Stellt euch vor ihr sitzt nach einer langen Wanderung mit euren Freunden auf einer Wiese. Der Herbst hat schon eingesetzt, doch die Sonne hat sich an diesem Tag noch einmal hervorgewagt.
Ihr habt eure Sachen ausgezogen, die Augen geschlossen und liegt im saftigen Grün, während die Sonne eure Haut wärmt.
Ach, wie gut diese Erholung nach der langen Wanderung tut.
Das muss sich am 25. September 1066 auch ein Wikinger mit unbekanntem Namen gedacht haben. Unter der Führung des mächtigen Königs von Norwegen war er mit nach England gekommen.
Dort war nämlich der alte König gestorben und es gab Erbstreitigkeiten. Der Zweitgeborene des alten englischen Königs wollte nicht mit ansehen, wie sein älterer Bruder den Thron für sich beanspruchte.
Das könnt ihr vielleicht nachvollziehen, wenn ihr Geschwister habt. Hattet ihr nicht auch schon irgendwann einmal das Gefühl, dass eure Geschwister bevorzugt werden?
Und was macht man in so einer Situation?
Richtig.
Krieg erklären!
Das kennt man noch aus dem Sandkasten.
Der jüngere Sohn des englischen Königs hatte den norwegischen König um Hilfe gebeten um seinen älteren Bruder um die Ecke zu bringen. Und weil in England einzufallen im Jahre 1066 sowieso schon Tradition bei den Wikingern war, sagten die Norweger zu.
Du kannst nicht vorbei!
Die Wikinger hatten ihre erste Schlacht in England bereits vor wenigen Tagen gewonnen. Sie schlugen in Yorkshire, unweit eines Flusses mit nur einer kleinen Brücke, ihr Lager auf.
Nun war geplant sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, mit viel Met und gutem Essen.
Soweit der Plan…
… der anscheinend ohne den rechtmäßigen englischen Thronfolger gemacht wurde (der, den sie umbringen wollten).
Er war nämlich mit seinen Truppen in Eilmärschen vorgerückt, um die Norweger zu überraschen. Und das gelang ihm. Die meisten Wikinger hatten ihre Waffen nicht bei sich als die Engländer schon in Sichtweite waren und nur noch den Fluss überqueren mussten, um zu ihnen zu gelangen. Darüber hinaus waren die Norweger betrunken, und zerstreut.
Eigentlich waren die Wikinger den Engländern überlegen, auch zahlenmäßig. Doch so verteilt wie sie nun waren, wäre es ein leichtes für die englische Streitmacht gewesen sie einen nach dem anderen nieder zu machen.
Die Norweger brauchten also Zeit, um sich zu organisieren.
Und die sollte ihnen unser Held verschaffen.
Der norwegische König persönlich beauftragte ihn damit die englische Streitmacht so lange aufzuhalten wie möglich.
Ja, ihn alleine.
Auch ein geiler Auftrag für einen Soldaten. Ich würde mal gerne sehen was passiert, wenn ein General der Bundeswehr das von einem Bundeswehrsoldaten verlangt.
Wie gesagt, wir wissen fast nichts über unseren Helden, aber anscheinend schien er einen ganz guten Ruf als Kämpfer gehabt zu haben.
Aus englischen Überlieferungen wissen wir jedenfalls, dass er die Brücke, die die Armee überqueren musste, gerade noch vor dieser erreichte. Dort stand er mit einer großen Axt in den Händen und weigerte sich störrisch die Engländer vorbei zu lassen.
Gandalf wäre stolz auf ihn gewesen.

Du und welche Armee?
Stellt euch vor ihr seid ein erfahrener englischer Soldat, Teil der königlichen Armee. Ihr marschiert seit Tagen im Eiltempo, um die Feinde zu überraschen. Es geht um die Zukunft Englands.
Dann habt ihr die Feinde fast erreicht, ihr hört sie schon grölen. Sie bemerken euch und ihr hört die Angst in ihren Stimmen. Euer Gebieter hebt schon sein Schwert und ist dabei den Angriffsbefehl zu geben.
Und dann steht da ein halbnackter Typ mit Axt vor der Armee und will euch nicht vorbeilassen.
Das muss den Engländern zunächst lächerlich vorgekommen sein.
Zunächst!
Doch irgendwie war es dann tatsächlich gar nicht so leicht an ihm vorbei zu kommen. Einschüchtern ließ er sich nicht. Die ersten, die versuchten die Brücke zu überqueren, erschlug er. Und die, die ihn töten wollten, legte er auch um.
Und nach einiger Zeit erschwerten Duzende englische Leichen die Überquerung der Brücke noch weiter.
Aus einer lächerlichen Verzweiflungstat war auf einmal ein geniales Manöver geworden. Denn während die Ein-Mann-Armee das englische Heer in Schach hielt, formierte sich der Rest der Norweger langsam, aber sicher.
Der einzelne Wikinger hatte sage und schreibe 42 Engländer getötet und viele weitere schwer verletzt als es das Inselfolk aufgab mit fairen Mitteln gegen den Nordmann vorzugehen. Ein Engländer war während des Kampfes still und heimlich mit einem kleinen Boot und einem langen Speer zur Brücke gepaddelt.
In einem günstigen Moment stach der feige Engländer zu und verwundete den Wikinger so schwer, dass der Rest der Armee ihn schließlich überwältigen konnte.
Die Auswirkungen
Aus Sicht der Engländer hätte diese Aktion keine Sekunde länger dauern dürfen. Die Norweger hatten sich noch nicht vollständig formiert und viele Nordmänner waren sogar noch unbewaffnet.
Die Engländer überquerten die Brücke also so schnell wie möglich und griffen ohne Umschweife an.
Tatsächlich schlugen sie die als unbesiegbar betrachteten Norweger an diesem Tag vernichtend. Nur circa 10 Prozent der Norweger schafften es zurück nach Norwegen. Selbst ihr König, der heute als letzter wahrer Wikinger bezeichnet wird, starb. Ein Pfeil streckte ihn nieder.
Ironischerweise brachte den Engländern dieser heroische Sieg herzlich wenig. Fast zeitgleich zum Einfall der Norweger im Norden Englands war nämlich ein Heer der Normannen aus Frankreich im Süden Englands eingefallen.
Den Engländern blieb also keine Zeit sich auszuruhen. Nach ihrem Sieg eilten Sie, um die Normannen aufzuhalten…
… und wurden ihrerseits vernichtend geschlagen.
Tatsächlich eroberten die Normannen England. Und bis zu diesem Tag sind sie auch die letzte ausländische Macht geblieben die erfolgreich in Britannien einfallen konnte.
Was unseren Helden anbelangt. Nun, die Engländer ließen ihn keineswegs auf der Brücke vergammeln. Bevor die Normannen England eroberten, bestatteten die Engländer den Wikinger ehrenhaft, wie es einem großen Krieger gebührt.
In ihren Aufzeichnungen wurde seine Heldentat schließlich verewigt und so konnte ich euch heute etwas über ihn erzählen.
„Ein ziemlich krasser Draufgänger“ denkt ihr euch jetzt bestimmt.
Wenn euch solche Typen faszinieren, dann hab ich hie noch einen anderen Artikel, der euch sicher interessieren wird: Der Brief der seinen Schöpfer tötete.
Quellen
Marren, Peter. 1066: The Battles of York, Stamford Bridge & Hastings. Grub Street Publishers, 2004.
