Nur die Harten kommen in den Garten!
Gangsterrap. Ein Genre das in der Regel mit Gewalt, Aggressivität und übersteigertem Ehrgefühl verbunden ist. 50 Cent, 2pac, Xatar, Bushido – Autoren gewalttätiger Texte, und von Gewalt und Kriminalität geprägte Lebensläufe. Doch was wenn ich euch sage, dass sie, verglichen mit einer Gruppe anderer Künstler, wie streitsüchtige kleine Schulbuben erscheinen? Welche Gruppe soll das sein fragt ihr?
Na, das ist doch klar!
Die Dichter der europäischen Romantik.
Von ihren heute oft schnulzig anmutenden Liebesdichtungen sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor allem das frühe 19. Jahrhundert und die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit brachte so manches Werk hervor, das offen zur Gewalt gegen die herrschende Ordnung aufruft. Doch nicht nur die Werke romantischer Dichter, sondern auch ihr Leben und schließlich ihr Tod sind oft von ausufernder Gewalt geprägt. Unter diesen tragischen Gestalten sticht vor allem ein Dichter hervor:
Der größte Dichter
Aleksandr Puschkin. Er gilt als der größte russische Dichter und kann wohl auch als einer der größten Dichter überhaupt angesehen werden. Seine Werke zeugen von poetischer Virtuosität, Witz und hervorragenden Kenntnissen antiker, europäischer und russischer Geschichte und Literatur. Seine freiheitspreisenden Jugendgedichte strotzen vor mitreißendem Pathos und Gewaltverherrlichung. Der Dolch wird zur Waffe der Tyrannenmörder und Unterdrückten, die die ungerechten Herrscher dieser Welt ihrer gerechten Strafe zuführen. Zu dieser Zeit steht der Dichter selbst der Bewegung der Dekabristen, die den russischen Zaren absetzen und eine Art Adelsrepublik installieren wollen, sehr nahe und für den Inhalt seiner Werke wird er zwei mal in die Verbannung geschickt. Bereits in jungen Jahren ist sein Schaffen als Dichter also eng mit seinem Leben und seinem Schicksal verknüpft. Dies sollte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1837 nicht ändern.
Der Tod und die Umstände, die zum Ende des begnadeten Poeten führten, scheinen nämlich direkt einem seiner romantischen Werke entnommen zu sein. Wie die meisten tragischen Tode beginnt die Geschichte vom Untergang der „russischen Sonne“, wie der Autor später von Kritikern genannt werden sollte, mit Eifersucht und verletztem Stolz.
Der Eklat
Eifersucht. Wir alle kennen dieses Gefühl und wissen nur zu gut, wie es uns von innen heraus auffressen kann. Einmal Besitz von uns ergriffen, lässt sie uns nicht mehr los und nimmt wesentlichen Einfluss auf unser Handeln. Als der französische Offizier und spätere Schwager des Dichters Georges-Charles d’Anthès Puschkins Frau nachstellte und sich Gerüchte über eine Affäre der beiden verbreiteten, ließ Puschkin dem Nebenbuhler eine Forderung zum Duell zukommen. Das Aufeinandertreffen der Kontrahenten konnte damals noch gerade (unter anderem durch die Intervention des Zaren selbst) verhindert werden.
Der Meisterschütze
Auch d’Anthès wird über diesen Verlauf der Dinge erfreut gewesen sein. Puschkin galt als ausgezeichneter Schütze und war bereits vorher in insgesamt 20 Duelle verwickelt worden. Sein aufbrausendes Temperament und seine scharfe Zunge brachten ihn schon in seiner Jugend schnell in brenzlige Situationen. Darüber hinaus war er von der romantischen Idee des Duells auf Leben und Tod fasziniert, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt.
Wenn es tatsächlich zu einem Duell kam, stand er seinem Gegenüber meist kalt und gleichgültig, oder mit einem hämischen Grinsen gegenüber. Bekannte des Dichters erinnern sich daran wie folgt:
Ich wusste, dass Aleksandr Sergeevič (Puschkin) hitzig war, manchmal bis zur Raserei; aber in der Stunde der Gefahr, wenn er dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, besaß er das höchste Maß an Gleichmut […]. Wenn es zur Konfrontation kam, wurde er kalt wie Eis.
Puschkin fürchtete Geschosse ebenso wenig wie den Giftstachel der Kritik. Während seine Gegner auf ihn zielten, schien es, als würde er, satirisch lächelnd und auf den Pistolenlauf seines Gegenübers blickend, bereits ein bösartiges Epigramm auf diesen und seinen Fehlschuss dichten.
Zu einem Duell soll der Dichter sogar mit einer Hand voll Kirschen erschienen sein, die er genüsslich verspeiste, während sein Gegner auf ihn feuerte.
Könnt ihr euch vorstellen ein Rapper wie Bushido oder Xatar würde sich mit diesem Meister der Provokation und Heißblütigkeit messen? Ich fürchte sie würden buchstäblich Messer mit zu einer Schießerei bringen.
Doch könnten sie selbst in so einem Fall auf die Gutmütigkeit des Dichters hoffen. Maß er sich nämlich mit Kontrahenten, von denen keine allzu große Treffsicherheit zu erwarten war, so gab er seinen Schuss in die Luft ab.
Von seinen eigenen Fähigkeiten im Umgang mit der Schusswaffe war er jedoch stets (zu Recht) Überzeugt. Durch „hartes Training“ hatte er sich über die Jahre geschult. Dieses Training fand in der Regel morgens gleich nach dem Erwachen statt. Wo? Na wo befindet man sich denn gleich nach dem erwachen? Im Bett natürlich.
Noch vor dem Aufstehen nahm er sich seine Waffe, die er mit Kugeln aus weichem Brot lud, vom Nachttisch und schoss die verschiedensten Muster an die Decke. Er beschaffte sich einen schweren Eisenstab, den er überall hin mit sich führte. Auf die Frage wieso er dies täte antwortete er seinem Onkel, es sei eine Maßnahme um seinen Arm und seine Hand für bevorstehende Schusswechsel zu stärken.
Oberst Semen Nikitič Starov, mit dem sich Puschkin ein Duell während eines Schneesturms geliefert hatte, bei dem beide Teilnehmer glimpflich davon gekommen waren, gestand seinem Kontrahenten ebenfalls einen festen Charakter auf der Schussbahn zu:
Sie stehen genauso gut im Kugelhagel, wie sie schreiben.
Für den größten russischen Dichter kein geringes Kompliment. Da das Duellieren einen so hohen Stellenwert in Puschkins Leben einnahm, ist es auch nicht verwunderlich, dass es Einfluss auf sein Werk genommen hat. Sein Hauptwerk, der Roman in Versen Evgenij Onegin, beinhaltet eine der bemerkenswertesten Duellszenen der Literatur des 19. Jahrhunderts.
Der Brief
Nachdem es erneut zu Annäherungsversuchen von d’Anthès gekommen war, verlor Puschkin endgültig die Beherrschung und verfasste einen Brief an den Adoptivvater seines Nebenbuhlers, der faktisch nur mit der Forderung zum Duell beantwortet werden konnte. Hier ein Ausschnitt aus dem Schreiben:
Sie gestatten, Baron, mir inzwischen die Feststellung, daß Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit nicht übermäßig anständig gewesen ist. Sie, als beglaubigter Vertreter eines gekrönten Staatsoberhauptes waren der Kuppler Ihres eigenen Bastardes, und sein im Übrigen ziemlich ungeschminktes Benehmen dürfte von Ihnen selbst gelenkt worden sein. Sie haben ihm seine erbärmlichen Liebeserklärungen sowie alle seine schriftlichen Niederträchtigkeiten souffliert! Wie einem liederlichen Frauenzimmer haben Sie meiner Frau in allen Ecken aufgelauert, um ihr von der Liebe Ihres Sohnes zu erzählen, und noch während er zu Hause seine Geschlechtskrankheit auskurierte, machten Sie ihr weis, ›daß er aus Liebe zu ihr im Sterben läge‹ und murmelten ihr zu, ›Gib mir meinen Sohn zurück‹. Sie werden es wohl verstehn, daß ich nach Allem weitere Beziehungen zwischen meiner und Ihrer Familie nicht dulden konnte. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, diese schmierige Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Sie nicht, wie es wohl mein gutes Recht gewesen wäre und zunächst auch meine Absicht gewesen ist, bei Hofe bloszustellen. Ich will aber nicht, daß meine Gattin Ihren väterlichen Ermahnungen zuzuhören hat, ich kann nicht dulden, daß nach seinem ekelhaften Benehmen Ihr Sohn sich auch noch die Unverschämtheit leistet, weiterhin mit meiner Frau zu sprechen, ihr den Hof zu machen, ihr Kasernengeschichten und -witze zu erzählen und den zärtlich ergebenen und unglücklichen Verliebten zu spielen, während er doch nichts anderes, als ein Schurke und Taugenichts ist.
Diese Zeilen erinnern schon ein wenig an die Texte heutiger Rap-Battles oder? Gleichzeitig zeigen sie, wie schnell im 19. Jahrhundert literarische Fehden zu echtem Blutvergießen führen konnten. Wie oft beleidigen sich zeitgenössische Musiker und drohen sich Gewalt in ihren Texten an, nur um dann doch nichts zu machen. Wenn bereits Worte wie Schurke oder Taugenichts die Kontrahenten dazu gebracht haben mit Pistolen aufeinander loszugehen, wie hätte einer wie Puschkin wohl reagiert, wenn er einen Text von Bushido gehört hätte und dieser gegen ihn gerichtet wäre? Vermutlich hätte er unverzüglich Satisfaktion gefordert und ihn in einem Duell über den Haufen geschossen.
So nahm der Dichter die Aufforderung seines Kontrahenten ohne Umschweife an und ließ sich auch im Nachhinein auf keine Beschwichtigungsversuche ein. „Je blutiger, desto besser“ soll er gesagt haben, als die Bedingungen für das Duell festgelegt wurden. Unerbittlich hielt er daran fest, dass Duell auszuführen. Er sprach davon wie seine Rache die Welt verändern würde und sein Verhalten wurde zunehmend sonderbar, sodass ihn sogar einige Freunde für verrückt erklärten. Die Eifersucht und das Misstrauen des Dichters richteten sich nicht nur gegen d’Anthès. Auch in anderen, unter anderem Im Zaren selbst sah er unerwünschte Nebenbuhler. Ein Umstand der seine geistige Verfassung kurz vor dem Duell nicht im besten Licht erstrahlen lässt.
Der Tod
Am 27. Januar 1837 trafen sich die beiden Gegner und ihre Sekundanten auf einem verschneiten Feld unweit von Sangt Petersburg um das Duell durchzuführen. Ein Szenario, wie es Puschkin selbst in seinem Versroman Evgenij Onegin beschrieben hatte. Wie das fiktive Duell sollte auch dieses mit dem Tod eines Dichters enden.
Den ersten Schuss feuerte d’Anthès ab und traf Puschkin in den Bauch. Doch war das Duell damit nicht vorbei. Bereits tödlich verwundet bestand der Dichter darauf auch seine Kugel noch abfeuern zu dürfen. Hier machte sich sein Training bezahlt. Unter Schmerzen im Schnee liegend legte er an und zielte auf seinen Widersacher. Obwohl die Schmerzen kaum auszuhalten gewesen sein müssen zitterte seine Hand nicht. Schließlich schoss er auf den verdutzten d’Anthès und traf diesen in die Brust. Der Kontrahent des Dichters hatte jedoch Glück. Der Treffer verursachte keine tödliche Verletzung.

Nachdem er den Schuss abgefeuert hatte, sank Puschkin erschöpft im Schnee zusammen und wurde von den Sekundanten in die Kutsche getragen und nach Hause gefahren. Dort hatte er noch zwei Tage um seine Angelegenheiten zu regeln bevor er seiner Verletzung erlag.
Puschkin soll sich nach dem Duell, in den ihm verbleibenden Stunden, ruhig und sehr gefasst gezeigt haben. Er bat den Zaren um Verzeihung für die Missachtung seines Befehls sich auf kein Duell mit d’Anthès einzulassen und tröstete seine Frau Natalia, die mehrmals am Sterbebett des Dichters in Tränen ausbrach.
Trotz seiner Popularität wurde Puschkin nur eine kleine Beerdigung zu Teil. Die zaristische Regierung fürchtete, dass – hielte man eine öffentliche Beisetzung ab – es im Verlauf der Feierlichkeiten zu einem Aufstand kommen könnte. Daher wurde der Dichte im Geheimen und nur in Anwesenheit des engsten Familien- und Freundeskreis beerdigt. Dies zeigt, dass trotzt seiner Stellung am Hof des Zaren die revolutionären Ideen, die mit seinem Namen verknüpft waren, ihre Wirkung nicht verloren hatten.
Am 27. Januar 1837 wurde die Welt eines Genies beraubt – eine Tragödie die sich bereits fünf Jahre zuvor in Frankreich im Falle Galois abgespielt hatte.
Das Vermächtnis
„Exegi monumentum“ (lat. Ich habe mir ein Denkmal gesetzt) – so lautet der Titel eines der späten Gedichte Puschkins, das er in Anlehnung auf Horaz gleichnamige Ode verfasste. Und mit diesem Ausspruch hatte er Recht.
Der Name Puschkin, der bereits zu Lebzeiten des Dichters in aller Munde war, erlangte nach dem tragischen Tod des Dichters in Russland eine unvergleichbare Bedeutung und sein Poetisches Werk ist nicht nur für die russische Literatur, sondern auch für die russische Sprache überhaupt ein unermessliches Vermächtnis. Es umfängt zahlreiche Gedichte, Versepen, Geschichten, Dramen und Romane die so populär wurden, dass sie schnell in die russische Folklore eingingen und bis heute wesentlicher Teil russischer Kultur geblieben sind.
Zu Recht wird er als der größte russische Dichter bezeichnet.
Quellen
Lauer, Reinhard. „Aleksandr Puškin. Eine Biographie.“ C.H. Beck 2006.
Chodasevič, Vladislav. „Puškin i poėty ego vremeni”. Tom tretij (Stat’i, recenzii, zametki 1935-1939 gg.). Berkeley 2014.
Reck-Malleczewen, Fritz. „Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma.“ Berlin 1940.
