Bist du auch ein großer Fan von trash-TV? Wartest du jede Woche sehnsüchtig auf die neue Folge von Bauer sucht Frau, der Bachelor, die Bachelorette, Germany’s next topmodel oder DSDS? Wir von Some Ideas auch!
Aber wieso eigentlich?
Ich glaube, der Mensch hat ein Bedürfnis nach Status. Um sich zu vergewissern, dass man nicht ganz unten in der sozialen Hierarchie steht, genügt es, unter sich selbst einen noch größeren Idioten vor zu finden. Fernsehsender haben dieses Bedürfnis erkannt und befriedigen es gerne. Wenn wir wieder einmal ein Date verpatzt haben oder nicht zu einer Party eingeladen worden sind, können wir getrost die neuste Folge von Love Island schauen und mit dem guten Gefühl einschlafen „so doof wie die bin ich dann doch nicht“.
Schön und gut, aber stellt euch mal vor ihr wärt nur noch von trash-TV Menschen umgeben. Ihr würdet quasi den ganzen Tag nur trash-TV sehen. Stellt euch vor ihr wärt WIRKLICH intelligenter als alle anderen, hättet nie jemanden getroffen, der mit euch gedanklich Schritt halten kann. Zu schlau für diese Welt sozusagen.
Was wäre wohl aus euch geworden?
Die Jugend des Évariste Galois
Schwer zu sagen, aber ich kann euch sagen, was aus Évariste Galois wurde, einem französischen Wunderkind des 18. Jahrhunderts. Évariste Galois erblickte das Licht der trash-TV Welt im Jahre 1811 unweit von Paris. Bis zu seinem 12. Lebensjahr wurde er ausschließlich von seiner Mutter unterrichtet.
1823 bestand er die Aufnahmeprüfung am Collège Louis-le-Grand und trat in die vierte Klasse ein.

An diesem Internat war das Leben deutlich härter als ihr es vielleicht von eurer Schulzeit gewohnt seid. Die Schüler wurden um 5:30 Uhr geweckt, um sich sogleich am Hofbrunnen zu waschen. Nach einem morgendlichen Gebet wurde dann erstmal bis 19:30 Uhr gelernt, abgesehen von 3 Mahlzeiten. Auch die Klassenzimmer waren deutlich gefüllter als es heute üblich ist. Daher gab es auch keine Stühle, sondern die Kinder und Ratten knieten vor dem Lehrer auf dem Boden.
Ja, richtig gelesen.
Der kleine Évariste war von seiner Mama fachlich bestens auf die schulischen Anforderungen des Louis-le-Grand vorbereitet worden. Jedoch hatte sie es versäumt ihm beizubringen, (aber vielleicht war dies auch einfach nur ein Ding der Unmöglichkeit) dass er sich auch mit Dingen auseinanderzusetzen hatte, die er nicht mochte.
Darin lag die Tragik seiner Existenz.
Sein ungeheures mathematisches Talent offenbarte Galois erstmals im Matheunterricht. Wie sein Klassenkamerad Ludovic Lalanne zu Dupuy später erzählte, las Galois komplexe mathematische Bücher wie andere Menschen Romane lesen. Um seine Worte zu benutzen:
Mit einem Flügelschlag am Anfang verließ sein Geist die Niederungen, um sich geschwind zu den Gipfeln zu erheben.
Wann glaubst du hat das letzte Mal jemand so über dich gesprochen?
Haha, Lusche!
Zu dieser Zeit konnte seine ganze Familie die Änderung seiner Gemütslage feststellen. Im Internat wurde sein Benehmen immer eigenartiger. Er isolierte sich von seinen Klassenkameraden und schien sich nur noch für die Mathematik zu interessieren.
Am Anfang des Jahres schrieb sein Studienaufseher noch, dass er ihn ,,sehr sanft und voller Unschuld und guter Eigenschaften finde” aber dennoch konnte er nicht umhin festzustellen, dass er etwas seltsam sei.
Am Ende des dritten Trimesters sah seine Beurteilung deutlich schlechter aus:
Dieser Schüler, der nur in den letzten vierzehn Tagen ein wenig arbeitete, blieb nur aus Angst vor Strafe auf dem Stand der Klasse, und wurde infolgedessen auch bei jeder Gelegenheit bestraft. Mal – und das war meistens – erledigte er seine Hausaufgaben unvollständig, mal verpfuschte er sie, und im Falle von einigen Lateinaufsätzen schrieb er nur das Thema ab. Sein Ehrgeiz, seine oft geheuchelte Sonderlichkeit, und ein seltsamer Charakter trennen ihn von seinen Kameraden.
Ich weiß nicht, ob es dir ähnlich geht, aber ich erkenne mich hier total wieder. Ich könnte schwören, dass mein alter Lateinlehrer genau das gleich über mich geschrieben hat, außer das mit dem Charakter vielleicht.
Vielleicht sind wir beide ja auch Genies!
Tipps und Tricks fürs Vorstellungsgespräch
Mit 17 machte sich das mathematische Wunderkind dann auf, um an einer besonderen Hochschule für Ingenieurwissenschaften und Mathematik zu studieren.
Falls du dich gerade auf ein Stipendium, Studienplatz oder Job beworben hast, und noch ein paar Tipps dafür haben willst, wie man ein Vorstellungsgespräch optimal führt, dann pass jetzt gut auf. So macht es ein Genie:
Das Format der Vorstellungsgespräche an dieser speziellen Uni sah so aus: Einige Prüfer stellten dem Prüfling mathematische Fragen. Manche dieser Fragen konnten direkt beantwortet werden, andere sollten auf einer Tafel vorgerechnet werden.
Wie zu erwarten brillierte Galois bei den direkt beantwortbaren Fragen. Leider hatte er aber die Gabe all seine Beweise direkt im Kopf führen zu können, ohne sich Notizen machen zu müssen. Daher war er nicht geübt darin, Tafeln zu beschriften. Als die Prüfer ihn aufforderten einen Beweis an der Tafel zu führen, war er also verwirrt.
Er soll den Prüfern gesagt haben der Beweis sei so trivial, dass eine Rechnung an der Tafel ohnehin nicht nötig sei.
Ab diesem Punkt ging die Stimmung eher Berg ab. Zu einem späteren Zeitpunkt des Gesprächs bemerkte Galois, dass einer der Prüfer inkonsistent argumentierte. Selbstverständlich wies ihn Évariste darauf hin. Als der Prüfer seinen Fehler nicht einsehen wollte soll Galois zum ersten Mal im gesamten Vorstellungsgespräch die Kreide benutzt, und nach dem Prüfer geworfen haben.
Andere Überlieferungen widersprechen dieser Auslegung und behaupten er hätte nicht die Kreide, sondern den Schwann geworfen.
Wie auch immer, überraschender Weise bestand Galois die Prüfung an diesem Tag nicht. Wie ein Historiker später bemerkte:
Ein Kandidat von überlegener Intelligenz wurde von einem Prüfer von unterlegener Intelligenz zugrunde gerichtet. Barbarus hic ego sum quia non intelligor illis!
Zu Deutsch: Hier bin ich ein Barbar, weil mich die Leute nicht verstehen.
Merk dir den Spruch. Kommt gelegen, wenn man durchgefallen ist, zum Beispiel durch die Führerscheinprüfung.
Der Beweis des Jahrhunderts
Doch Galois ließ sich nicht verunsichern. Er war von sich und seinen mathematischen Erkenntnissen nach wie vor überzeugt. So nahm er an mathematischen Wettbewerben Teil um seine Ideen berühmten Mathematikern wie Poisson oder Cauchy vorzustellen.
In einer dieser Arbeiten löste er (noch als Schüler) eines der schwersten und wichtigsten mathematischen Probleme seiner Zeit.
Neugierig?
Es ist ja klar, wie man die Gleichung x + 4 = 2 lösen kann.
Wir wissen auch aus der Schule wie man eine Gleichung der Form x2 + x + 5 = 0 lösen kann. Dafür gibt es die ABC (oder pq) Formel, die allgemein gilt.
Für Gleichungen wie 2x3 -4x2 + 2x + 9 = 6 oder x4 -x3 +2x2 + x + 0 = 1 gibt es ebenfalls allgemeine Lösungsformeln.
Aber was passiert, wenn noch ein x5 , ein x6 oder ein anderes x höherer Ordnung dazu kommt? Gibt es für diese Fälle auch allgemeine Lösungsformeln?
Spannend, oder?
Galois bewies als erster, dass es für diese Fälle höherer Ordnung keine allgemeinen Formeln geben kann. Obwohl das Problem einfach erscheint, ist der Beweis extrem kompliziert.
Galois trat also mit diesem monumentalen Jahrhundertbeweis am 1. März 1830, kurz vor dem letzten Abgabetermin, in den Grand Prix de Mathematiques, einen Wettbewerb für Mathematiker, ein.
Der berühmte Mathematiker Joseph Fourier nahm sie mit nach Hause, um sie zu begutachten …
… und starb am 16. Mai, ohne die Arbeit jemals begutachtet zu haben.
Évaristes Arbeiten wurden nicht mehr gefunden und Galois schied damit aus dem Kreis der Wettbewerber aus, ohne dass man es ihm mitteilte.
Etwa ein Jahr später wurde Galois von einem anderen großen Mathematiker, Poisson, um eine Kopie seiner verlorenen Memoiren gebeten, damit er seine Forschungen der Akademie der Wissenschaften vorstellen könnte.
Galois, der Autoritäten ohnehin nicht sonderlich wohl gesinnt war, fühlte sich diskriminiert. Wieso hatte man seine Arbeiten beim letzten Mal nicht gewürdigt? War dies etwa Teil einer Verschwörung gegen ihn?
Am 16. Januar 1831 schrieb er zurück:
Ich wage zu hoffen, dass die Herren Lacroix und Poisson es nicht schlimm finden, dass ich sie an ein Memoire über die Theorie der Gleichungen erinnere, welches ich schon vor drei Monaten eingereicht habe.
Die Forschungen, die dieses Memoire enthalten sind Teil einer Arbeit, die ich letztes Jahr im Wettbewerb um den großen Preis der Mathematik beigesteuert hatte. Darin gebe ich für alle Fälle Regeln, um zu entscheiden, ob eine Gleichung durch Radikale lösbar ist oder nicht.
Weil dieses Problem bis heute wenn nicht unmöglich so doch wenigstens als sehr schwierig für Geometer erschien, entschied das Preiskomitee A PRIORI, dass ich dieses Problem nicht gelöst haben könnte, erstens weil ich Galois heiße und mehr noch weil ich ein Schüler war. Man ließ mich wissen, dass meine Memoire verloren gegangen sei. Diese Lektion hätte mir genügen sollen. Dennoch schrieb ich dem Rat eines ehrenhaften Mitgliedes der Akademie folgend meine Memoire teilweise um und reichte sie ein.
Diesmal hatte Galois Glück. Die Kommission begutachtete seinen Beweis tatsächlich sorgfältig. Zum ersten Mal in seinem Leben wurden Galois Theorien von echten Experten begutachtet. Ein internes Dokument des Komitees veranschaulicht die Reaktion:
Wir haben alle Anstrengungen unternommen um Galois Ausführung zu verstehen. Seine Begründungen sind weder klar genug noch genügend entwickelt, dass wir ihre Korrektheit hätten verifizieren können; und wir sehen uns außer Stande davon eine Idee in diesem Bericht zu geben.
Bis heute rätseln Forscher wieso die Kommission aus so genialen Mathematikern die Ausführungen des Schülers Galois nicht verstehen konnte. Das folgende Bild zeigt übrigens den entscheidenden Teil von Galois Arbeit, die er so an die Kommission entsandte.

So kurz studiert ein Genie
Da er an seine Traumuniversität zweimal abgelehnt worden war und man sich maximal zweimal bewerben konnte, begann Évariste das Studium an einer weniger renommierten Universität.
Mit dieser konnte er sich aber nie wirklich anfreunden. Ihm missfielen die, seiner Meinung nach, unfähigen Lehrer und besonders ihre konservative Haltung.
Seinen Unmut brachte er in einem Artikel zum Ausdruck, in dem er sich über einen Lehrer lustig machte, den er ganz besonders unsympathisch fand. Dieser Brief war anscheinend nur die Spitze des Eisbergs.
Wie ein Lehrer über Évariste schreibt:
Galois ist tatsächlich der einzige Schüler, über den sich die Lehrer und Betreuer beinahe kontinuierlich seit seinem Eintritt in die Schule beklagt haben. Aber ich war zu sehr von der Idee seines unbestreitbaren mathematischen Talentes eingenommen und misstraute meinen eigenen Eindrücken, obwohl ich schon Gründe für eine persönliche Unzufriedenheit hatte. Deswegen erduldete ich die Unregelmäßigkeiten seines Betragens, seine Faulheit und seinen unnachgiebigen Charakter, zwar nicht in der Hoffnung seine Moral zu ändern, aber ihn bis zum Ende der zwei Jahre zu geleiten, ohne der Universität das zu rauben, was sie von ihm erwarten konnte, ohne seiner Mutter, die auf die Zukunft ihres Sohnes setzte, Schmerzen zuzuführen. Alle meine Bemühungen sind vergeblich gewesen, vergeblich missachtete ich die Beleidigungen. Aber seit letztem Sonntag habe ich eingesehen, dass das Übel ohne Aussicht auf Heilung ist. Es gibt keine moralischen Gefühle mehr bei dem jungen Mann, und vielleicht schon seit langem nicht mehr.
Tatsächlich wurde der von Galois verfasste Brief dann auch als Anlass genommen, um ihn der Schule zu verweisen. Einen Universitätsabschluss sollte er niemals erreichen.
Ein Genie in der Politik
Nun begann für Galois eine Zeit, in der er sich mehr und mehr der Politik widmete. Galois war überzeugter Republikaner und verachtete die Monarchie und den König Louis-Phillipe.
Unter anderem plante er sich in der Armee einzuschreiben nur um sie dann zu unterwandern. Dieser Plan wurde aber nie umgesetzt.
Galois feierte gerne mit anderen Demokraten. Eine dieser Feiern wurde ihm zum Verhängnis. Ein Mitstreiter berichtet über den Abend:
Plötzlich inmitten einer privaten Unterhaltung mit meinem Nachbarn zur Linken, drang der Name Louis-Philippe gefolgt von fünf oder sechs Pfiffen an mein Ohr. Ich drehte mich um. Eine äußerst lebhafte Szene ereignete sich fünfzehn oder zwanzig Gedecke von mir entfernt. Ein junger Mann, der in des ein Glas erhoben hatte und ein offenes Taschenmesser hielt, versuchte sich Gehör zu verschaffen. Das war Évariste Galois.
Die Justiz bekam Wind von Évaristes Gebaren und interpretierte es als Morddrohung gegen den König, Louis-Philippe. Und so wanderte das Jahrhundertgenie Évariste Galois in den Knast.
Schwer zu glauben wie nahe die höchsten Höhen und die tiefsten Abgründe manchmal beieinander liegen. Oder was meinst du dazu?
Unser guter Galois verstand sich, man möge es glauben oder nicht, tatsächlich sehr gut mit den anderen Gefangenen.
Ein Mitgefangener, Raspail, berichtete später von folgender Anekdote: Er und Galois saßen in der Gefängniskantine als eine Gruppe von Männern den Raum betrat – es waren berüchtigte Männer.
Und einer sprach Evariste direkt an:
„Was! Sie trinken Wasser, junger Mann! Oh Zanetto!“
Sie fordern Evariste, den alle im Gefängnis Zanetto nennen, auf, dass er die Republikanische Partei und die Mathematik lassen solle. . . .
„Ein ehrlicher junger Mann, der mit der gleichen Eleganz einen Trinkspruch erklärt, wie er einen Polizisten niederschlägt. . . .Kommen Sie, kommen Sie, mein armer Zanetto! Sie müssen einer von uns werden! nehmen Sie dieses kleine Glas als Versuch; man ist kein Mann ohne Frauen und guten Wein!“ . . .
Diese Herausforderung abzulehnen, wäre ein Akt der Feigheit gewesen; und unser armer Zanetto hat in seinem schmächtigen Körper so viel Tapferkeit, dass er sein Leben für den hundertsten Teil einer viel kleineren guten Tat geben würde. Er ergreift das kleine Glas mit dem gleichen Mut, wie Sokrates den Schierlingsbecher nahm. Er schluckt es in einem Zug, ohne mit der Wimper zu zucken oder seinen Mund zu verziehen; ein zweites Glas ist nicht schwieriger zu leeren als das erste; mit dem dritten Glas verliert der Anfänger sein Gleichgewicht. Triumph! Sieg! Ehre sei Bacchus im Kerker! Man hat eine reine Seele, die einen Abscheu vor Wein hat, besoffen gemacht!
Krass übrigens, dass die Gefangenen von damals beiläufig Sokrates in ihre Erzählungen mit einbringen. Das macht man heute nicht einmal mehr in gebildeten Kreisen.
Was ist nur aus dieser Welt geworden?
Liebe
Im Frühling ists besonders schlimm.
Singen die Ärzte über die Liebe in ihrem Hit M&F.
So erging es auch Évariste Galois. Er wurde im Frühling aus dem Gefängnis entlassen. Doch sein Körper war geschwächt und so wurde er zunächst in ein Krankenhaus verlegt.
Dort arbeitete auch der Arzt Jean-Louis Poterin-Dumotel, der mit seiner Familie in der gleichen Straße wohnte. Und dieser Arzt hatte eine Tochter.
Jaja, du siehst schon, wohin das hier führt.
Ihr Name war Stephanie und sie war bekannt als die schönste Frau in ganz Paris.
Nein Spaß, wir wissen eigentlich gar nichts über sie. Außer natürlich, dass sich der nun 20-jährige Évariste komplett in sie verliebt hat.
Es muss wie ein Märchen für Evariste gewesen sein. Gegeben der Zeit und seiner Biographie ist es sehr unwahrscheinlich, dass er in irgendeiner Weise mit einer Frau intim geworden ist, bevor er Stephanie traf.
Er war am Boden gewesen, von Mathematikern geschmäht, von der Gesellschaft ins Gefängnis verstoßen, krank und schwach.
Und dann beginnt der Frühling, er wird freigelassen und trifft sie, vielleicht seine erste große Liebe.
Die mehr als mittelschwere Cholera Pandemie die, damals in Europa tobte, kann seine Laune nur leicht gemindert haben.
Obwohl wir keine Bilder haben, muss Galois sie sehr schön gefunden haben, denn viel ist zwischen den beiden scheinbar nicht gelaufen. Er hat sie wohl nie richtig kennen gelernt. Also kann er sich eigentlich nur aufgrund ihres Aussehens in sie verliebt haben.
Pass auf, jetzt gleich kommt ein wirklich gutes Argument dafür, bei der Partnerwahl nicht zu oberflächlich zu sein. Oberflächlichkeit kann einen wirklich ins Grab bringen.
Alles was wir über die beiden wissen, wissen wir aus Briefen, die bei Galois gefunden wurden. Er hat einige Briefe Stephanies kopiert, möglicherweise um diese einem Freund zu schicken und seinen Kummer zu beklagen.
Denn sie hat ihn richtig hart gefriendzoned.
Lass’ uns dieses Verhältnis beenden, … und denke nicht mehr an Dinge, die nicht existieren sollten und die niemals existieren werden. …
Im übrigen seien Sie Monsieur gewiss dass ohne Zweifel niemals mehr gewesen wäre; Ihre Annahmen sind falsch und ihr Bedauern entbehrt der Grundlagen.
Soweit das friendzoning. Doch dann fügte sie noch hinzu:
Wahre Freundschaft existiert fast nur zwischen Personen des gleichen Geschlechts.
Das war wohl ihr letzter Brief.
Tod
Für eine Serie, die „ungewöhnliche Tode“ heißt, hat es jetzt schon recht lange gedauert bis wir zum Tod kommen. Aber du musst doch zugeben, dass sein Leben auch ziemlich interessant war, oder?
Fassen wir kurz zusammen. Galois macht geniale Entdeckungen, doch niemand weiß sie zu würdigen. Stattdessen wirft man ihn aus der Universität und ins Gefängnis. Dann wird er schwer krank, während eine Cholera Epidemie ausbricht. Dann stirbt auch sein Vater und seine große Liebe will nichts mit ihm zu tun haben.
Ich weiß nicht, mit was für Problemen du so zu kämpfen hast, aber ich hoffe es geht dir jetzt besser. Ist halt alles eine Frage des Referenzpunkts.
Aber zurück zu Galois:
Wie genau es dazu kam ist nicht bekannt, doch kurz nachdem Stephanie ihn hatte abblitzen lassen, wurde Galois in ein Duell verwickelt.
Sich mit Pistolen zu duellieren, zum Beispiel auf Grund einer Ehrverletzung, oder wenn man um dieselbe Dame buhlte, war damals gar nicht so unüblich. Nun stand Evariste ein solches Duell bevor.

Nichts gegen Galois, er war ein Genie! Aber seht ihn euch an, seht euch seine Biographie an. Denkt ihr, dieser Typ war ein guter Duellant?
Dasselbe wie ihr dachte sich Galois wohl auch.
Doch er hatte dem Duell schon zugestimmt. Und den Schwanz einzuziehen wäre ein Ehrverlust gewesen, den er nicht hinnehmen wollte. Und ohne seine Stephanie war das Leben für ihn wohl ohnehin sinnlos geworden.
So war das große Genie in der Nacht vor seinem Duell anscheinend sicher, dass dies seine letzte Nacht auf dieser Erde sein würde.
In jener Nacht schrieb er einen letzten Brief an seinen Freund Auguste Chevalier:
Ich bitte die Patrioten, meine Freunde, mir nicht vorzuwerfen aus anderen Gründen als für das Vaterland zu sterben. Ich sterbe als Opfer einer niederträchtigen Kokette und zweier von dieser an der Nase herumgeführten. In einem elenden Klatsch erlischt mein Leben. Oh, warum sterben für so eine Geringfügigkeit, sterben für etwas so Erbärmliches! Der Himmel ist mein Zeuge, dass es mir aufgezwungen wurde, dass ich einer Herausforderungen nachgegeben habe und dass ich mit allen Mitteln versucht habe es abzuwenden. Ich bereue es, eine so unheilvolle Wahrheit Männern gesagt zu haben, die so wenig in der Lage sind, sie gelassen aufzunehmen. Aber schließlich habe ich die Wahrheit gesagt. Ich gehe mit einem Gewissen frei von Lüge und reinem patriotischem Blut ins Grab. Lebt wohl, ich hatte Gutes vom Leben für das Gemeinwohl. Verzeiht denen, die mich töteten, sie sind in gutem Glauben.
Doch er hatte noch so viele mathematische Ideen im Kopf, die er noch nie wirklich zu Papier gebracht hatte, die er niemandem hatte erklären können, weil niemand ihn verstand.
Daher raffte er sich zum ersten Mal in seinem Leben wirklich auf und schrieb all dass, was in seinem genialen Kopf umher schwirrte, halbwegs sauber zu Papier.
Er muss wohl die ganze Nacht hindurch geschrieben haben. Anders ist seine Leistung nicht zu erklären. Das Resultat könnt ihr auf dem folgenden Bild bestaunen. Ihr müsst schon zugeben, es ist besser als das Erste.

Diese Abhandlung übersandte er seinem Freund zusammen mit dem Brief und bat ihn darum, seine Arbeit den berühmtesten Mathematikern seiner Zeit, darunter Gauß, vorzulegen. So sollte sein Vermächtnis seinen Körper überdauern.
Am Morgen des 30. Mai 1832 fand er sich, wie vereinbart, zu dem tragischen Treffen nahe dem Glaciere Teich ein. Eine Kugel, aus 25 Schritten Entfernung abgefeuert, traf ihn im Unterleib und zerfetzte seinen Darm an verschiedenen Stellen.
Obwohl er noch lebte, hatten ihn die Beteiligten allein gelassen. Ein Bauer brachte ihn Stunden später ins Krankenhaus.
Am Morgen des 31. Mai, Christi Himmelfahrt, gegen 10 Uhr, starb Évariste an den Folgen des Einschusses und der daraus entstandenen Bauchfellentzündung.
Seine letzten Worte waren an seinen jüngeren Bruder Alfred gerichtet:
Weine nicht, ich brauche meinen ganzen Mut, um mit 20 Jahren zu sterben.
Das Vermächtnis
Der Freund, Auguste Chevalier, an den Evariste sein letztes Werk gesandt hatte, schickte Kopien davon unverzüglich an die größten Mathematiker der Zeit. Doch es scheint als hätte kein einziger das Werk näher untersucht.
Erst der Mathematiker Joseph Louisville erkannte mehr als ein Jahrzehnt nach Galois Tod dessen herausragende Bedeutung.
Knapp 40 Jahre nach dem Tod von Galois, im Jahre 1870, veröffentlichte der französische Mathematiker C. Jordan ein umfangreiches Lehrbuch über die Theorie der Substitutionen, in dem die Theorie von Galois zusammenhängend dargestellt und weiterentwickelt ist. Im Vorwort würdigt Jordan die Verdienste von Galois
Der Beweis, den er schon als Schüler lieferte (das erste Gekritzel) wurde für gültig befunden. Damit war eines der größten mathematischen Probleme des Jahrhunderts gelöst.
Es wird klar, dass Galois eine ganz eigene hochkomplexe mathematische Theorie entwickelt hat, um den Beweis zu führen. Diese Theorie wird zu seinen Ehren als Galois-Theorie bezeichnet.
Heute gilt Evariste Galois als einer der talentiertesten Mathematiker aller Zeiten.
Die Lehre
Seine Geschichte klingt fast verrückt, doch sie ist wahr. Ich gebe zu, an einigen Stellen habe ich die Evidenz bewusst so interpretiert, dass die Geschichte etwas flüssiger wirkt, doch im Kern ist sie so geschehen wie geschildert.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, bemerkt man, dass viele sehr talentierte und einflussreiche Personen ein tragisches Schicksal ereilte. Vielleicht sind tragische Lebensläufe unter Genies nicht überproportional häufig und man merkt sie sich nur eher.
Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Stell dir vor du bist Galois. Genial. Niemand versteht dich. Du kannst mit niemandem über Dinge reden, die dich interessieren. Was andere sagen ist dir schon längst klar.
Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen soziale Kontakte, um glücklich und emotional stabil zu sein. Ich glaube auch, dass der soziale Kontakt auf Augenhöhe stattfinden muss. Nur so kann ein Geben und Nehmen entstehen, dass der eigentliche Sinn sozialer Kontakte ist.
Genies genauso wie Vollidioten fehlt vielleicht einfach sozialer Kontakt auf Augenhöhe. Stellt euch vor ihr müsstet euer ganzes Leben von jetzt an auf Love Island verbringen.
Ich kann schon verstehen, dass man da verrückt wird. Von daher, sollten wir uns eigentlich freuen, dass wir keine Genies sind. Wir sind zwar dumm, aber dafür sind wir es gemeinsam.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
Ach, und wenn euch die Geschichte gefallen hat, dann schaut mal hier vorbei: Der Brief der seinen Schöpfer tötete.
Quellen
Klein, Bernd. „Evariste Galois oder das tragische Scheitern eines Genies.“
Toti Rigatelli, Laura. „Evariste Galois 1811-1832.“
