Rassismus.
Kaum ein Thema erhitzt die Gefühle so sehr wie die Abneigung gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe.
Das haben auch Wissenschaftler mitbekommen. Und so gibt es jetzt Unmengen an Studien in denen erforscht wird wer wann und wie rassistisch ist.
Im Rahmen meiner Doktorarbeit lese ich häufig solche Studien oder arbeite selbst mit Daten, die einem viel über rassistische Einstellungen verraten.
Im Folgenden möchte ich dir eine interessante Erkenntnis mitteilen, die ich vor kurzer Zeit hatte.
Daten
Erinnerst du dich noch an den ANES Datensatz? Hierbei handelt es sich um eine Umfrage tausender US-Amerikanischer Haushalte.
Das Schöne ist, dass die Befragten repräsentativ für die US-Bevölkerung sind. Daher kann man durch eine Analyse der Umfrage Schlüsse auf die ganze Bevölkerung ziehen.
Ich habe den Datensatz schon einmal verwendet, um Trends der Race-Relations zu untersuchen. Den Artikel findest du hier. Eine Erläuterung zum ANES-Datensatz gibt es hier.
Nun wird die Umfrage alle 4 Jahre erhoben und die neuesten Daten sind gerade erhältlich. Neugierig wie ich bin, habe ich mal einen genaueren Blick darauf geworfen.
Und dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.
Definition von Rassismus
Doch bevor ich dazu komme, möchte ich noch kurz eine Definition vornehmen. Es wird gleich um Rassismus gehen. Und bevor ich Rassismus thematisiere, muss ich natürlich erst einmal erklären was ich damit meine.
Ich meine damit eine generell positivere Einstellung gegenüber einer „Race“ (z.B. Weiße) als gegenüber einer anderen „Race“ (z.B. Schwarze).
Jemand der also generell Weiße lieber mag als Schwarze, der ist nach meiner Definition ein Rassist. Genauso ist jemand, der Schwarze generell lieber mag als Weiße ein Rassist.
Sicherlich kann man Rassismus auch ganz anders definieren. Ich behaupte nicht, dass meine Definition „die Richtige“ ist (so etwas wie eine richtige Definition gibt es meist auch nicht). Meine Definition entspricht aber wahrscheinlich dem gängigen Verständnis davon was Rassismus ist und ist somit ein plausibler Ausgangspunkt.
Rassismus messen
Ein weiterer Vorteil dieser Definition ist, dass wir so definierten Rassismus mit den ANES-Daten messen können. Alle Teilnehmer wurden nämlich gefragt, wie wohlgesinnt sie Weißen sind. Sie konnten sich eine Zahl zwischen 0 und 100 aussuchen. 100 bedeutet extrem wohlwollend, 0 bedeutet sehr feindselig.
Den Teilnehmenden wurde auch genau die gleiche Frage mit Schwarzen anstatt Weißen gestellt.
Dies bedeutet, dass wir mithilfe dieser Daten für jeden Befragten sehen können, ob er oder sie im Allgemeinen Weiße oder Schwarze lieber mag. Und somit können wir Rassismus, wie ich ihn definiert habe, messen.
Menschen, die beide Races gleich gern mögen sind keine Rassisten. Jeder der verschiedene Werte angibt (Zum Beispiel 70 für Weiße und 50 für Schwarze) wird als Rassist klassifiziert.
Interessant ist auch, dass es nun verschiedene Grade von Rassismus gibt,
Dies wird in Debatten zu diesem Thema häufig vergessen. Das ist denke ich ein Problem, denn Rassismus ist nicht gleich Rassismus. Es gibt Graustufen.
Jemand der lieber Geld für Moldau als für den Kongo spendet, weil er andere Weiße etwas lieber mag als Schwarze ist leicht rassistisch. Jemand der mit einer AK in den Kongo fliegt, um aus Spaß Schwarze zu erschießen ist sehr rassistisch. Es wäre töricht diese beiden Personen in eine Schublade zu stecken. Sie unterscheiden sich offensichtlich stark.
Meine Definition ermöglicht es, diesen Unterschied in Zahlen auszudrücken. Je größer der Unterschied in den Sympathiewerten zwischen den beiden Races, desto rassistischer ist der Mensch.
Ach ja, eine wichtige Sache noch: erhoben wurden die Daten 2020, kurz nach der Wahl Bidens zum Präsidenten.
So weit zu gut, nun auf zu den Ergebnissen.
Ergebnisse
Ich werde jetzt zunächst einmal nicht zwischen Rassismus gegen Weiße und Rassismus gegen Schwarze unterscheiden.
Das heißt, jemand der gegenüber Schwarzen eine Sympathie von 100 und gegenüber Weißen eine Sympathie von 50 hat, bekommt den gleichen Rassismuswert zugewiesen wie jemand, der gegenüber Schwarzen eine Sympathie von 50 und gegenüber Weißen eine Sympathie von 100 angegeben hat, nämlich 50.
Sieh dir Abbildung eins an.
Dort siehst du ein Häufigkeitsdiagramm der Rassismus-Variable, separat für Biden-Wähler und trump-Wähler. Auf der x-Achse ist der Rassismus abgetragen. Je höher die Werte desto höher ist der Rassismus. Ein Wert von 100 bedeutet, dass jemand einer der beiden Races eine Sympathie von 100 (von 100 möglichen Punkten) zugewiesen hat, und der anderen Race einen Wert von 0. So eine Person findet also eine der Races maximal sympathisch und die andere maximal unsympathisch. Liebe für die eine Gruppe, Hass für die andere. Das sind Rassisten wie sie man sich vorstellt.
Bei einem Wert von 20 ist der Unterschied in den Sympathiezuweisungen nur 20 und so weiter. Kein Rassist ist man nur wenn man beiden Gruppen den gleichen Wert zuweist.
Auf der y-Achse ist die relative Häufigkeit abgetragen. Je höher der Balken, desto mehr Menschen haben einen Rassismuswert in den entsprechenden Bereich.
Im ersten Balken sind beispielsweise alle inbegriffen die gar nicht rassistisch sind oder einen Rassismuswert von weniger als 10 haben.
Nun ist die Abbildung in zwei Teildiagramme unterteilt.
Wo ist da der Unterschied?
Ganz einfach!
Das untere Diagramm bezieht sich nur auf Trump-Wähler. Im oberen Diagramm sind dagegen die Rassismus-Werte der Biden-Wähler abgetragen.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.
Alles klar?
Super, jetzt können wir anfangen die Abbildung zu interpretieren.
Schauen wir uns zunächst die Trump-Wähler an.
Trump-Wähler
Wie man sieht, sind die meisten Trump-Wähler keine Rassisten oder nur sehr leicht rassistisch. Tatsächlich gibt die überwiegende Mehrheit bei beiden Races den gleichen Wert an.
Rassismus existiert unter Trump-Wählern aber durchaus.
Wer hätte das gedacht?
Dies erkennt man an den roten Balken rechts von der 0.
Dabei gilt, dass der stärkste Rassismus auch am seltensten ist. Es gibt also schon einige Leute, die eine Race leicht gegenüber der anderen bevorzugen aber nur wenige, die sehr stark diskriminieren.
Aber auch solche Menschen gibt es wie der kleine Rote Balken ganz weit rechts zeigt. Vorzeigerassisten existieren auch jetzt noch.
Biden-Wähler
Besonders interessant ist aber der Vergleich mit den Biden-Wählern.
Intuitiv würde man vermuten, dass Trump-Wähler deutlich rassistischer sind als Biden Wähler und diese, wenn überhaupt nur einen minimalen Rassismus aufweisen.
Dies ist aber nicht der Fall!
Wie man im oberen Teil des Diagramms sieht, ist auch die Mehrheit der Biden-Wähler nicht rassistisch.
Allerdings zeigen die blauen Balken rechts der 0 auch an, dass Rassismus unter den Biden-Wählern durchaus keine Seltenheit ist.
Wir sehen auch wieder, dass stark ausgeprägter Rassismus seltener ist als schwach ausgeprägter Rassismus.
Aber das ist noch längst nicht alles.
Wenn man die beiden Teildiagramme miteinander vergleicht, gewinnt man den Eindruck, dass Biden-Wähler mehr Rassismus aufweisen als Trump-Wähler.
Ja, richtig gelesen. Unter Trump-Wählern gibt es Rassisten aber unter Biden-Wählern gibt es noch mehr Rassisten!
Und ja, ich habe die Ergebnisse vielfach gecheckt. Mir ist sicher kein Fehler unterlaufen. Aber in ein paar Minuten werden dich die Ergebnisse auch wahrscheinlich nicht mehr wundern.
Trump vs. Biden
Man kann den Vergleich zwischen den beiden Wählergruppen auch noch etwas transparenter gestalten.
Dazu dient das folgende Diagramm.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.
Du kannst dir vorstellen, dass ich die beiden Teildiagramme von oben transparent gemacht und dann übereinandergelegt habe.
Das Resultat ist Abbildung 2.
Weil die Balken jeweils den Prozentsatz der Trump- bzw. Biden-Wähler mit einem bestimmten Rassismuswert angeben, kann man die Höhe der Balken direkt miteinander vergleichen.
Indem wir die beiden ersten Balken (bei 0) miteinander vergleichen können wir zum Beispiel erkennen, dass es unter den Trump-Wählern mehr Menschen gibt, die gar keine rassistischen Einstellungen haben.
Wie gesagt, das heißt nicht, dass es unter Trump-Wählern keine Rassisten gibt. Es heißt nur, dass Rassismus unter Biden-Wählern noch weiter verbreitet ist.
Dies erkennt man auch daran, dass die Balken der Biden-Wähler rechts der 0 höher sind als die der Trump-Wähler.
Rassismus ist divers
Wie kann das sein?
Ist White-Supremacism, also der Glaube daran, dass Weiße den Schwarzen überlegen sind, nicht unter Trump-Wählern weiterverbreitet als unter Biden-Wählern?
Ja, ist es!
Aber dieses Resultat steht nicht im Widerspruch zu den eben gezeigten.
Um das zu verstehen, müssen wir uns die folgende Abbildung ansehen.
Sie ähnelt Abbildung 1 stark. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Diesmal unterscheide ich zwischen Rassismus gegen Weiße und Rassismus gegen Schwarze.
Rassismus gegen Schwarze wird nun rechts von der 0 dargestellt, wie gehabt. Je weiter rechts von der 0 wir uns befinden desto stärker werden Weiße gegenüber Schwarzen bevorzugt.
Rassismus gegen Weiße wird jetzt links von der 0 dargestellt. Je weiter links von der 0 desto stärker ist der Rassismus gegen Weiße.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.
Trump-Wähler
Sehen wir uns zunächst wieder mal die Trump-Wähler an.
Wie wir schon gesehen haben, ist Rassismus bei den meisten Trump-Wählern schwach ausgeprägt.
Aber nun können wir sehen in welche Richtung der Rassismus der Trump-Wähler geht.
Rechts von der 0 sin die Balken deutlich höher als links davon. Dies bedeutet, dass es unter den Trump-Wählern deutlich mehr Anti-Schwarze als Anti-Weiße gibt.
Wer hätte das gedacht?
Biden
Wieder einmal ist es interessanter sich die Biden-Wähler anzusehen. Wir hatten schon herausgefunden, dass es unter ihnen mehr Rassisten gibt als unter den Trump-Wählern.
Aber gegen wen richtet sich dieser Rassismus?
Am oberen Teil der Abbildung kann man ganz klar erkennen, dass die Balken links von der 0 größer sind als rechts davon.
Dies bedeutet, dass die meisten Rassisten unter den Biden-Wähler Anti-Weiß sind.
Trump vs. Biden
Um die beiden Wählergruppen noch besser vergleichen zu können habe ich in Abbildung 4 die Verteilungen wieder übereinandergelegt.
Hier kann man deutlicher erkennen, dass Biden-Wähler zwar eher anti-Weiß sind, aber es durchaus einige Anti-Schwarze in ihren Reihen gibt. Anti-Weiße sind unter Trump Wählern dagegen sehr selten.
In diesem Sinne ist Rassismus unter Trump-Wählern nicht nur etwas schwächer ausgeprägt, sondern auch einseitiger.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.
Somit löst sich auch der vermeidliche Widerspruch ganz einfach auf.
Ja, unter Trump-Wählern gibt es mehr White-Supremacists. Aber gleichzeitig gibt es unter ihnen weniger Rassisten im Allgemeinen.
Dies ist dadurch zu erklären, dass es auch Rassismus gegen Weiße gibt. Dies wird in Debatten häufig vergessen. Und dieser Rassismus ist unter den Biden-Wählern viel stärker ausgeprägt als unter den Trump-Wählern, sodass Biden-Wähler insgesamt rassistischer sind.
Dies lässt sich auch gut anhand von Durchschnittswerten verdeutlichen. Im Durchschnitt weisen Trump-Wähler Weißen einen Sympathiewert von 69.9 und Schwarzen eine Sympathiewert von 64.1 zu. Ein klarer Fall von Rassismus (im Durchschnitt).
Bei Biden-Wählern ist es einfach genau andersherum. Im Durchschnitt weisen Biden-Wähler Weißen einen Sympathiewert von 66.1 und Schwarzen eine Sympathiewert von 73.7 zu.
Diese Unterschiede sind übrigens alle hochsignifikant. Die Stichprobe umfasst schließlich über 8000 Befragte.
Die Lehre
Es ist mir schon häufig in Debatten aufgefallen, dass eine sehr einseitige Vorstellung von Rassismus vorherrscht. Es wird immer implizit davon ausgegangen, Rassismus würde immer nur von Weißen ausgehen und nur Schwarze könnten Opfer von Rassismus sein.
Beispielsweise hat Google einen Rassismus-Index definiert, um Regionen danach zu sortieren wie rassistisch sie sind.
Wie sah der aus?
Ganz einfach!
Sie haben einfach gezählt wie häufig in einer bestimmten Region das N-Wort in Suchen vorkam.
Natürlich gibt es auch herabwürdigende Begriffe für Weiße. Aber das wurde in dem Index einfach nicht berücksichtigt. Eine Region, die von Menschen bevölkert wird, die Weiße hassen und regelmäßig in Foren gegen Weiße hetzten, würde also von diesem Index als vollkommen unrassistisch bezeichnet.
Dies liegt aber nicht daran, dass kein Rassismus vorliegt, sondern daran, dass die dem Index zugrundeliegende Definition vom Rassismus asymmetrisch ist.
Rassismus gegen die einen wird gewertet, Rassismus gegen die anderen wird ausgeblendet.
Das macht nicht nur Google so. Seht euch Beiträge zum Thema Rassismus an. Und diese einseitige Betrachtung ist so weit verbreitet, dass sie mittlerweile in den Köpfen der Menschen fest verankert ist und sie zu sehr falschen Entscheidungen treiben kann.
Hier ist Aufklärung gefragt.
Und in solchen Momenten freue ich mich darüber Forscher zu sein. Denn das ermöglicht es mir bei dieser Aufklärung zu helfen 🙂
Quellen
American National Election Studies. 2021. ANES 2020 Time Series
Study Preliminary Release: Combined Pre-Election and Post-Election
Data [dataset and documentation]. March 24, 2021 version.
www.electionstudies.org

