Wir schreiben das Jahr 1676.
Der dänische Astronom Ole Rømer stellt der Pariser Académie des sciences seine These vor, dass die Lichtgeschwindigkeit eine endliche Größe sei. Antoni van Leeuwenhoek beobachtet als erster Bakterien in Gewässern und im menschlichen Speichel. Und in Hamburg wird die Feuerkasse gegründet, die älteste bestehende Versicherung der Welt.
Doch obwohl all diese bahnbrechenden Ereignisse in Europa stattfinden, hat das Abendland machtpolitisch zu dieser Zeit eher wenig zu melden.
Das Osmanische Reich
Seht euch mal diese Karte an. Dort seht ihr den mächtigsten Staat der „westlichen“ Welt zu dieser Zeit, Erdogans feuchten Traum: das Osmanische Reich.

Wie ihr sehen könnt, hatten es sich die Vorfahren unserer Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund auf die Fahne geschrieben ihre Landesgrenzen auszudehnen. Im Jahre 1300 war das Osmanische Reich noch deutlich kleiner als die Türkei heute, wurde aber immer größer.
Im 16. Jahrhundert dehnte es sich dann rasant aus. Gebiete in Afrika, Asien und Europa wurden gleichermaßen erobert. So wurden etwa der gesamte Balkan, Griechenland und Ungarn türkisch. Im 17. Jahrhundert kamen dann noch ein paar weitere Gebiete in Asien und Afrika dazu.
Der oberste Herrscher des osmanischen Reiches war der Sultan, der damals wohl mächtigste Mann in Europa und Vorderasien.
Im Jahre 1676 gelang den Kosaken jedoch ein überraschender Sieg über das osmanische Heer.
Kosaken? Wer sind die denn?
Die Kosaken
Die Geschichte der Kosaken ist unklar und es ranken sich verschiedene Legenden um ihre Herkunft.
Einige nehmen an, sie seien die Nachkommen der Kumanen, eines Volkes, welches schon in der Antike in Osteuropa siedelte. Andere wiederum gehen davon aus, dass es sich bei den Kosaken ursprünglich um Bauern und Leibeigene handelte, die von ihren Herren in Zeiten schlechter Ernten und Hungersnöten vertrieben wurden und nun auf sich selbst gestellt waren.
Wo auch immer die Ursprünge dieser Reiterverbände liegen – die Kosaken waren spätestens ab dem 17. Jahrhundert eine Macht, mit der man als Herrscher im osteuropäischen Raum rechnen musste.
Der Kosake Iwan Bolotnikow, der seine Karriere als Leibeigener und Sklave auf einer osmanischen Galeere begann, führte zwischen 1606 und 1607 einen der größten Aufstände in der russischen Geschichte an.
Bogdan Chmielnickij führte in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Armee aus Kosaken, Bauern und Tataren an und versetzte so die polnisch-litauische Adelsrepublik in Angst und Schrecken. Hundert Jahre später lieferte sich der Kosake Emeljan Pugačev einen erbitterten Kampf um die Herrschaft im russischen Reich mit Katharina der Großen.
Professionelle Diplomatie
Ende des 17. Jahrhunderts gerieten auch die Osmanen mit den Saporoger Kosaken aneinander. Der Sultan, Mehmet IV wollte den Konflikt auf diplomatischem Wege lösen. So schickte er den Kosaken einen Brief, dessen Inhalt für sich spricht:
Ich, Sultan und Herr der Hohen Pforte, Sohn Mohammeds, Bruder der Sonne und des Mondes, Enkel und Statthalter Gottes auf Erden, Beherrscher der Königreiche Mazedonien, Babylon, Jerusalem, des Großen und Kleinen Ägyptens, König der Könige, Herr der Herren, unvergleichbarer Ritter, unbesiegbarer Feldherr, Hoffnung und Trost der Muslime, Schrecken und großer Beschützer der Christen, befehle euch, Saporoger Kosaken, freiwillig und ohne jeglichen Widerstand aufzugeben und mein Reich nicht länger durch eure Überfälle zu stören.
Sultan Mehmed IV
Stell euch vor ihr haltet so einen Brief in euren Händen? Der mächtigste Mann der euch bekannten Welt fordert euch zur Unterwerfung auf?
Wir zeigen euch jetzt, wie man mit einer so schwierigen Situation umgeht. Die Kosaken waren Meister der Diplomatie. Und all ihre Kenntnisse, gepaart mit viel Arbeit und langem Abwägen über die optimale Formulierung, haben als Ergebnis einen ganz besonderen Brief hervorgebracht.

Hier das besagte Schriftstück:
Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, das frisst du samt deinen Scharen. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!
Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tartarischer Geisbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!
So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr beim Fürsten und wir haben den gleichen Tag wie du. Deshalb küss unseren Hintern!
Unterschrieben:
Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken.
Das Nachspiel
Wie ihr an der oben Dargestellten Karte sehen könnt, hatte das Osmanische Reich zu diesem Zeitpunkt seine größte Ausdehnung erreicht.
Im Jahre 1683 wurde das osmanische Heer vor Wien geschlagen. Zwei Jahre zuvor endete auch der Krieg mit Russland, in dem die Saporoger Kosaken auf russischer Seite gekämpft hatten.
In den folgenden Jahrhunderten verlor das Reich immer mehr Gebiete bis schließlich nur noch das Gebiet der heutigen Türkei übrig blieb.
Sultan Mehmed IV wurde übrigens später entmachtet und gefangen gesetzt. Er ging als Sultan in die Geschichte ein, dem die Jagd wichtiger war als die Staatsgeschäfte.
Was unsere Kosaken angeht: ihr Anführer Ivan Sirko ging als Held in die ukrainische Folklore ein. Bis heute ist sein Name dort weit bekannt.
Wie du siehst, sind die Kosaken ganz schön harte Burschen gewesen. Die Geschichte eines ganz besonderen Exemplars, Iwan Bolotnikow, findest du hier.
Quellen
Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief. In: Wikipedia (aufgerufen am 15.1.2021)
I. Bernard Cohen: Roemer and the first determination of the velocity of light (1676). In: Isis. 31, 1940, S. 327–379.
Robert D. Huerta: Giants of Delft: Johannes Vermeer and the natural philosophers; the parallel search for knowledge during the age of discovery. Bucknell University Press, Lewisburg, Pa., U.S.A. 2003, ISBN 0-8387-5538-0.
Robert Waissenberger: Europa und die Entscheidung an der Donau 1683 Salzburg, Wien 1982.



