicht vorbei. Bereits tödlich verwundet bestand der Dichter darauf auch seine Kugel noch abfeuern zu dürfen. Hier machte sich sein Training bezahlt. Unter Schmerzen im Schnee liegend legte er an und zielte auf seinen Widersacher. Obwohl die Schmerzen kaum auszuhalten gewesen sein müssen zitterte seine Hand nicht. Schließlich schoss er auf den verdutzten d’Anthès und traf diesen in die Brust. Der Kontrahent des Dichters hatte jedoch Glück. Der Treffer verursachte keine tödliche Verletzung.

So stellte sich Adrian Vokov das Duell der beiden Kontrahenten vor. Das Gemälde wurde 1869 fertig gestellt.

Nachdem er den Schuss abgefeuert hatte, sank Puschkin erschöpft im Schnee zusammen und wurde von den Sekundanten in die Kutsche getragen und nach Hause gefahren. Dort hatte er noch zwei Tage um seine Angelegenheiten zu regeln bevor er seiner Verletzung erlag.

Puschkin soll sich nach dem Duell, in den ihm verbleibenden Stunden, ruhig und sehr gefasst gezeigt haben. Er bat den Zaren um Verzeihung für die Missachtung seines Befehls sich auf kein Duell mit d’Anthès einzulassen und tröstete seine Frau Natalia, die mehrmals am Sterbebett des Dichters in Tränen ausbrach.

Trotz seiner Popularität wurde Puschkin nur eine kleine Beerdigung zu Teil. Die zaristische Regierung fürchtete, dass – hielte man eine öffentliche Beisetzung ab – es im Verlauf der Feierlichkeiten zu einem Aufstand kommen könnte. Daher wurde der Dichte im Geheimen und nur in Anwesenheit des engsten Familien- und Freundeskreis beerdigt. Dies zeigt, dass trotzt seiner Stellung am Hof des Zaren die revolutionären Ideen, die mit seinem Namen verknüpft waren, ihre Wirkung nicht verloren hatten.

Am 27. Januar 1837 wurde die Welt eines Genies beraubt – eine Tragödie die sich bereits fünf Jahre zuvor in Frankreich im Falle Galois abgespielt hatte.

Das Vermächtnis

„Exegi monumentum“ (lat. Ich habe mir ein Denkmal gesetzt) – so lautet der Titel eines der späten Gedichte Puschkins, das er in Anlehnung auf Horaz gleichnamige Ode verfasste. Und mit diesem Ausspruch hatte er Recht.

Der Name Puschkin, der bereits zu Lebzeiten des Dichters in aller Munde war, erlangte nach dem tragischen Tod des Dichters in Russland eine unvergleichbare Bedeutung und sein Poetisches Werk ist nicht nur für die russische Literatur, sondern auch für die russische Sprache überhaupt ein unermessliches Vermächtnis. Es umfängt zahlreiche Gedichte, Versepen, Geschichten, Dramen und Romane die so populär wurden, dass sie schnell in die russische Folklore eingingen und bis heute wesentlicher Teil russischer Kultur geblieben sind.

Zu Recht wird er als der größte russische Dichter bezeichnet.

Quellen

Lauer, Reinhard. „Aleksandr Puškin. Eine Biographie.“ C.H. Beck 2006.

Chodasevič, Vladislav. „Puškin i poėty ego vremeni”. Tom tretij (Stat’i, recenzii, zametki 1935-1939 gg.). Berkeley 2014.

Reck-Malleczewen, Fritz. „Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma.“ Berlin 1940.

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Race Relations: Die Wende

Worum geht es hier?

Immer wieder und immer häufiger liest man nun von hate crimes. Dies sind Verbrechen, die an einer Person begangen werden, nur weil diese zu einer bestimmten Gruppe gehört. Sehr häufig ist diese Gruppe eine race (zum Beispiel Farbige oder Weiße in den USA).

Ich sage race, weil es im Deutschen kein Wort für das gibt, was die Amerikaner als race bezeichnen.

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen races in den USA scheint also angespannt.

Ist sie das wirklich? Oder übertreiben die Medien wie so oft?

Können wir abschätzen wie sich die Beziehungen zwischen den races, also die race relations in Zukunft entwickeln wird?

Was haben die race relations mit dem Aufstieg von Populisten zu tun?

Antworten auf all diese Fragen und noch viel mehr erwartet euch beim Lesen dieses Artikels!

Um welche Gruppen geht es?

In der folgenden Analyse werde ich mich auf die USA beschränken, hauptsächlich weil es dort die besten Daten gibt. In offiziellen deutschen Statistiken gibt es zum Beispiel keine Kategorie wie race. Wie gesagt, wir haben ja noch nicht einmal ein Wort dafür.

In den USA wird zwischen einer schwarzen und einer weißen race unterschieden. Hispanics sind keine race. Die meisten Hispanics bezeichnen sich als weiß. Jedoch werden sie häufig als eigene Gruppe, getrennt von der weißen race, betrachtet.

Diese drei Gruppen: Weiße, Schwarze und Hispanics machen 2020 mehr als 90% der US-Bevölkerung aus. Ich werde mich im Folgenden auf die Beziehungen zwischen diesen drei Gruppen beschränken.

Wenn ich von Weißen rede, meine ich Weiße, die keine Hispanics sind. Wenn ich von Schwarzen rede meine ich Schwarze, die keine Hispanics sind.

Die Gruppengrößen im Zeitverlauf

Wie groß sind diese Gruppen eigentlich und wie haben sich die relativen Gruppengrößen im Zeitverlauf entwickelt?

Das zeigt die folgende Graphik:

Anteile von Weißen, Schwarzen und Hispanics an der US-Amerikanischen Gesamtbevölkerung über die Zeit.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von US-Zensus Daten.
Link: www.census.gov

Die blaue Linie sagt uns für verschiedene Zeitpunkte wie hoch der Anteil der Weißen an der Gesamtbevölkerung der USA war. Zum Beispiel waren im Jahre 1950 ca. 87% der US-Amerikaner weiß.

Die USA wurden 1776 gegründet. Anteile vor diesem Zeitpunkt beziehen sich auf die europäischen Kolonien.

Wie man sieht, ist der Anteil der Weißen innerhalb der europäischen Kolonien mit der Zeit zurückgegangen, bis zu einem Tiefstand von ca. 78% im Jahre 1770. Dieser Rückgang ist vor allem durch Sklavenimporte aus Afrika zu erklären.

Ab diesem Zeitpunkt stieg der Anteil der Weißen jedoch wieder an, getrieben vor allem durch Immigration aus Irland und Deutschland im frühen 19. Jahrhundert. 1880 betrug der Anteil der Weißen wieder fast 90%. So bleib es auch bis 1950.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank der Anteil der Weißen an der Bevölkerung extrem schnell. 2019 betrug er nur noch 60%.

Der Anteil der Schwarzen an der Bevölkerung schwankte im Zeitverlauf weniger stark. Zwischen 1600 und 1770 stieg er von 0% auf über 20% an. Von dort sank er langsam, bis er 1950 die 10 Prozent Marke unterschritt. In den letzten 70 Jahren ist der Anteil der Schwarzen leicht gestiegen und liegt nun bei ca. 12 Prozent.

Eine große Hispanic Population gibt es innerhalb der USA noch nicht lange. Jedoch wächst diese Gruppe rasant. 1950 lag ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung noch bei 2%. 2019 waren schon 18% aller US-Amerikaner Hispanics.

Sympathie messen

Wie würdet ihr Sympathie gegenüber einer bestimmten Gruppe messen?

Einfach fragen, oder? Jedoch muss man sehr genau aufpassen, wie man fragt, denn selbst minimale Veränderungen der Frage können zu ganz anderen Antworten führen.

Eine Standardfrage, um Sympathie zu messen sind sogenannte Gefühlsthermometer. Die sollen messen wie warm (oder wohlwollend) Gefühle gegenüber einer Gruppe sind.

Ob uns Antworten auf diese Frage wirklich etwas Relevantes verraten werde ich später noch untersuchen.

Spoiler Alarm:

Ja, tun sie wahrscheinlich schon.

Wie funktionieren diese Fragen?

Wenn man beispielsweise die Sympathie gegenüber Weißen messen will, werden die Umfrageteilnehmer gefragt, wie wohlgesinnt sie Weißen sind. Sie können sich eine Zahl zwischen 0 und 100 aussuchen. 100 bedeutet extrem wohlwollend oder positiv, 0 bedeutet sehr feindselig oder negativ.

Solche Fragen wurden in die American National Election Studies (ANES) eingegliedert. Hierbei handelt es sich um eine Umfrage, die seit über 60 Jahren wiederholt durchgeführt wird. Außerdem ist die Umfrage repräsentativ für die (Wahl-)Bevölkerung der USA.

Schauen wir uns doch einmal zusammen die Ergebnisse an.

Was denkt die Bevölkerung?

Die Thermometer-Frage wurde erstmals 1964 gestellt. Was glaubst du, wie positiv waren die Befragten damals im Durchschnitt gegenüber Weißen eingestellt?

Die folgende Graphik kann es dir verraten.

Durchschnittliche Sympathie in der US-Amerikanischen Gesamtbevölkerung gegenüber Weißen, Schwarzen und Hispanics über die Zeit.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Lass uns erstmal über die Punkte in der Graphik reden. Ganz oben links liegt ein blauer Punkt auf der blauen Linie. Dieser Punkt ist so nett und beantwortet unsere Frage. Im Durchschnitt haben Weiße eine Bewertung von etwa 83 (von 100) erhalten.

Ziemlich gut! Die damalige Bevölkerung hatte scheinbar eine sehr positive Meinung von Weißen.

Und wie sah das im Jahre 1980 aus?

Wir suchen einfach auf der Jahr-Achse das Jahr 1980 und suchen dann den blauen Punkt, der genau über der 1980 ist. Wir sehen: Die Wertung lag im Durchschnitt bei 77.

Einfach, oder?

Wie wurden denn Schwarze bewertet?

Auch das kann uns die Graphik verraten!

Dazu sehen wir uns einfach die grünen Punkte an. Der erste Punkt sagt uns, dass 1964 die US-Amerikaner den Schwarzen im Durchschnitt eine Wertung von 63 gaben. Deutlich weniger als bei den Weißen aber immer noch größer als 50. Das heißt, im Durchschnitt hatten die US-Amerikaner damals ein positives Bild von Schwarzen.

Wie das mit Hispanics funktioniert, weißt du jetzt bestimmt schon, oder?

Einfach nur die roten Punkte betrachten. Hier gibt es leider erst etwas später die ersten Daten, weil in früheren Umfragen nicht nach der Meinung zu Hispanics gefragt wurde. Verständlich, denn sie waren da ja auch noch eine winzige Minderheit.

Soweit zu den Punkten, was sollen die Linien?

Nun, die Punkte fluktuieren, wie man sieht. Die Linien stellen eine Schätzung für den zugrunde liegenden Trend dar.

Nun verstehen wir die Graphik und können sie interpretieren.

Wie man sieht, waren und sind Weiße die beliebteste Gruppe in den USA. Danach folgen Schwarze und Hispanics bilden das Schlusslicht.

Das heißt jedoch nicht, dass es keine Entwicklungen gegeben hätte.

1964 war der Abstand zwischen Weißen und Schwarzen gigantisch. Weiße wurden mit 20 Punkten (von 100) positiver bewertet als Schwarze.

Seitdem ist viel passiert.

Die Beliebtheit von Weißen hat sehr gelitten und ist nun 10 Punkte geringer als vor einem halben Jahrhundert. Dieser Verlust an Beliebtheit war schon 1995 abgeschlossen, er hat sich also in nur 30 Jahren vollzogen.

Seitdem nimmt das Ansehen der Weißen wieder langsam zu.

Für Schwarze und Hispanics ist der Trend genau andersherum. Von ihren relativ geringen Levels vor ca. 50 Jahren ist die Beliebtheit dieser Gruppen stark angestiegen.

In den 2000ern erreichte die Beliebtheit dieser Gruppen dann ihren bisherigen Höhepunkt. Seitdem stagnieren ihre Beliebtheit bzw. gehen leicht zurück.

Das Ansehen der Weißen war also um 2000 so gering wie sonst nie und gleichzeitig war das Ansehen von Hispanics und Schwarzen um 2000 so hoch wie sonst nie. Entsprechend war die Differenz im Ansehen auch in den 2000ern so klein wie sonst nie.

In der Tat ist der Unterschied im Ansehen zwischen Weißen und „dem Rest“ bis in die frühen 2000er immer weiter gesunken.

Doch nun vollzieht sich eine Wende.

Der Unterschied im Ansehen steigt wieder, zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert.

Was denken die Weißen?

Bis jetzt haben wir uns angeschaut was der durchschnittliche US-Amerikaner denkt. Aber was denkt der durchschnittliche Weiße?

Diese Frage wird durch die folgende Abbildung beantwortet. Der einzige Unterschied zur letzten Abbildung besteht darin, dass wir nun ausschließlich die Antworten von Weißen berücksichtigen.

Durchschnittliche Sympathie unter US-Amerikanischen Weißen gegenüber Weißen, Schwarzen und Hispanics über die Zeit.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Wie man sehen kann, sind die beiden Graphiken recht ähnlich. Dies macht Sinn, denn der Großteil der US-Amerikanischen Bevölkerung ist weiß.

In dieser Graphik ist die Wende der Race Relations in den frühen 2000ern noch etwas deutlicher. Die Sympathie-Kurve der Weißen steigt hier etwas stärker an. Die steigende Sympathie für Weiße in den USA seit 2000 ist also darauf zurück zu führen, dass die Weißen seitdem ein positiveres Selbstbild entwickelt haben.

Die Meinung von Hispanics und Schwarzen stagniert hingegen eher seit 2000, bei Hispanics scheint sie leicht zugenommen zu haben.

Was denken die Schwarzen?

Gerade haben wir uns auf die Antworten von Weißen Befragten beschränkt. Lass und nun nur Schwarze Befragte anschauen.

Die Art der Abbildung ist wieder dieselbe, hier ist die Graphik:

Durchschnittliche Sympathie unter US-Amerikanischen Schwarzen gegenüber Weißen, Schwarzen und Hispanics über die Zeit.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Wir hatten vorhin gesehen, dass Weiße sich selbst sympathischer finden als andere Gruppen.

Wie man sieht, haben Schwarze auch mehr Sympathie für andere Schwarze als für Hispanics oder Weiße. Der Unterschied zwischen der Sympathie für die eigene Gruppe ist bei Schwarzen sogar deutlich stärker ausgeprägt als bei Weißen.

Weiße bewerteten die Weißen 2016 im Schnitt um ca. 7 Punkte sympathischer als Hispanics und Schwarze. Bei Schwarzen betrug der Unterschied 2016 zu Hispanics ca. 13 Punkte und zu Weißen sogar 18 Punkte.

Wie man sieht, war dies bei Schwarzen schon seit den 1960er Jahren vorhanden, 1964 sogar noch stärker als jetzt.

Im Laufe der Zeit ist diese besondere Sympathie für die eigene Gruppe, wie bei den Weißen, zurück gegangen. Bis zum Jahre 2000 hatte die Sympathie gegenüber Schwarzen abgenommen und die Sympathie gegenüber Weißen und Hispanics zugenommen.

Genau wie bei den Weißen hat aber seit 2000 eine Wende stattgefunden.

Die Sympathie gegenüber Schwarzen steigt wieder leicht, während die Sympathie für Weiße in den letzten 16 Jahren extrem zurück gegangen ist.

Die Sympathie gegenüber Hispanics ist jedoch weiter gestiegen und ist 2016 so hoch wie nie zuvor. Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen sind Schwarze nun sogar positiver gegenüber Hispanics eingestellt als gegenüber Weißen.

Was denken die Hispanics?

Das gleiche Spiel können wir zu guter Letzt auch noch mit den Hispanics spielen. Um die folgende Graphik zu erstellen habe ich nur Antworten von Hispanics berücksichtigt.

Durchschnittliche Sympathie unter US-Amerikanischen Hispanics gegenüber Weißen, Schwarzen und Hispanics über die Zeit.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Wieder sehen wir, dass Hispanics ihre eigene Gruppe positiver bewerten als die beiden anderen. Im Jahre 2016 um satte 11 Punkte.

Auch hier ist jedoch wieder festzuhalten, dass Hispanics die anderen Gruppen nicht hassen. Im Gegenteil, die durchschnittlichen Bewertungen für die anderen Gruppen sind zu allen Zeitpunkten weit über der 50% Marke. Dies bedeutet, dass Hispanics Schwarzen wie Weißen wohlgesonnen sind. Ihre eigene Gruppe mögen sie nur eben noch lieber.

Wenn wir die Trends betrachten, erkennen wir, dass diese besondere Sympathie für die eigene Gruppe seit den 1970er Jahren immer weiter zugenommen hat.

Die Sympathie für Schwarze hat seit den 60er Jahren ebenfalls zugenommen während Sympathie für Weiße stark abgenommen hat. Tatsächlich war die Sympathie für Weiße jahrzehntelang deutlich höher als die für Schwarze. 2016 war die Sympathie für die Hispanics gegenüber den beiden Gruppen fast identisch.

Auch hier zeigt sich wieder ganz deutlich die Wende der Race Relations.

In den 70er Jahren hatten Hispanics etwas mehr Sympathie für ihre eigene Gruppe als für die Weißen und deutlich mehr als für die Schwarzen.

Bis zum Jahr 2000 veränderte sich die Sympathie für Weiße kaum, die Sympathie für Schwarze stieg jedoch deutlich an.

Dies führte dazu, dass die Sympathie-Differenz zwischen ihrer eigenen Gruppe und den beiden anderen Gruppen im Jahre 2000 so gering war wie nie zuvor.

Auf diese Konvergenz vor 2000 folgte jedoch eine Divergenz.

In den folgenden Jahren wurde den Hispanics ihre eigene Gruppe immer sympathischer, während ihnen die beiden anderen Gruppen immer unsympathischer wurden.

Zwischenfazit

Fassen wir unsere Erkenntnisse noch einmal kurz zusammen:

  1. Alle betrachteten Ethnien/Races in den USA finden sich selbst am tollsten.
  2. Zwischen 1960 und 2000 fand ein Mega-Trend statt. Alle 3 Hauptgruppen (Weiße, Schwarze, Hispanics) wurden immer toleranter gegenüber den anderen beiden Gruppen.
  3. Dieser Mega-Trend hat sich nun umgekehrt. Die eigene Gruppe wird nun mit der Zeit immer stärker gegenüber den anderen Gruppen bevorzugt.

Wieso ist das wichtig?

Kann ich dir sagen!

Sagen wir mal eine bestimmte Person hat den Weißen einen Sympathie-Wert von 80 gegeben, den Schwarzen einen von 70 und den Hispanics einen von 60.

Dann findet die Person Weiße um 10 Punkte sympathischer als Schwarze und 20 Punkte sympathischer als Hispanics. Man könnte auch sagen sie findet Weiße um 15 Punkte sympathischer als die durchschnittliche andere Gruppe.

Diese Differenz nenne ich Nettosympathie für Weiße. Wenn sie größer ist als 0, dann findet die Person Weiße sympathischer als den Durchschnitt der beiden anderen Gruppen. Wenn sie 0 ist, dann findet die Person Weiße genau so sympathisch wie den Durchschnitt der beiden anderen Gruppen und wenn sie positiv ist dann…

Naja, du weißt schon.

Betrachten wir jetzt gemeinsam die folgende Graphik:

Anteil der Trump-Wähler für verschiedenen Gruppen nach Netto-Sympathie für Weiße.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Auf der x-Achse sind verschiedene eingeklammerte Werte zu sehen. Dies sind Werte für die Nettosympathie gegenüber Weißen. Die erste Klammer bezieht sich auf Befragte, die eine Nettosympathie zwischen -69,7 und -59,9 haben. Dies sind Leute, die Weiße viel unsympathischer finden als Schwarze und Hispanics

Der schwarze Punkt oberhalb dieser Klammer zeigt an, wie viel Prozent dieser Befragten 2016 für Trump gestimmt haben. Es sind nur 20%.

Die Interpretation für die anderen Klammern ist ähnlich.

Und wir erkennen ein Muster!

Menschen, die eine geringe Nettosympathie für Weiße haben, haben zum größten Teil Clinton gewählt. Die hingegen, die eine hohe Netto-Sympathie für Weiße haben (weiter rechts), haben mehrheitlich Trump gewählt. (NA sind die, die keine Angaben machen wollten).

Es gibt also einen engen Zusammenhang zwischen der Sympathie, so wie wir sie gemessen haben, und dem Wahlverhalten.

Daher scheint sich eine Veränderung der von uns gemessenen Sympathie tatsächlich in echten Einstellungen und echtem Verhalten nieder zu schlagen.

Stimmt das wirklich?

Ich geb’s ja zu: die graphische Analyse oben hat eine Schwachstelle, die ich hier besprechen möchte:

Es ist nicht klar, inwieweit diese graphische Evidenz eine Kausalität widerspiegelt.

Führte eine höhere Netto Sympathie wirklich zu mehr Trump-Stimmen oder gab es eine dritte Variable im Hintergrund die beide beeinflusste?

Eigentlich müsste man ein Experiment machen oder ein natürliches Experiment finden, um Kausalität zu zeigen.

Dies würde aber den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Im Folgenden möchte ich aber die Daten, die mir momentan zur Verfügung stehen, nutzen, um die offensichtlichsten Probleme zu beheben. Ich werde die Ergebnisse einer OLS-Regression zeigen, in der ich für alle relevanten Variablen kontrolliere, die in der ANES Umfrage abgefragt wurden.

Dies erlaubt es mir auszuschließen, dass die kontrollierten Variablen sowohl das Wahlverhalten als auch die Sympathie beeinflussen.

Für die, die keine Ahnung haben was OLS bedeutet: Ihr könnt den nächsten Abschnitt überspringen 🙂

Was jetzt kommt wird unsere Schlussfolgerungen sowieso nicht ändern.

OLS-Ergebnisse

Die Regressionsgleichung sieht wie folgt aus:

I[i stimmt für Trump]i=a +NWi *b + Xi*c + ei

für i=1,…,N.

I[i stimmt für Trump]i ist 1 wenn Befragter i Trump gewählt hat und sonst 0. NWi ist die Netto-Sympathie für Weiße von Befragtem i. Xi ist eine Matrix, die die folgenden Variablen enthält: Bildung, Arbeitsstatus (Arbeitssuchend, arbeitend…), Soziale Klasse (Mittelschicht, Oberschicht…), Familienstand, Migrationshintergrund (ja, nein), Alter, Geschlecht, Region des Wohnorts, Race, Ethnie (enthält nicht nur Hispanics), religiöse Zugehörigkeit, Religiosität und Einstellungen gegenüber illegalen Einwanderern, Homosexuellen und Feminismus.

Die Ergebnisse der Regression sind in der folgenden Tabelle dargestellt:

Abhängige Variable:
Trump-Wahlindikator
(1)(2)
Nettosympathie für Weiße0,049***0,044***
Kontrollvariablen
DemographieNeinJa
ReligionNeinJa
Ethnie/RaceNeinJa
WerteNeinJa
BildungNeinJa
Beobachtungen2.5472.336
Angepasstes R20,0080,427
Signifikanzniveaus:*p<0,1; **p<0,05; ***p<0,01
Ergebnisse einer OLS-Regression. Es wurden robuste Standardfehler verwendet. Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von ANES Daten
Link: https://electionstudies.org/data-center/anes-time-series-cumulative-data-file/

Die Nettosympathie wurde standardisiert, um die Interpretation zu erleichtern. Die Interpretation des Koeffizienten in Spalte eins ist die folgende: eine Erhöhung der Nettosympathie einer Person um eine Standardabweichung geht einher mit einer um 5 Prozentpunkte erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass diese Person 2016 Trump gewählt hat.

Eine beachtliche Stärke. Der Zusammenhang ist auch hochsignifikant.

In der zweiten Spalte kontrolliere ich zusätzlich für alle oben beschriebenen Kontrollvariablen. Der Koeffizient bekommt nun die folgende Interpretation: was ist der Zusammenhang zwischen der Nettosympathie und dem Wahlverhalten zwischen Personen die die gleiche Demographie haben, der gleichen Race und Ethnie angehören, den gleichen Bildungsstand haben, der gleichen Religion angehören und gleich religiös sind und ähnliche Werte bezüglich Homosexualität, Illegaler Einwanderung und Feminismus haben?

All diese Dinge sind bei den beiden Personen gleich. Sie unterscheiden sich jedoch in ihrer Nettosympathie für Weiße. Was ist dann der durchschnittliche Unterschied in der Neigung Trump zu wählen.

Wie uns der Koeffizient netter Weise verrät, haben die Personen mit einer höheren Nettosympathie für Weiße um 5 Prozentpunkte höherer Wahrscheinlichkeit Trump 2016 gewählt. Interessanterweise hat sich der Koeffizient durch das Hinzufügen all dieser Kontrollvariablen also kaum verändert, außerdem bleibt er weiter hochsignifikant. Dies spricht für ein sehr robustes Ergebnis!

Wieso?

Gut, die Race Relations scheinen sich wieder zu verschlechtern, der Mega-Trend hat sich umgekehrt. Aber was ist der Grund dafür?

Schlechte Nachrichten: diese Frage werde ich hier nicht beantworten können. Dies bedarf einer viel genaueren Analyse. Vielleicht mache ich das in der Zukunft einmal, ihr erfahrt es als erste 🙂

Was nun folgt sind eher Spekulationen. Falls ihr andere Ideen habt, schreibt sie sehr gerne in die Kommentarsektion.

Wir haben gesehen, dass sich die Wende in den frühen 2000ern ereignet hat. Dies deutet darauf hin, dass Ereignisse zu dieser Zeit die Wende herbeigeführt haben könnten.

Was ist damals Wichtiges passiert?

Mir fallen da zwei Entwicklungen ein, die einen Einfluss auf Race Relations gehabt haben könnten.

Internet

Zum einen ist da die rasante Ausbreitung des Internets zu nennen. Das Internet ermöglicht es uns mit Menschen in Kontakt zu treten, die wir sonst nie getroffen hätten. Häufig wird dies als Vorteil angesehen, doch ich bin da weniger optimistisch.

Beziehen wir uns auf Schwarze und Weiße. Ich bin weiß. Wenn ich über das Internet mit fast jedem Menschen in Kontakt treten kann, kommuniziere ich mehr mit Schwarzen.

Einerseits können so Freundschaften entstehen, was die Race Relations verbessern sollte. Andererseits lande ich so vielleicht auch auf Seiten auf denen Schwarze schlecht über Weiße reden (denkt an die Youtube Kommentarsektion mancher Videos). Das wird eher zu Abneigung gegenüber Schwarzen führen. Es gibt also zwei Effekte, die in gegenseitige Richtungen wirken. Diese beiden Effekte wirken natürlich auch auf Schwarze.

Unter Umständen könnte der negative Effekt den positiven überwiegen. Denkt zum Beispiel daran, wie das Internet missbraucht werden könnte bzw. bereits missbraucht wird. Eine kleine Gruppe von Menschen, die die Race Relations verschlechtern wollen, könnten absichtlich Hasskommentare unter falschen Identitäten posten. Dazu kommt noch, dass sich Nachrichten die Empörung hervor rufen besonders schnell verbreiten.

Die Theorie wäre hier also, dass US-Amerikaner durch das Internet mehr (negativem) Kontakt mit Menschen anderer races ausgesetzt wurden. Dies könnte beispielsweise dadurch passiert sein, dass negative Erfahrungen stärker wirken als positive oder dass das Internet von einigen Aktivisten missbraucht wurde.

Identity Politics

Race Relations sind eng verbunden mit dem Kampf der Schwarzen für Gleichberechtigung. Hier hat sich ein krasser Wandel vollzogen.

Die Aktivisten der 60er Jahre wie Martin Luther King hatten universalistische Ziele. Ihnen ging es darum, dass Schwarze und Weiße eben nicht als Schwarze oder Weiße, sondern als Menschen betrachtet werden. Man blickte also auf die Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede.

In den frühen 2000ern hat sich dies geändert. Aktivisten für die Rechte von racial minorities (hauptsächlich Schwarze) begannen damit die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen zu betonen.

Nach Meinung dieser Aktivisten gibt es einen Rassismus gegen Schwarze, der tief in der US-Amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Fast jeder Schwarze sei von diesem Rassismus betroffen wohingegen Rassismus gegen Weiße fast nicht oder gar nicht existiere. Daher seien die Lebensumstände von Schwarzen und Weißen sehr unterschiedlich.

Diese Sichtweise wird durch die hier dargestellten Daten teilweise untermauert. Wie wir gesehen haben, sind Menschen gegenüber anderen Menschen ihrer eigenen Race besonders positiv eingestellt. Dies könnte man als Rassismus bezeichnen.

Zwar sind Schwarze nach dieser Definition deutlich rassistischer als Weiße (und Hispanics), jedoch gibt es auch deutlich mehr Weiße als Schwarze in den USA. Man könnte also argumentieren, dass Schwarze im Schnitt mit mehr Rassismus konfrontiert werden als Weiße.

Und diese unterschiedlichen Lebensumstände müssen nach ihrer Meinung eine unterschiedliche Behandlung nach sich ziehen. Dieser Logik folgend verlangen solche Aktivisten typischerweise mehr Rechte für Schwarze als für Weiße, zum Beispiel dadurch, dass bei ähnlicher Qualifikation immer ein schwarzer Bewerber genommen werden muss.

Ein riesiges Problem dieses Ansatzes ist natürlich, dass die offizielle Diskriminierung so gestaltet werden muss, dass die inoffizielle Diskriminierung exakt ausgeglichen wird. Denn natürlich könnte die gesetzliche Bevorzugung von Schwarzen auch so weit gehen, dass die vorhandene Diskriminierung überkompensiert wird. Unter Umständen könnte man dann am Ende mehr Diskriminierung gegen Weiße haben, als jetzt gegen Schwarze besteht.

Wie auch immer.

Inwiefern dieses Weltbild richtig oder falsch ist, will ich hier nicht diskutieren. Das mache ich vielleicht irgendwann mal.

Aber es ist klar, dass solche Argumentationen die Gesellschaft entlang der races spalten können. So argumentieren beispielsweise Kaufman (2018) und Chua (2019).

Beide sehen das white identity movement und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten 2016 als Gegenreaktion auf eine sich radikalisierende Black Identity Bewegung.

Jetzt würde mich interessieren: was haltet ihr davon? Welche Erklärung findet ihr am plausibelsten? Schreibt mir eure Meinung doch gerne einmal in die Kommentare.

Quellen

Chua, Amy. Political tribes: Group instinct and the fate of nations. Penguin Books, 2019.

Kaufmann, Eric. Whiteshift: Populism, immigration and the future of white majorities. Penguin UK, 2018.

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