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Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Mein Taschenrechner für ein Pferd

Der Konsul

Incitatus lebte im 1. Jahrhundert nach Christus in Rom. Er war ein Günstling des Kaisers Caligula, der alles Erdenkliche tat um ihm ein angenehmes, sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Der Kaiser liebte den Sport und die Spiele, und so war es nicht verwunderlich, dass er Incitatus, der ein außergewöhnlicher Sprinter war, nicht nur liebgewonnen hatte, sondern ihn gleichsam vergötterte. Er kaufte ihm eine Villa, bezahlte seine Bediensteten etc. All das konnten die Senatoren und das römische Volk hinnehmen. Doch als Caligula seinen Günstling in das Amt eines Konsuls erheben wollte, regte sich Widerstand in den Reihen des Senats. Die Politik solle den Politikern überlassen werden. Sportler hätten nicht die Qualifikationen, die für das Amt des Konsuls benötigt werden.

Die Lage wurde noch durch einen weiteren Umstand erschwert. Incitatus war nämlich nicht nur kein ausgebildeter Politiker, er war auch ein Pferd. Ja, richtig gehört. Der dritte römische Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie wollte ein Rennpferd zum Konsul ernennen. „Das ist doch Wahnsinn!“ dachten sich wohl die meisten Römer, als sie von diesem Vorhaben erfuhren. Und wir würden ein solches Unterfangen heutzutage nicht weniger verurteilen. Und tatsächlich hat sich das Bild vom „verrückten“ Kaiser Caligula über die Jahrhunderte hinweg gehalten.

Doch war die Entscheidung ein Pferd zum Konsul zu ernennen wirklich so verrückt? Wieso gehen wir eigentlich davon aus, dass Pferde (und übrigens auch viele andere Tiere) einfach nur dumm sind? Kann es nicht vielleicht sein, dass wir sie nur nicht verstehen? Dass sie nur durch mangelnde Bildung so wild und unzivilisiert erscheinen? Wenn man einen Menschen die ersten 20 Jahre seines Lebens in einen Käfig steckt und nicht mit ihm redet wird er danach wohl auch kein Professor mehr oder? Und tatsächlich: Im Jahre 1904 gelang dem Mathematiklehrer Wilhelm von Osten etwas Unglaubliches. Er brachte einem Pferd das rechnen bei. Dieses Pferd sollte als der kluge Hans in die Geschichte eingehen.

Ein tierisch guter Kopfrechner

Da Hans nicht sprechen konnte, beantwortete er die Fragen des Lehrers durch Nicken, Kopfschütteln und festes Auftreten mit dem rechten Vorderhuf. Bei den Fragen die das Pferd beantwortete handelte es sich nicht nur um Fragen des kleinen Einmaleins. Hier eine Liste von Fähigkeiten, die Oskar Pfungst in seiner kritischen Untersuchung zu dem Fall anführt:

Die Reihe der Grundzahlen von 1 bis 100 beherrschte Hans offenbar mit verblüffender Sicherheit, die Reihe der Ordnungszahlen wenigstens bis 10. Objekte aller Art zählte er auf Wunsch, so die anwesenden Personen, auch nach den Geschlechtern getrennt, ihre Hüte, Schirme, Kneifer. […] Nicht nur zählen, auch rechnen konnte der Hengst. Die vier Grundrechnungsarten waren ihm durchaus geläufig. Gemeine Brüche wandelte er in Dezimalbrüche und diese in jene, löste auch Regeldetri [Dreisatz]-Aufgaben und dies alles so spielend, dass ihm Ungeübte oft nur schwer zu folgen vermochten.

Pfungst veranschaulicht diese außergewöhnlichen Fähigkeiten, indem er folgende Beispiele anführt:

Frage: „Wieviel ist 2/5 und ½?“ Antwort: 9/10. (Hans klopfte bei allen Brüchen, die er angab, erst den Zähler, dann den Nenner; in dem vorliegenden Fall also erst 9, dann 10). Oder: „Ich denke mir eine Zahl. Ich ziehe 9 davon ab und behalte 3 übrig. Welche zahl habe ich mir gedacht?“ – 12. „Durch welche Zahlen ist 28 teilbar?“ – Darauf nacheinander: 2, 4, 7, 14, 28. Oder: In der Zahl 365287149 wurde hinter die 8 ein Komma gesetzt und gefragt: „Wieviel Hunderter sind es jetzt?“ – 5.“Wieviel Zehntausendstel?“ – 9.

Oh man, hätte ich im Kopfrechnen gegen dieses Pferd antreten müssen, ich hätte so-was-von verloren!

Das haben sich wohl auch damals viele Leute gedacht. Und wer will schon für dümmer als ein Pferd gehalten werden? So machten sich schnell Stimmen laut, es handle sich bei dem rechnenden Pferd um Betrug. 

Doch war es äußerst schwer, diesen Betrug nachzuweisen. Es gab keine geheimen Zeichen, die der Lehrer seinem Pferd gab und das Pferd beantwortete auch von anderen gestellte Fragen in der Regel richtig (sogar dann, wenn der Besitzer abwesend war). Auch gab es keinen wirklichen Grund einen Betrug zu vermuten. Wilhelm von Osten verlangte nie Eintritt oder sonstige Gebühren von den Menschen, die sein Pferd und dessen Fähigkeiten bewundern wollten. Der Betrug hätte sich also für ihn nicht gelohnt.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Wissenschaftler an der Frage wieso das Pferd zu solchen Leistungen fähig ist, verzweifelt sind. Ist es nicht vielleicht doch möglich, dass ein Pferd so klug ist?

Das Rätsel

Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel, welches Carl Stumpf damals wie folgt ausformulierte:

Ein Pferd, das auf Multiplikations- und Divisionsaufgaben durch Tritte richtig antwortet. Persönlichkeiten von unbezweifelbarer Ehrenhaftigkeit, die in Abwesenheit seines Lehrmeisters solche Antworten erhalten und versichern, dabei nicht das geringste Zeichen gegeben zu haben. Tausende von Zuschauern während vieler Monate, Pferdekenner, Trick-Kenner ersten Ranges, unter denen nicht ein einziger irgendwelche regelmäßige Zeichen bemerkt.

Wie ist das möglich?

Nicht ganz einfach oder? Ideen für Lösungsansätze?

Die Lösung

Die Auflösung des Rätsels um das Pferd des Herrn von Osten erfolgte am 9. Dezember 1904, nachdem der kluge Hans die Öffentlichkeit fast ein Jahr in Erstaunen versetzt hatte. Es war Oskar Pfungst, der bemerkte, dass der Fragesteller dem Pferd zwar keine bewussten Zeichen gab, er aber unbewusst minimale Signale an das Pferd gab, die dieses sofort richtig zu interpretieren wusste.

Ein Beispiel:

Wenn jemand dem Klugen Hans eine Mathematikaufgabe stellte, sollte das Pferd die Antwort in Hufschlägen geben. War die richtige Antwort z.B. 10, so schlug er 10mal mit dem Huf auf. Er schlug also erst 1mal, dann 2mal, dann 3mal usw. mit dem Huf auf den Boden. Schlug er das 10. Mal auf, sah er, an der Reaktion des Fragestellers sofort, dass dies die richtige Antwort war. Der Fragesteller selbst, war sich der Zeichen, die er dem Pferd gab allerdings völlig unbewusst.

Das heißt also, wenn das Pferd den Fragesteller nicht sah, wusste es nicht wann es mit dem Klopfen aufhören sollte, und wenn der Fragesteller selbst die Antwort auf seine Frage nicht kannte, konnte auch das Pferd keine richtige Antwort geben.

Oskar Pfungst gelang es schließlich, die genauen Zeichen auszumachen und bewusst zu imitieren. So konnte er zeigen, woher der Kluge Hans seine Antworten nahm.

Aber was bedeuten diese Erkenntnisse für unseren Fall des Konsul-Pferdes Incitatus? Wäre das Pferd damals tatsächlich zum Konsul ernannt worden, so hätte man ihm wohl auch beibringen müssen auf irgendeine Art und Weise Zustimmung und Missfallen auszudrücken. Gehen wir mal davon aus, Incitatus hätte wie Hans gehandelt und die Zeichen in der Mimik seiner Bittsteller, Kontrahenten und Gesandten abgelesen und darauf reagiert. Er hätte wohl immer die Antwort gegeben, die sich sein Gegenüber erhofft hatte.

Wäre das wirklich so ein schlechter Konsul gewesen?

Mit dieser Frage lasse ich euch erst mal alleine.

Quellen

Pfungst, Oskar. Das Pferd des Herrn von Osten (Der kluge Hans). Leipzig 1907.

Sanford, Edmund. Der Kluge Hans and the Elberfeld Horses. In: The American Journal of Psychology. 1914 Vol. 25, No. 1, S. 1-31.

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Weit verbreitete Irrtümer

Kenne dich selbst!

„Gnauthi seauton“, „nosce te ipsum“ oder einfach „kenne dich selbst“. Ob als Inschrift des Apollontempels in Delphi, als Gedicht von Novalis oder als Grundpfeiler der stoischen Philosophie – diese Aufforderung wird wohl jeder schon einmal gelesen oder gehört haben. Mit diesem Satz konfrontiert, stellen wir uns unwillkürlich die Frage, ob und wenn ja, wie gut wir uns eigentlich selbst kennen. Und was noch viel wichtiger ist: wie können wir uns selbst besser kennen lernen?

Diese Fragen beschäftigen die Menschen (nicht nur) in Europa schon seit tausenden von Jahren. Die meisten Versuche sie zu beantworten basierten auf Meditation, Introspektion und Isolation vom Rest der Gesellschaft. Aktuelle Forschung legt jedoch nahe, dass diese „klassischen“ Methoden zur Selbsterforschung keine akkuraten Antworten liefern können.

Was wissen wir über uns?

Wir alle tendieren dazu zu glauben mehr über uns zu wissen als alle anderen. Und tatsächlich gibt es auch gute Gründe dies anzunehmen. Niemand sonst hat Zugriff auf so viele Informationen über uns wie wir selbst. In einer Studie hat ein Forscherteam rund um Emily Pronin allerdings zeigen können, wie unzuverlässig Selbsteinschätzungen sein können.

45 College-WG-Paare (also insgesamt 90 Studenten) sollten im Wesentlichen folgende 4 Fragen beantworten:

  1. Wie gut kenne ich mich selbst?
  2. Wie gut kenne ich meinen Mitbewohner?
  3. Wie gut kennt mich mein Mitbewohner?
  4. Wie gut kennt sich mein Mitbewohner selbst?

Die Ergebnisse der Untersuchung lauteten wie folgt:

  1. Die Teilnehmer gaben an sich selbst besser zu kennen als ihr Mitbewohner.
  2. Die Teilnehmer gaben an ihren Mitbewohner besser zu kennen als dieser sie kennt.

Und diese Ergebnisse sind gut nachvollziehbar. Habt ihr nicht auch oft das Gefühl ihr wisst ziemlich genau, was jemand meint oder will, aber was ihr eigentlich sagen wollt versteht keiner?

Auf die Gründe wieso genau wir so denken gehen wir hier nicht näher ein. Für unsere Zwecke reicht zunächst die Feststellung, dass wir dazu neigen uns selbst mehr Wissen zuzuschreiben als anderen. Es ist klar, dass das schnell zu Selbstüberschätzung führen kann.

Und genau hier liegt das Problem.

Unser Wissen über uns selbst ist nämlich alles andere als perfekt und es schleichen sich immer wieder Fehler in unsere Selbsteinschätzung ein. Aber wie können wir diese Fehler vermeiden?

Der Game-Changer

Der Game-Changer ist, das Wissen anderer über uns selbst zu nutzen. Das Wissen anderer? „Was sollen die schon groß über mich wissen?“ wird sich jetzt sicher der ein oder andere fragen. Wie sollen andere denn auch ohne Zugriff auf alle unsere Gedanken und Emotionen eine Idee unseres „selbst“ bekommen? Wie wir weiter oben gesehen haben, ist das ein ganz natürlicher Gedanke.

Tja, ihr erinnert euch sicherlich. Wie so häufig ist dieser intuitive Gedanke falsch. Tatsächlich kennen uns Leute aus unserem Umfeld oft erstaunlich gut. Manchmal eben sogar besser als wir selbst.

Das zeigt eine Studie von Simine Vazire aus dem Jahre 2010.

Im Rahmen der Studie wurden 165 Studenten in Fünfergruppen aus Freunden eingeteilt. Unter anderem wurden die Teilnehmer gebeten sich und die anderen Mitglieder ihrer Gruppe in Bezug auf verschiedene Eigenschaften zu bewerten. Zum Beispiel sollten sie angeben wie ängstlich, dominant, gesprächig, kreativ oder intelligent sie selbst und ihre Gruppenmitglieder sind.

Anschließend wurden validierte Maße genutzt, um die Eigenschaften der Teilnehmer objektiv zu messen. Die Angaben der Studenten wurden mit den Ergebnissen dieser Tests korreliert.

Wichtig ist hier zu beachten, dass nur getestet wurde ob intelligente Menschen auch als intelligent eingeschätzt werden, nicht aber wie genau z.B. IQ-Werte oder G-Faktoren geschätzt werden.

Die folgende Graphik zeigt die Korrelationskoeffizienten der Angaben der Studienteilnehmer (höhere Werte stehen für eine höhere Übereinstimmung zwischen Angabe und objektiver Messung):

Genauigkeit der Einschätzung der eigenen Persönlichkeit und der Persönlichkeit von Freunden für unterschiedliche Eigenschaften (Vazire, Carlson 2011).

Ganz links sehen wir die Bereiche, die kaum beobachtbar und nicht besonders evaluativ sind. Dazu zählen vor allem von Gefühlen geprägte Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Optimismus etc. Wie wir sehen, schneiden die Selbsteinschätzungen hier deutlich besser ab als die Einschätzungen der Freunde.

In der Mitte sehen wir die Bereiche, die einem Beobachter sofort ins Auge fallen, also sehr leicht zu beobachten sind, aber nicht sehr evaluativ sind. Unter diese fallen Eigenschaften wie Gesprächigkeit oder Schweigsamkeit.

Die Spalte ganz rechts zeigt die Bereiche die nur schwer zu beobachten und sehr evaluativ sind. Dazu zählt z.B. auch die Intelligenz.

Erstaunlicherweise schneiden hier die Bewertungen von Freunden deutlich besser ab als die Selbsteinschätzung. Interessant oder nicht? Das heißt im Klartext, wenn all eure Freunde (wenn man sie dann überhaupt noch Freunde nennen kann) euch nicht für besonders intelligent halten, ihr euch selbst aber schon, könnt ihr eure Karriere als Harvard Professor trotzdem an den Nagel hängen.

Wenn wir ein genaues und umfangreiches Profil unserer Persönlichkeit erstellen wollen, sind wir auf die Hilfe anderer Personen angewiesen. Introspektive Ansätze zur Selbsterforschung sind schlichtweg nicht ausreichend, um valide Ergebnisse zu liefern.

Fazit

Schön und gut, aber wie erhält man nun ein besseres Bild der eigenen Persönlichkeit? Ok, man benötigt ehrliches Feedback. Aber wie soll man es bekommen? Ich denke hier muss jeder eigene Strategien finden seine Freunde und Bekannten dazu zu bewegen ehrliche Einschätzung über seine Persönlichkeit zu geben. Und wahrscheinlich sollte man sich auch genau überlegen, ob man das auch wirklich will.

Eine mögliche Lösung, die nicht allzu sehr auf aktiver Mitarbeit anderer Personen beruht schlagen Simine Vazire und Erika Carlson vor:

Um eine bessere Vorstellung seiner eigenen Persönlichkeit zu bekommen solle man versuchen sich in die Menschen, die einem nahestehen hineinzuversetzen und sich selbst aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Forschungen haben gezeigt, dass wir ziemlich gut einschätzen können, wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden. Wir nutzen dieses Wissen allerdings nur sehr selten, wenn es darum geht aussagen über uns selbst zu treffen.

Vazire und Carlson schlagen deshalb vor uns bei der Suche nach uns selbst auf unsere Eindrücke der Eindrücke, die wir auf andere machen zu konzentrieren.

Mein ganz persönliches Fazit lautet allerdings wie folgt:

Wenn wir das nächste Mal das Gefühl haben uns selbst nicht richtig zu kennen und etwas daran ändern zu müssen, sollten wir die Meditation links liegen lassen und uns mit ein paar guten Freunden auf ein Bier und eine offene Konversation verabreden 😉

Quellen

Vazire, Simine, and Erika N. Carlson. „Others sometimes know us better than we know ourselves.“ Current Directions in Psychological Science 20.2 (2011): 104-108.

Pronin, Emily, et al. „You don’t know me, but I know you: The illusion of asymmetric insight.“ Journal of Personality and Social Psychology 81.4 (2001): 639.

Wilson, Timothy D. „Know thyself.“ Perspectives on Psychological Science 4.4 (2009): 384-389.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Der neue Messias

Das langweiligste Fach der Welt?

Religionsunterricht. Wie oft habe ich schon in der Schule gesessen und darüber nachgedacht, wie überflüssig dieses Fach ist. Ging es euch nicht ähnlich?

Wenn ja, ist das wirklich schade. Denn heute, lange Jahre nachdem ich die Schule und den Religionsunterricht weit hinter mir gelassen habe, beginne ich mit einem anderen Blick auf das Thema zu schauen und entdecke immer mehr Geschichten von religiösen Akteuren, die es wert sind erzählt zu werden.

Der folgende Artikel erzählt die erstaunliche Geschichte einer heute völlig vergessenen messianischen Bewegung.

Zu modern für die Neuzeit

Sie beginnt am jüdischen Trauertag Tisha B’aw im Jahre 5386 jüdischer Zeitrechnung, was dem 1. August 1626 unserer Zeitrechnung entspricht. An diesem Tag erblickte Sabbatai Zwi das Licht der Welt. Als Sohn eines Geflügelhändlers aus Smyrna (heute Izmir) wurde er später zum Begründer einer messianischen Bewegung, die überall in Europa und Anatolien Anhänger finden sollte. An der Spitze dieser Bewegung stand Sabbatai selbst als Messias.

Gemessen an der großen Bedeutung, die diesem Titel in den abrahamitischen Religionen beigemessen wird, war dies ein gewagtes Unterfangen. Wie gibt man sich als „Gesalbter“, als von Gott gesandter Erlöser und Heilsbringer, als das Übel der Welt überkommender und ein neues Zeitalter einleitender Heiland zu erkennen?

Wie wir hatte auch der junge Sabbatai auf diese Frage keine konkrete Antwort. Doch im Alter von 21 Jahren konnte er sein Sendungsbewusstsein nicht länger für sich behalten. Er beschloss seinem Gefühl zu folgen und teilte sich seinem sozialen Umfeld mit.

Er berichtete von Visionen, in denen er sich als gesalbten Messias gesehen hatte. Das ist schon etwas komisch oder? Stellt euch vor einer eurer Freunde kommt mit so was zu euch. Ihr würdet ihm wohl nahelegen sich professionelle Hilfe zu suchen.

Doch war dies nicht alles.

Er sprach den Gottesnamen öffentlich laut aus und verkündete, die kommende Welt sei nahe. Da das Lautaussprechen des Gottesnamens in der jüdischen Tradition verboten war, wird er auch so Aufsehen erregt haben.

Die größte Sensation wird jedoch seine, für die damalige Zeit (und für viele heute leider immer noch) unvorstellbare, Eheschließung gewesen sein.

Wie kann man seine Ehe Mitte des 17. Jahrhunderts außergewöhnlich gestalten? Klar, man muss mit Traditionen brechen. Scheinbar unabdingbar war es damals, dass ein Ehepartner männlich und der andere weiblich sein musste. Sabbatai beschloss sich diesem Gebot zu widersetzen.

Um seinen Anspruch auf den Titel Messias zu verdeutlichen, ehelichte er in einer öffentlichen Zeremonie eine Thorarolle. So wollte er die Verbindung, die er mit JHWH eingegangen war, verdeutlichen.

Die weitreichenden Folgen dieser Offenbarung als gesandter Gottes hatte Sabbatai wohl nicht voraussehen können.

Er wurde kurzerhand aus der jüdischen Gemeinde verbannt und unter Schimpf und Schande der Stadt verwiesen. Auch in Saloniki, wo er zunächst wohlwollend empfangen wurde, fand er keine Bleibe und wurde nach weiteren „ketzerischen“ Taten der Stadt verwiesen.

Eine Frau heiraten?

Sein Weg führte Sabbatai schließlich nach Jerusalem und Ägypten, wo er für die jüdische Gemeinde Jerusalems Geld sammelte, das diese dem Sultan als Tribut zahlen musste. Die Gemeinde dort schien ihn zu akzeptieren und es sind keine allzu auffälligen oder anstößigen Taten bekannt.

Mit fortschreitendem Alter wurde die Frage nach der Ehe für Sabbatai immer relevanter.

Wie ihr euch sicherlich erinnert war seine erste Ehepartnerin ja eine Thorarolle. Im Alter von 38 entschloss er sich erneut zu heiraten – diesmal jedoch tatsächlich eine Frau.

Doch war die Hochzeit wohl auch diesmal alles andere als gewöhnlich.

Lasst uns zunächst einen Blick auf Sarah, die Braut die sich der Messias gewählt hatte, werfen.

Um ihre Herkunft und Geschichte ranken sich zahlreiche Legenden und es ist schwer Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen. Von den einen wird sie als Prostituierte bezeichnet, von den anderen als Jungfrau. Eines haben allerdings alle Quellen über dieses sonderbare Mädchen gemeinsam: Sie stammte aus Mittel- bzw. Osteuropa und wusste schon seit ihrer Kindheit, dass sie einst der Messias zur Frau nehmen würde.

Ob Sabbatai Gerüchte über die junge Frau, die im fernen Norden davon sprach den Messias zu heiraten, gehört und sie aus diesem Grund zu sich bestellt hat? Wir wissen es nicht.

Wie auch immer, sie scheint ihm eine bessere Partnerin als die Thorarolle gewesen zu sein. Er ließ sich nicht von ihr scheiden und heiratete auch später nicht mehr.

Sein Leben scheint sich nach der Eheschließung auch tatsächlich ein wenig beruhigt zu haben. Er reduzierte anstößige Auftritte merklich. Als er schließlich von einem jungen Gelehrten und Heilkundigen namens Nathan erfuhr, machte er sich auf den Weg zu ihm. Er hoffte, er könne das „Leiden“, als das er sein religiöses Sendungsbewusstsein mittlerweile empfand, kurieren.

Der Messias und sein Prophet

Doch was ihm der selbsternannte Prophet aus Gaza eröffnete, dürfte Sabbatais Hoffnungen auf ein „normales“ Leben gänzlich zunichte gemacht haben. Wie genau das Gespräch der beiden ausgesehen hat lässt sich nur vermuten, doch das Ergebnis legt eine, dem folgenden Dialog ähnliche, Konversation nahe.

Sabbatai: Oh weiser Nathan, ich bitte dich inständig, lasse mich an deiner Weisheit teilhaben. Unterweise mich und befreie mich von meinem Leiden.

Nathan: Unterweisen kann ich dich nicht. Und dein Leiden kenne ich nicht.

Sabbatai: Ich habe Visionen und eine Stimme sagt mir unentwegt, ich sei der Messias. Aber die Menschen erkennen mich nicht als diesen an, also muss es falsch sein.

Nathan: Von deinen Visionen kann ich dich nicht befreien. Ein solcher Versuch käme einem Sakrileg gleich. Ich würde mich direkt gegen Gott wenden.

Sabbatai: …..

Nathan: Ja, richtig gehört! Es ist die Stimme Gottes die zu dir spricht. Du bist der Messias und wirst die Menschheit in die kommende Welt führen.

Durchbruch

Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass Sabbatai nach diesem Gespräch nicht von seinen Wahnvorstellungen geheilt war. Er ließ sich 1665 von Nathan offiziell zum Messias proklamieren und begann seine Mission. Auch wenn es natürlich viele Skeptiker gab – ein wenig Skepsis ist bei solchen Ereignissen ja auch durchaus verständlich – wurde Sabbatai von einem Großteil der Juden im nahen Osten begeistert aufgenommen.

Er legte einige eindrucksvolle Auftritte in Jerusalem und Umgebung hin, die sich schnell in ganz Vorderasien und in Europa verbreiteten. Es ist leicht sich vorzustellen, dass die Geschichten dabei von mal zu mal immer fantasievoller wurden.

Es hieß die Stämme Israels wären zurückgekehrt und hätten unter der Führung des Messias Ländereien im Nahen Osten zurückerobert. Sabbatai selbst ernannte Könige, die die Welt als seine Stellvertreter regieren sollten.

So stellten sich Sabbatais Anhänger in Europa seine Herrschaft im Heiligen Land vor. Das Bild stammt aus der in Amsterdam veröffentlichten jüdischen Zeitung „Tikkun“ aus dem Jahre 1666.

Erst einmal in Europa angekommen, klangen die Taten des selbsternannten Messias wohl tatsächlich wie Wunder, die nur mit Gottes Hilfe vollbracht werden konnten.

Wie sehr die jüdische Bevölkerung in Europa diesen Gerüchten glaubte, zeigt das folgende Beispiel:

Samuel b. Meir, der Bruder von Sahra (Sabbatais Ehefrau), arbeitete in Amsterdam in einer Tabakfabrik. Von dort aus machte er sich 1666 auf den Weg zu seinem Schwager in Jerusalem – im 17. Jahrhundert ein langer und beschwerlicher Weg. Er hatte die bescheidene Hoffnung dieser würde ihn zu einem mächtigen Herzog im neuen Reich ernennen. Ob seine Hoffnungen erfüllt wurden werden wir später noch erfahren.

Was wohl ebenfalls zur Verbreitung der Bewegung um Sabbatai geführt haben dürfte ist die missliche Lage in der sich die jüdische Bevölkerung Europas befand. Im 30 jährigen Krieg (1618-1648) war es bereits vielfach zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung im Heiligen römischen Reich deutscher Nation gekommen und kurz darauf führte der Chmelnicki-Aufstand in der Ukraine 1648 zu gewaltsamen Übergriffen gegen die Juden Osteuropas.

Kein Wunder also, dass es die jüdische Bevölkerung in Europa nach einem Erlöser dürstete, den viele in dem jungen Sabbatai aus Smyrna sahen. Seine Anhängerschaft wuchs überall wo es Juden gab.

Es schien, als würden sich die Prophezeiungen von Nathan aus Gaza erfüllen. Es sah wirklich so aus, als wäre der Messias hinab auf die Erde gestiegen um ein neues Zeitalter einzuleiten.

Der Messias und der Sultan

In seinem Sendungsbewusstsein bestärkt, machte sich Sabbatai also von Jerusalem nach Konstantinopel auf, dem Zentrum der europäischen Welt. Dort angekommen wollte er seine Anhängerschaft vervielfachen.

Doch dazu sollte es gar nicht erst kommen.

Dem türkischen Sultan scheint die ganze Messias-Geschichte schließlich doch etwas zu viel geworden zu sein und so entschloss er sich, Sabbatai verhaften zu lassen. Töten wollte er ihn jedoch nicht. Er wusste, dass ihn das in den Augen seiner Anhänger zum Märtyrer machen würde und dies zu einer Radikalisierung der Bewegung führen könnte.

Also stellte er den Messias vor die Wahl. Konversion zum Islam oder ein Beweis für seine Gotteskraft.

Jetzt fragt sich der ein oder andere vielleicht: Wie soll man beweisen, dass man von Gott auserwählt ist, dass man von ihm mit gottgleicher Macht ausgestattet wurde?

Der Sultan hatte da eine Idee. Sie war nicht weiter kompliziert und schien doch ihren Zweck zu erfüllen.

„Wie wäre es“ sagte er „wenn wir den Messias an einen Pfahl binden und ihn wahllos mit Pfeilen beschießen“. Er schmunzelte. „Wenn Gottes Hand die Pfeile abwehrt und sich der Allmächtige so zu erkennen gibt, werde ich persönlich vor seinem Gesandten auf die Knie sinken. Sollten ihn die Pfeile aber durchbohren und er sterben, so sei er als Scharlatan entlarvt.“

Für welche Option hättet ihr euch wohl entschieden?

Wenn ihr nicht zu 100 Prozent davon überzeugt gewesen wärt der Messias zu sein wahrscheinlich für die Konversion zum Islam oder?

Doch was tat der Held unserer Geschichte?

Richtig geraten. Er entschied sich ebenfalls für das Leben und konvertierte zum Islam. Ein bisschen gesunder Menschenverstand war ihm wohl trotz allem noch geblieben.

Für seine Anhänger war dies jedoch eine Enttäuschung ohne Gleichen. Der Messias selbst fällt vom rechtmäßigen Glauben ab und nimmt die Religion des Unterdrückers an? Das kann nicht sein.

Samuel b. Meir hörte von der Konversion des Messias und kehrte auf seinem Weg ins Heilige Land um. Schamerfüllt kehrte er in seine Heimatstadt Amsterdam zurück und widmete sich wieder dem Tabakgeschäft. Ein Herzog ist er nie geworden.

So verlor die Bewegung an Anhängern und Attraktivität für neuen Zulauf. Doch einige hielten an der Idee Sabbatai sei der Messias fest. Sie legten die Konversion zum Islam als notwendigen Schritt aus und trafen sich im Geheimen, um über das mysteriöse Verhalten des Messias zu philosophieren.

Aus dieser Tradition gingen später weitere selbsternannte Erlöser der Menschheit hervor, die ebenfalls zum Islam oder zum Christentum konvertierten. Der letzte dieser Hochstapler war Jakob Frank, der sowohl zum Islam als auch zum Christentum konvertierte.

Er begründete diese Konversionen mit mystischen Argumenten und es gelang ihm einen großen Teil der Juden Europas von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen.

Wie hat er das geschafft?

Das erfahrt ihr in einem weiteren Text.

Quellen

Scholem, Gershom. Sabbatai Sevi The Mystical Messiah 1626-1676. Princeton 1973.

Petzel, Paul. Sabbatai Zwi – ein Bruder des Messias Jesus? Anmerkungen und Fragen zu einer schwierigen Verwandschaft. In: Zeitschrift für katholische Theologie, 2005, Vol. 127, No. 4, S. 415-448.

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Nichts für Warmduscher

Das tägliche Bad. Es ist heutzutage kaum aus unserem Alltag wegzudenken. Ob es genutzt wird um morgens frisch in den Tag zu starten oder nach einem langen Tag der Arbeit zur Erholung von den Strapazen des Tages dient.

Das Baden ist allerdings keines Falls eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Bereits vor über 5000 Jahren badeten sich die babylonischen Könige. Auch bei den Römern und Griechen gehörte das regelmäßige Bad zum Alltag. So ist z.B. überliefert, dass Archimedes, nachdem er beim Einsteigen in eine Badewanne das Archimedische Prinzip entdeckt hatte, nackt und „Heureka!“ rufend durch die Straßen der Stadt lief. Im 19. Jahrhundert entstanden schließlich erste Modelle moderner Badewannen aus verzinktem Eisenblech.

Der Arzt und sein Hautleiden

In einer solchen Wanne pflegte auch der französische Verleger, Arzt und Revolutionär Jean Paul Marat zu baden. Er litt unter einer Hautkrankheit und nahm regelmäßig lange Bäder um sich Linderung von den Schmerzen und Juckreizen zu verschaffen. Diese Bäder nutzte er unter anderem auch um seine Schriften zu verfassen.

Dazu gehörten nicht nur einschlägige Artikel, die er in seiner Zeitschrift „L’Ami du peuple“ (Freund des Volkes) veröffentlichte, sondern auch umfangreichere politische und naturwissenschaftliche Werke. Sein in englischer Sprache verfasstes Traktat „The Chains of Slavery“ stellt ein politisches Werk dar, das auf der Grundanlage beruht, dass jeder Souverän das absolute Ziel hat, seinen eigenen Machtbereich zu erweitern. Er fordert das Volk dazu auf sich als oberstes Ziel zu setzen, den Herrscher in seiner Macht einzuschränken.

Das kühle, mit Ölen und heilenden Kräutern versetzte Wasser und die Abwesenheit der sonst so lästigen Schmerzen, müssen Marat ein besonderes Gefühl der Entspannung und Geborgenheit gegeben haben.

Deswegen sollten sie Ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt in der Badewanne lassen

Doch die Geschichte lehrt uns, dass man sich selbst in einer mit warmem Wasser und Seife gefüllten Wanne im eigenen Haus besser nicht zu sicher fühlen sollte. Als Marat am 13. Juli 1793, einen Tag vor dem 4. Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, sein Bad nahm, und wie üblich an der nächsten Ausgabe seiner Zeitschrift „L’Ami du peuple“ arbeitete, betrat eine junge Frau sein Zimmer.

Bei dieser Frau handelte es sich um die damals 25 jährige Charlotte Corday. Sie gehörte dem Lager der moderateren Girondisten an und war angeblich gekommen, um bei Marat einige ihrer Parteimitglieder zu denunzieren. Doch in Wahrheit hegte sie gänzlich andere Pläne.

Neben der Liste mit den Namen der „Verräter“ brachte sie ein langes, scharfes Küchenmesser mit. Nach einem kurzen Gespräch stach sie dem Badenden die 20 Zentimeter lange Klinge tief in die Brust und beendete damit sein Leben.

Wenige Monate nach der Ermordung des Marat malte Jaques-Luis David sein berühmtes Gemälde „Der Tod des Marat“

Als sie sich vom Tatort entfernte wurde sie sogleich von einem Redakteur des „L’Ami du peuple“ niedergeschlagen und festgenommen. Sie wurde am 17. Juli 1793, nach einem 4 tägigen Prozess in Paris, guillotiniert.

Eigentlich hatte sie ihre tat in aller Öffentlichkeit durchführen wollen und damit gerechnet sogleich von der wütenden Menge in Stücke gerissen zu werden. So erging es ein Jahrhundert zuvor übrigens den Brüdern Cornelis und Johan de Witt, die 1672 in Den Haag von aufgebrachten Bürgern gelyncht wurden.

Das Motiv

Corday dachte, dass sie mit der Ermordung des Verlegers die Schreckensherrschaft der Jakobiner beenden würde. Damit stand sie vermutlich nicht ganz allein. Vielen moderaten Revolutionären waren Marat und seine radikalen Vorstellungen ein Dorn im Auge. Marat selbst war sich dessen wohl bewusst gewesen und hatte eine fast schon paranoide Vorsicht entwickelt.

Im entscheidenden Moment war er jedoch nicht in der Lage die Gefahr, die von Charlotte Corday ausging, zu erkennen.

Vor einem weiteren Feind hätte auch die schärfste Vorsicht nicht helfen können. Marat litt an seborrhoischer Dermatitis, einer tödlichen, damals nicht behandelbaren Hautkrankheit. Dem spanischen Genetiker Lalueza-Fox zufolge kam Corday der Krankheit wohl nur um wenige Tage oder Wochen zuvor.

Von Mördern, Opfern und Helden

Auf diesem Gemälde von Paul Jacques Aimé Baudry von 1858 steht (im Gegensatz zu Davids Gemälde) die Mörderin ganz im Mittelpunkt.

Sowohl die Mörderin als auch der Ermordete wurden nach ihrem Tod zu Märtyrern erklärt. Während Marat in den revolutionären Kreisen Frankreichs zum Nationalhelden wurde, wurde Corday zur Galionsfigur konterrevolutionärer Gruppierungen. Selbst für Aleksander Puschkin, der in seinem Gedicht „Der Dolch“ die Tyrannenmörder von Brutus und Cassius bis zu Karl Ludwig Sand verherrlicht, ist Charlotte Corday die Heldin, die die Welt vom „Tyrannen“ Marat befreit hat.

Quellen

Conner, Clifford D.: Jean-Paul Marat. Tribune of the French Revolution. 2012.

Heifer, Harold: A Bathtub Chronicle. In: Challenge. Vol. 2, No. 6, 1954, S. 36-68.

Gottschalk, Louis: The Life of Jean Paul Marat. Kansas 1923.

Marat, Jean-Paul: The Chains of Slavery. London 1774.

Taschwer, Klaus: Rätsel um die schlimmen Leiden des Jean-Paul Marat womöglich gelöst. Der Standard 2019.

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Die unglaubliche Karriere eines russischen Leibeigenen

Die gute alte Leibeigenschaft

Die Leibeigenschaft in der feudalen Gesellschaft des Mittelalters. Sie beschreibt ein soziales Verhältnis zwischen Herrn und Diener, das uns heute mehr als unmenschlich erscheint. Ein Mensch soll die volle Verfügungsgewalt über das Leben eines anderen Menschen haben? Nein! Diese Vorstellung ist mit unserer Auffassung von gesellschaftlichem Miteinander und der Würde des Menschen nicht vereinbar.

Und doch fristete ein Großteil der europäischen Bevölkerung mehrere Jahrhunderte ein Leben in diesem Stand. Während wir über die Ständegesellschaft, ihre Regeln und deren Legitimierung verhältnismäßig viel wissen, sind kaum detaillierte Biographien leibeigener Bauern bekannt.

Natürlich ist es verständlich, dass Chronisten und Hofschreiber es für wichtiger erachteten die Leben großer Herrscher und Herrscherinnen und anderer wichtiger politischer und militärischer Akteure aufzuschreiben.

Doch gibt es die seltenen Fälle, in denen Leibeigene in Positionen gerieten, in denen sie die Macht hatten über den Verlauf der Geschichte zu entscheiden. Die Geschichten dieser Fälle erinnern mehr an Legenden und Sagen oder romantische Abenteuerromane als an historische Zeugnisse – und doch sind sie tatsächlich geschehen.

Iwan Bolotnikow

Ein solcher Fall ist das unglaubliche Leben des, Mitte des 16. Jahrhunderts geborenen, russischen Leibeigenen Iwan Bolotnikow. Die ausführlichste Quelle über dessen Leben sind die Aufzeichnungen des deutschen Abenteurers Conrad Bussow.

Aus diesen geht hervor, dass Bolotnikow wie viele russische Bauern im 16. Jahrhundert aus der Leibeigenschaft floh, um sich den Kosaken anzuschließen. In den Reihen dieser unabhängigen Reiterverbände versprach er sich wohl ein Leben frei von Zwang und Ketten.

Seine Pläne wurden jedoch jäh durchkreuzt. Die „Wilden Felder“, wie die russisch-ukrainische Steppe schon seit der Antike genannt wurde, waren nicht nur Heimat der Kosaken.

Tataren durchstreiften die Steppe auf der Suche nach Beute. Das Zentrum ihres Reiches war die Krim, doch führten sie unentwegt Raubzüge in das wilde Grenzland zwischen der polnisch-litauischen Adelsrepublik und dem Russischen Reich. Zwar hatten sie den muslimischen Glauben angenommen, doch fühlten sie sich als Nachfolgerstaat der Goldenen Horde auch als Mongolen, weshalb Streifzüge und das Eintreiben von Tribut wichtiger Bestandteil ihrer Lebensweise waren.

Auf der Flucht vor den Verfolgern seiner russischen Herren geriet Bolotnikow also vom Regen in die Traufe. Er lief einem Bataillon plündernder Tataren in die Arme, die ihn gefangen nahmen und als Sklaven an einen osmanischen Herrn verkauften.

Jetzt mag man sich fragen: Und so soll er die Geschicke Europas beeinflusst haben? Indem er aus der Leibeigenschaft geflohen ist nur um dann gleich wieder gefangen genommen und als Sklave verkauft zu werden?

Die unglaubliche Geschichte fängt ja gerade erst an.

In der Sklaverei

Der neue Efendi (türk. Herr) setzte Bolotnikow als Ruderer auf einer Galeere ein, die das Mittelmeer befuhr. Bei einer dieser Reisen hatte Bolotnikow Glück. Die Galeere geriet in eine Seeschlacht mit einer deutschen Flotte und wurde aufgerieben. Er wurde befreit und nach Venedig gebracht.

Dort erreichte ihn die unglaubliche Nachricht, dass der 1606 ermordete Zar Dmitri (der heute als falscher Demetrius bekannt ist) den Anschlag auf sein Leben wie durch ein Wunder überlebt hatte. Nun wollte er seinen rechtmäßigen Anspruch auf den russischen Zarenthron geltend machen, indem er ein Heer von Verbündeten um sich sammelte.

Einschub: Der falsche Dmitri

Die Geschichte des Falschen Dmitri und seiner Nachfolger ist eine interessante Episode in der russischen Geschichte, die einen kurzen Exkurs rechtfertigt.

Der erste falsche Dmitri war ein Mönch, der sich für den 1591 im Alter von 9 Jahren ermordeten Sohn Iwan des Schrecklichen ausgab. Er mobilisierte Truppen und marschierte gegen Moskau um seinen Herrschaftsanspruch geltend zu machen. Der damalige Zar Boris Godunow, der nach dem Ende der Rurikiden-Dynastie die Macht in Russland ergriffen hatte, starb unerwartet. Dmitri wurde zum Zaren erklärt.

Die politischen Ziele des falschen Dmitri waren verhältnismäßig fortschrittlich. Er versuchte die Leibeigenschaft in Russland zu lockern und versprach den Bauern und Kosaken mehr Rechte und Freiheiten.

Nicht zuletzt mögen es diese „liberalen“ Ideen gewesen sein, die Bolotnikow dazu veranlassten den langen und schwierigen Weg von Venedig nach Russland auf sich zu nehmen um dort in den Dienst des, wie er glaubte, rechtmäßigen Zaren zu treten.

Das Glück des jungen Zaren war jedoch nicht von Dauer. Kaum 11 Monate konnte er sich an der Macht halten bevor Wassili Schuiski, ein früherer Verbündeter, ihn ermorden ließ und anschließend selbst zum Zaren ernannt wurde.

Dmitri wurde Bussows Chronik zufolge 9 Tage nach seiner Hochzeit mit der polnisch-litauischen Adeligen Marina Mniszech öffentlich gelyncht, nachdem die Bojaren und die Moskauer Bürger gegen ihn aufgehetzt worden waren. Seine Leiche wurde in Moskau auf dem Marktplatz öffentlich ausgestellt, beschimpft und schließlich verbrannt. Die Asche verstreute man in alle Winde, um sicherzugehen, dass der Tote niemals wiederkehre.

Diese Maßnahme stellte sich letztendlich jedoch als wirkungslos heraus.

Einschub II: Der falsche falsche Dmitri

Kurze Zeit nach Dmitris Ableben verbreiteten sich Gerüchte. Man munkelte der Zar (der falsche Dmitri) hätte den Anschlag auf sein Leben wie durch ein Wunder überleben können.

Tatsächlich gab sich also ein zweiter Schwindler als erster Schwindler aus, welcher fälschlicherweise angegeben hatte, der Thronfolger zu sein.

Verrückt, oder?

Bolotnikow glaubte fest an die Rechtmäßigkeit des ersten Dmitris. Doch war er wahrscheinlich genauso verwirrt wie wir. Als er in Polen ankam war der falsche Dmitri bereits tot und Bolotnikow traf den falschen falschen Dmitri.

Ob Bolotnikow dies jemals verstanden hat wissen wir bis heute nicht. Wir wissen nur, dass er dem falschen falschen Dmitri die Treue schwor.

Dieser schmiedete bereits fleißig Pläne die Macht in Russland an sich zu reißen. Bei diesem Unterfangen konnte er auf Unterstützung aus Polen hoffen und sich der Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsgruppen bedienen, um gegen Schuiski mobil zu machen.

Viele Leibeigene, Bauern und Kosaken, waren nicht begeistert davon, dass Dmitri ermordet worden war und wollten die Geschichte von seiner wundersamen Flucht nur zu gerne glauben. Dazu war Schuiskis Anspruch auf den Zarenthron nicht allzu stark, da er kein Mitglied der Zarenfamilie war. Das sorgte dafür, dass sich auch russische Bojaren gegen ihn richteten.

Der General

Über den genauen Ablauf des Treffens zwischen Bolotnikow und Dmitri II wissen wir kaum etwas. Doch muss unser Held einen enormen Eindruck auf den Thronanwärter gemacht haben. Er wurde von seinem neuen Herrn mit einer Fellmütze und einem Säbel ausgestattet, um das Kriegsglück zugunsten der Anhänger des Dmitri II zu wenden.

Doch auch wenn dieser Vorschuss nicht allzu verlockend und die Aussicht auf einen Sieg der Rebellen gering schien, führte Bolotnikow den ersten Auftrag seines Herrn gewissenhaft aus. Er überbrachte eine Nachricht an einen verbündeten Fürsten und verbreitete überall wo er hinkam die Kunde er hätte den Zaren Dmitri lebendig und mit eigenen Augen gesehen. Schon nach kurzer Zeit erlangte er die Kontrolle über ein rund 12000 Mann starkes Heer, das er gegen den, wie er glaubte, falschen Zaren Schuiski führte.

Krass, oder? Vom Sklaven zum Befehlshaber über 12000 Mann.

Mit dieser Armee gelang es Bolotnikow den bis dahin größten Aufstand im russischen Reich zu entfachen. Immer mehr Bauern, Leibeigene und Kosaken schlossen sich ihm an. Ein gemeinsames Ziel war die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Er eroberte große Teile des russischen Reiches und belagerte schließlich Moskau.

Aber was haben wir von Napoleon und Hitler gelernt? Belagere niemals Moskau. Vor allem nicht im Winter. Bolotnikow hatte das Pech vor den beiden geboren worden zu sein, und so beging er denselben Fehler. Dies rächte sich schnell. Im Winter 1606 musste er die Belagerung wegen der Kälte aufgeben.

Von da an wendete sich das Blatt.

Bolotnikow’s Schlacht mit der Armee des Zaren bei Nizhniye Kotly, nahe Moskau. Gemälde von Ernst Lissner.

In die Ecke gedrängt

Im Juni 1607 verschanzte sich Bolotnikow in der Stadt Tula, die vom Zaren Schuiski und einem (laut Bussow) 100000 Mann starken Heer belagert wurde. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass er seinem Gegner zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen war, gelang diesem ein taktisches Manöver, das die Rebellen dazu zwang, die Stadt kampflos aufzugeben und sich zu ergeben.

Der Zar ordnete an den nahegelegenen Fluss Oppa eine halbe Meile unterhalb der Stadt stauen zu lassen und setzte so große Teile der Stadt unter Wasser. Obwohl die Lebensbedingungen in der Stadt sich dadurch immens verschlechterten, weigerten sich die Belagerten noch lange Zeit ihre Waffen endgültig niederzulegen, da sie ein Entsatzheer aus Polen erwarteten.

Erst als immer deutlicher wurde, dass keine Hilfe mehr kommen würde und auch der letzte abgemagerte Hund restlos verspeist war, erklärte Bolotnikow, er wolle die Stadt aufgeben, sofern der Zar das Leben der Verteidiger verschone. Schuiski willigte ein und die Stadt wurde übergeben.

Bolotnikow soll durch kniehohes Wasser aus der Stadt zum Zelt des Zaren geritten sein. Dort warf er sich vor diesem nieder und legte sich seinen eigenen Säbel an die Kehle. Dann soll er sich mit folgenden Worten an den Zaren gewandt haben:

Ich habe für meinen Eid gestanden, den ich in Polen demjenigen, der sich Demetrius nannte, geschworen habe, ist ers oder nicht, das kann ich nicht wissen, denn ich habe ihn zuvor nicht gesehen, ich habe ihm treulich gedienet, er aber hat mich verlassen, nun bin ich allhier in deiner Hand und Gewalt. Willst du mich töten, so ist mein eigner Säbel bereit dazu. Willst du mich aber deiner Kreuz-Küssung und Zusagung nach begnadigen, so will ich dir so treulich dienen, als ich bishero dem gedienet habe, von dem ich bin verlassen worden.  

Bolotnikow wirft sich dem Zaren zu Füßen.

Der Tod

Schuiski soll seinen Schwur ihn und seine Männer zu begnadigen daraufhin nochmal bekräftigt haben und ihm freies Geleit zugesichert haben.

Sobald die Stadt jedoch wieder vollständig unter seiner Kontrolle war, ließ er Bolotnikow in Ketten legen und in Kargopol einsperren. Nach einiger Zeit Kerkerhaft wurden dem Rebellenführer die Augen ausgestochen und geblendet warf man ihn in den Fluss, wo er ertrank.

Das Leben des Iwan Balotnikow ist ebenso erstaunlich wie tragisch. Aus den untersten Ständen der mittelalterlichen Gesellschaft kämpfte er sich durch die widrigsten Umstände in eine Position, in der er die Geschicke Europas mitbestimmte.

Ein russischer Spartakus.

Von der Leibeigenschaft flüchtete er in die Wildnis. Als befreiter Sklave kehrte er in seine Heimat zurück, um einen Heuchler zu unterstützen, den er für den Zaren hielt, der sich für die Geschicke der einfachen Leute im russischen Reich eingesetzt hatte. Von diesem seinem Herrn, in den er wohl all seine Hoffnungen gesetzt hatte, schließlich im Stich gelassen, überließ er sich der Gnade eines erbitterten Feindes und war naiv genug dessen Schwur zu vertrauen.

Quellen:

Bussow, Conrad: Moskauer Chronik (Moskovskaja chronika). 1584-1613. Akademia nauk. Moskau 1961.

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Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Der Brief der seinen Schöpfer tötete

Nur die Harten kommen in den Garten!

Gangsterrap. Ein Genre das in der Regel mit Gewalt, Aggressivität und übersteigertem Ehrgefühl verbunden ist. 50 Cent, 2pac, Xatar, Bushido – Autoren gewalttätiger Texte, und von Gewalt und Kriminalität geprägte Lebensläufe. Doch was wenn ich euch sage, dass sie, verglichen mit einer Gruppe anderer Künstler, wie streitsüchtige kleine Schulbuben erscheinen? Welche Gruppe soll das sein fragt ihr?

Na, das ist doch klar!

Die Dichter der europäischen Romantik.

Von ihren heute oft schnulzig anmutenden Liebesdichtungen sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor allem das frühe 19. Jahrhundert und die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit brachte so manches Werk hervor, das offen zur Gewalt gegen die herrschende Ordnung aufruft. Doch nicht nur die Werke romantischer Dichter, sondern auch ihr Leben und schließlich ihr Tod sind oft von ausufernder Gewalt geprägt. Unter diesen tragischen Gestalten sticht vor allem ein Dichter hervor:

Der größte Dichter

Aleksandr Puschkin. Er gilt als der größte russische Dichter und kann wohl auch als einer der größten Dichter überhaupt angesehen werden. Seine Werke zeugen von poetischer Virtuosität, Witz und hervorragenden Kenntnissen antiker, europäischer und russischer Geschichte und Literatur. Seine freiheitspreisenden Jugendgedichte strotzen vor mitreißendem Pathos und Gewaltverherrlichung. Der Dolch wird zur Waffe der Tyrannenmörder und Unterdrückten, die die ungerechten Herrscher dieser Welt ihrer gerechten Strafe zuführen. Zu dieser Zeit steht der Dichter selbst der Bewegung der Dekabristen, die den russischen Zaren absetzen und eine Art Adelsrepublik installieren wollen, sehr nahe und für den Inhalt seiner Werke wird er zwei mal in die Verbannung geschickt. Bereits in jungen Jahren ist sein Schaffen als Dichter also eng mit seinem Leben und seinem Schicksal verknüpft. Dies sollte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1837 nicht ändern.

Der Tod und die Umstände, die zum Ende des begnadeten Poeten führten, scheinen nämlich direkt einem seiner romantischen Werke entnommen zu sein. Wie die meisten tragischen Tode beginnt die Geschichte vom Untergang der „russischen Sonne“, wie der Autor später von Kritikern genannt werden sollte, mit Eifersucht und verletztem Stolz.

Der Eklat

Eifersucht. Wir alle kennen dieses Gefühl und wissen nur zu gut, wie es uns von innen heraus auffressen kann. Einmal Besitz von uns ergriffen, lässt sie uns nicht mehr los und nimmt wesentlichen Einfluss auf unser Handeln. Als der französische Offizier und spätere Schwager des Dichters Georges-Charles d’Anthès Puschkins Frau nachstellte und sich Gerüchte über eine Affäre der beiden verbreiteten, ließ Puschkin dem Nebenbuhler eine Forderung zum Duell zukommen. Das Aufeinandertreffen der Kontrahenten konnte damals noch gerade (unter anderem durch die Intervention des Zaren selbst) verhindert werden.

Der Meisterschütze

Auch d’Anthès wird über diesen Verlauf der Dinge erfreut gewesen sein. Puschkin galt als ausgezeichneter Schütze und war bereits vorher in insgesamt 20 Duelle verwickelt worden. Sein aufbrausendes Temperament und seine scharfe Zunge brachten ihn schon in seiner Jugend schnell in brenzlige Situationen. Darüber hinaus war er von der romantischen Idee des Duells auf Leben und Tod fasziniert, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt.

Wenn es tatsächlich zu einem Duell kam, stand er seinem Gegenüber meist kalt und gleichgültig, oder mit einem hämischen Grinsen gegenüber. Bekannte des Dichters erinnern sich daran wie folgt:

Ich wusste, dass Aleksandr Sergeevič (Puschkin) hitzig war, manchmal bis zur Raserei; aber in der Stunde der Gefahr, wenn er dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, besaß er das höchste Maß an Gleichmut […]. Wenn es zur Konfrontation kam, wurde er kalt wie Eis.

Puschkin fürchtete Geschosse ebenso wenig wie den Giftstachel der Kritik. Während seine Gegner auf ihn zielten, schien es, als würde er, satirisch lächelnd und auf den Pistolenlauf seines Gegenübers blickend, bereits ein bösartiges Epigramm auf diesen und seinen Fehlschuss dichten.

Zu einem Duell soll der Dichter sogar mit einer Hand voll Kirschen erschienen sein, die er genüsslich verspeiste, während sein Gegner auf ihn feuerte.

Könnt ihr euch vorstellen ein Rapper wie Bushido oder Xatar würde sich mit diesem Meister der Provokation und Heißblütigkeit messen? Ich fürchte sie würden buchstäblich Messer mit zu einer Schießerei bringen.

Doch könnten sie selbst in so einem Fall auf die Gutmütigkeit des Dichters hoffen. Maß er sich nämlich mit Kontrahenten, von denen keine allzu große Treffsicherheit zu erwarten war, so gab er seinen Schuss in die Luft ab.

Von seinen eigenen Fähigkeiten im Umgang mit der Schusswaffe war er jedoch stets (zu Recht) Überzeugt. Durch „hartes Training“ hatte er sich über die Jahre geschult. Dieses Training fand in der Regel morgens gleich nach dem Erwachen statt. Wo? Na wo befindet man sich denn gleich nach dem erwachen? Im Bett natürlich.

Noch vor dem Aufstehen nahm er sich seine Waffe, die er mit Kugeln aus weichem Brot lud, vom Nachttisch und schoss die verschiedensten Muster an die Decke. Er beschaffte sich einen schweren Eisenstab, den er überall hin mit sich führte. Auf die Frage wieso er dies täte antwortete er seinem Onkel, es sei eine Maßnahme um seinen Arm und seine Hand für bevorstehende Schusswechsel zu stärken.

Oberst Semen Nikitič Starov, mit dem sich Puschkin ein Duell während eines Schneesturms geliefert hatte, bei dem beide Teilnehmer glimpflich davon gekommen waren, gestand seinem Kontrahenten ebenfalls einen festen Charakter auf der Schussbahn zu:

Sie stehen genauso gut im Kugelhagel, wie sie schreiben.

Für den größten russischen Dichter kein geringes Kompliment. Da das Duellieren einen so hohen Stellenwert in Puschkins Leben einnahm, ist es auch nicht verwunderlich, dass es Einfluss auf sein Werk genommen hat. Sein Hauptwerk, der Roman in Versen Evgenij Onegin, beinhaltet eine der bemerkenswertesten Duellszenen der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Der Brief

Nachdem es erneut zu Annäherungsversuchen von d’Anthès gekommen war, verlor Puschkin endgültig die Beherrschung und verfasste einen Brief an den Adoptivvater seines Nebenbuhlers, der faktisch nur mit der Forderung zum Duell beantwortet werden konnte. Hier ein Ausschnitt aus dem Schreiben:

Sie gestatten, Baron, mir inzwischen die Feststellung, daß Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit nicht übermäßig anständig gewesen ist. Sie, als beglaubigter Vertreter eines gekrönten Staatsoberhauptes waren der Kuppler Ihres eigenen Bastardes, und sein im Übrigen ziemlich ungeschminktes Benehmen dürfte von Ihnen selbst gelenkt worden sein. Sie haben ihm seine erbärmlichen Liebeserklärungen sowie alle seine schriftlichen Niederträchtigkeiten souffliert! Wie einem liederlichen Frauenzimmer haben Sie meiner Frau in allen Ecken aufgelauert, um ihr von der Liebe Ihres Sohnes zu erzählen, und noch während er zu Hause seine Geschlechtskrankheit auskurierte, machten Sie ihr weis, ›daß er aus Liebe zu ihr im Sterben läge‹ und murmelten ihr zu, ›Gib mir meinen Sohn zurück‹. Sie werden es wohl verstehn, daß ich nach Allem weitere Beziehungen zwischen meiner und Ihrer Familie nicht dulden konnte. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, diese schmierige Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Sie nicht, wie es wohl mein gutes Recht gewesen wäre und zunächst auch meine Absicht gewesen ist, bei Hofe bloszustellen. Ich will aber nicht, daß meine Gattin Ihren väterlichen Ermahnungen zuzuhören hat, ich kann nicht dulden, daß nach seinem ekelhaften Benehmen Ihr Sohn sich auch noch die Unverschämtheit leistet, weiterhin mit meiner Frau zu sprechen, ihr den Hof zu machen, ihr Kasernengeschichten und -witze zu erzählen und den zärtlich ergebenen und unglücklichen Verliebten zu spielen, während er doch nichts anderes, als ein Schurke und Taugenichts ist.

Diese Zeilen erinnern schon ein wenig an die Texte heutiger Rap-Battles oder? Gleichzeitig zeigen sie, wie schnell im 19. Jahrhundert literarische Fehden zu echtem Blutvergießen führen konnten. Wie oft beleidigen sich zeitgenössische Musiker und drohen sich Gewalt in ihren Texten an, nur um dann doch nichts zu machen. Wenn bereits Worte wie Schurke oder Taugenichts die Kontrahenten dazu gebracht haben mit Pistolen aufeinander loszugehen, wie hätte einer wie Puschkin wohl reagiert, wenn er einen Text von Bushido gehört hätte und dieser gegen ihn gerichtet wäre? Vermutlich hätte er unverzüglich Satisfaktion gefordert und ihn in einem Duell über den Haufen geschossen.

So nahm der Dichter die Aufforderung seines Kontrahenten ohne Umschweife an und ließ sich auch im Nachhinein auf keine Beschwichtigungsversuche ein. „Je blutiger, desto besser“ soll er gesagt haben, als die Bedingungen für das Duell festgelegt wurden. Unerbittlich hielt er daran fest, dass Duell auszuführen. Er sprach davon wie seine Rache die Welt verändern würde und sein Verhalten wurde zunehmend sonderbar, sodass ihn sogar einige Freunde für verrückt erklärten. Die Eifersucht und das Misstrauen des Dichters richteten sich nicht nur gegen d’Anthès. Auch in anderen, unter anderem Im Zaren selbst sah er unerwünschte Nebenbuhler. Ein Umstand der seine geistige Verfassung kurz vor dem Duell nicht im besten Licht erstrahlen lässt.

Der Tod

Am 27. Januar 1837 trafen sich die beiden Gegner und ihre Sekundanten auf einem verschneiten Feld unweit von Sangt Petersburg um das Duell durchzuführen. Ein Szenario, wie es Puschkin selbst in seinem Versroman Evgenij Onegin beschrieben hatte. Wie das fiktive Duell sollte auch dieses mit dem Tod eines Dichters enden.

Den ersten Schuss feuerte d’Anthès ab und traf Puschkin in den Bauch. Doch war das Duell damit nicht vorbei. Bereits tödlich verwundet bestand der Dichter darauf auch seine Kugel noch abfeuern zu dürfen. Hier machte sich sein Training bezahlt. Unter Schmerzen im Schnee liegend legte er an und zielte auf seinen Widersacher. Obwohl die Schmerzen kaum auszuhalten gewesen sein müssen zitterte seine Hand nicht. Schließlich schoss er auf den verdutzten d’Anthès und traf diesen in die Brust. Der Kontrahent des Dichters hatte jedoch Glück. Der Treffer verursachte keine tödliche Verletzung.

So stellte sich Adrian Vokov das Duell der beiden Kontrahenten vor. Das Gemälde wurde 1869 fertig gestellt.

Nachdem er den Schuss abgefeuert hatte, sank Puschkin erschöpft im Schnee zusammen und wurde von den Sekundanten in die Kutsche getragen und nach Hause gefahren. Dort hatte er noch zwei Tage um seine Angelegenheiten zu regeln bevor er seiner Verletzung erlag.

Puschkin soll sich nach dem Duell, in den ihm verbleibenden Stunden, ruhig und sehr gefasst gezeigt haben. Er bat den Zaren um Verzeihung für die Missachtung seines Befehls sich auf kein Duell mit d’Anthès einzulassen und tröstete seine Frau Natalia, die mehrmals am Sterbebett des Dichters in Tränen ausbrach.

Trotz seiner Popularität wurde Puschkin nur eine kleine Beerdigung zu Teil. Die zaristische Regierung fürchtete, dass – hielte man eine öffentliche Beisetzung ab – es im Verlauf der Feierlichkeiten zu einem Aufstand kommen könnte. Daher wurde der Dichte im Geheimen und nur in Anwesenheit des engsten Familien- und Freundeskreis beerdigt. Dies zeigt, dass trotzt seiner Stellung am Hof des Zaren die revolutionären Ideen, die mit seinem Namen verknüpft waren, ihre Wirkung nicht verloren hatten.

Am 27. Januar 1837 wurde die Welt eines Genies beraubt – eine Tragödie die sich bereits fünf Jahre zuvor in Frankreich im Falle Galois abgespielt hatte.

Das Vermächtnis

„Exegi monumentum“ (lat. Ich habe mir ein Denkmal gesetzt) – so lautet der Titel eines der späten Gedichte Puschkins, das er in Anlehnung auf Horaz gleichnamige Ode verfasste. Und mit diesem Ausspruch hatte er Recht.

Der Name Puschkin, der bereits zu Lebzeiten des Dichters in aller Munde war, erlangte nach dem tragischen Tod des Dichters in Russland eine unvergleichbare Bedeutung und sein Poetisches Werk ist nicht nur für die russische Literatur, sondern auch für die russische Sprache überhaupt ein unermessliches Vermächtnis. Es umfängt zahlreiche Gedichte, Versepen, Geschichten, Dramen und Romane die so populär wurden, dass sie schnell in die russische Folklore eingingen und bis heute wesentlicher Teil russischer Kultur geblieben sind.

Zu Recht wird er als der größte russische Dichter bezeichnet.

Quellen

Lauer, Reinhard. „Aleksandr Puškin. Eine Biographie.“ C.H. Beck 2006.

Chodasevič, Vladislav. „Puškin i poėty ego vremeni”. Tom tretij (Stat’i, recenzii, zametki 1935-1939 gg.). Berkeley 2014.

Reck-Malleczewen, Fritz. „Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma.“ Berlin 1940.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Die Party des Petronius

Partys. Wir alle freuen uns auf die Zeit in der sie wieder möglich sein werden. Doch nur weil feiern erlaubt ist, heißt es noch lange nicht, dass eine Party auch ein Erfolg wird. Einige Partys sind der Hammer, andere sind langweilig.

Sterbenslangweilig.

Während sich die meisten von uns der metaphorischen Bedeutung dieses Ausdruckes bewusst sind, gibt es immer wieder Menschen, die solche Sprichwörter zu ernst nehmen.

Titus Petronius

Titus Petronius war ein römischer Patrizier und enger Vertrauter des Kaiser Nero. Er trug stolz den Titel des Arbiter Elegantiae, was so viel bedeutet wie Berater in Sachen des feinen Geschmacks. Im Grunde beriet er Nero darin möglichst cool zu wirken. Der Historiker Tacitus notierte dazu, dass

jener [Nero] nichts für reizvoll und gefällig hielt, was die Fülle des Luxus bot, es sei denn, dass es ihm Petronius empfohlen hätte. — Tacitus: Annalen 16,18

Mit Lifestyle kannte sich Petronius scheinbar in der Tat sehr gut aus. Wie Tacitus weiter schreibt:

Er [Petronius] verbrachte ja den Tag mit Schlafen, die Nacht mit Geschäften und Vergnügungen, die das Leben bietet; wie anderen der Fleiß, so hatte ihm das Nichtstun zu Ansehen verholfen, und galt er nicht als Schlemmer und Verschwender wie die meisten, die ihr Vermögen vertun, sondern als Mann des verfeinerten Lebensgenusses. — Tacitus: Annalen 16,18

Petronius führte also das Leben eines typischen Studenten. Im Gegensatz zu diesen war er jedoch reich und beim Volk sehr beliebt.

Für eine Zeit schien es, als sei ihm eine glorreiche Zukunft beschieden.

Doch, wie viele am Hofe des Caesaren, fiel auch er Neros Paranoia zum Opfer. Überall in seinem näheren Umfeld witterte dieser eine Verschwörung. So hatte ein Rivale des Petronius leichtes Spiel den Kaiser davon zu überzeugen, Petronuis wolle ihn stürzen.

Petronius wurde vor die Wahl gestellt entweder das Urteil des Kaisers abzuwarten oder diesem durch Selbstmord zuvorzukommen.

So hatte es vor ihm bereits der Philosoph Seneca, der des selben Vergehens beschuldigt worden war, getan. Dieser philosophierte noch als ihm bereits die Pulsadern geöffnet wurden und seine letzten Atemzüge verwandte er darauf tiefgründige Gedanken zu zitieren.

Die Party

Im Gegensatz dazu lud Petronius, nachdem er den Entschluss seinem Leben selbst ein Ende zu setzen gefasst hatte, zu einem ausschweifenden Gelage ein.

Während des Festes ließ er sich von seinen Dienern feierlich die Pulsadern aufschneiden. Unter den verwunderten Blicken seiner Gäste ließ er seine Adern so verbinden, dass das Blut nur ganz langsam aus der Wunde quoll.

Bei dieser Geschwindigkeit, so war sich Petronius gewiss, würde er verbluten lange bevor die Häscher des Nero ihn erreichen konnten. Allerdings wollte er sich nicht allzu schnell ins Jenseits aufmachen. Dafür war die Party einfach zu gut.

Doch Petronius war ein wankelmütiger Mensch. Wurde ihm die Feier zu langweilig, etwa, weil ihn die Gespräche nicht interessierten, oder gerade keine Lustknaben in der Nähe waren, ließ er die Verbände öffnen.

Sogleich strömte mehr Blut aus der Wunde und Petronius konnte aufatmen, im Wissen, die Party nicht mehr lange ertragen zu müssen (und am nächsten Morgen nicht beim Aufräumen helfen zu müssen).

Falls ihm hingegen die Party wieder besser gefiel, befahl er seinen Dienern neue Verbände anzulegen.

So zog sich die letzte Party des Petronius stundenlang hin. Die Gäste sahen das Blut von ihrem Gastgeber herab tropfen. Mal war es ein kleines Rinnsal, mal eine rote Fontäne.

Dieses Verhalten wird wohl die eine oder andere unangenehme Situation hervorgerufen haben.

Stell dir vor du bist ein Gast auf dieser Party und im Rahmen einer Konversation mit dem Gastgeber erzählst du einen Witz, der dir schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht. Daraufhin schaut dich Petronius gleichgültig an, wendet sich seinem Diener zu und befielt diesem die Bandagen zu lockern. Etwas peinlicheres gibt es ja wohl nicht.

Auch die Musiker dürften Schwierigkeiten gehabt haben die Gäste unter diesen Bedingungen zu unterhalten. Stell dir vor du beginnst zu singen und plötzlich lässt Petronius die Verbände lösen und Blut spritzt überall hin. Dagegen ist wohl selbst die härteste Kritik von Dieter Bohlen ein Witz.

Nun, der gute Petronius starb in jener Nacht bevor ihn die Häscher des Nero erreichen konnten. Und so starb er wie er gelebt hatte.

Ganz kurz vor seinem Ableben diktierte er noch sein Testament. Tacitus berichtet darüber:

Auch in seinem Testament schmeichelte er nicht, wie die meisten, die in den Tod gingen, Nero oder Tigellinus oder irgendeinem anderen der Machthaber, sondern schrieb die Schandtaten des Princeps unter namentlicher Nennung seiner Lustknaben und Frauen und die Neuartigkeit jedes einzelnen Lustaktes genau auf und schickte das Ganze versiegelt an Nero. — Tacitus: Annalen 16,19

Nun interessiert uns: was haltet ihr von Petronius? Hättet ihr an seiner Stelle ähnlich gehandelt? Unter welchen Umständen hättet ihr an Petronius Stelle die Verbände lösen lassen? Schreibt eure Antworten gerne in den Kommentarbereich. 🙂

Quellen

Tacitus, P. Cornelius: Annalen. lateinisch-deutsch (Hrsg.: Erich Heller). Mannheim 2010.

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