Kategorien
Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Die Kosaken und der Sultan

Wir schreiben das Jahr 1676.

Der dänische Astronom Ole Rømer stellt der Pariser Académie des sciences seine These vor, dass die Lichtgeschwindigkeit eine endliche Größe sei. Antoni van Leeuwenhoek beobachtet als erster Bakterien in Gewässern und im menschlichen Speichel. Und in Hamburg wird die Feuerkasse gegründet, die älteste bestehende Versicherung der Welt.

Doch obwohl all diese bahnbrechenden Ereignisse in Europa stattfinden, hat das Abendland machtpolitisch zu dieser Zeit eher wenig zu melden.

Das Osmanische Reich

Seht euch mal diese Karte an. Dort seht ihr den mächtigsten Staat der „westlichen“ Welt zu dieser Zeit, Erdogans feuchten Traum: das Osmanische Reich.

Die Grenzen des Osmanischen Reiches im Zeitverlauf.

Wie ihr sehen könnt, hatten es sich die Vorfahren unserer Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund auf die Fahne geschrieben ihre Landesgrenzen auszudehnen. Im Jahre 1300 war das Osmanische Reich noch deutlich kleiner als die Türkei heute, wurde aber immer größer.

Im 16. Jahrhundert dehnte es sich dann rasant aus. Gebiete in Afrika, Asien und Europa wurden gleichermaßen erobert. So wurden etwa der gesamte Balkan, Griechenland und Ungarn türkisch. Im 17. Jahrhundert kamen dann noch ein paar weitere Gebiete in Asien und Afrika dazu.

Der oberste Herrscher des osmanischen Reiches war der Sultan, der damals wohl mächtigste Mann in Europa und Vorderasien.

Im Jahre 1676 gelang den Kosaken jedoch ein überraschender Sieg über das osmanische Heer.

Kosaken? Wer sind die denn?

Die Kosaken

Die Geschichte der Kosaken ist unklar und es ranken sich verschiedene Legenden um ihre Herkunft.

Einige nehmen an, sie seien die Nachkommen der Kumanen, eines Volkes, welches schon in der Antike in Osteuropa siedelte. Andere wiederum gehen davon aus, dass es sich bei den Kosaken ursprünglich um Bauern und Leibeigene handelte, die von ihren Herren in Zeiten schlechter Ernten und Hungersnöten vertrieben wurden und nun auf sich selbst gestellt waren.

Wo auch immer die Ursprünge dieser Reiterverbände liegen – die Kosaken waren spätestens ab dem 17. Jahrhundert eine Macht, mit der man als Herrscher im osteuropäischen Raum rechnen musste.

Der Kosake Iwan Bolotnikow, der seine Karriere als Leibeigener und Sklave auf einer osmanischen Galeere begann, führte zwischen 1606 und 1607 einen der größten Aufstände in der russischen Geschichte an.

Bogdan Chmielnickij führte in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Armee aus Kosaken, Bauern und Tataren an und versetzte so die polnisch-litauische Adelsrepublik in Angst und Schrecken. Hundert Jahre später lieferte sich der Kosake Emeljan Pugačev einen erbitterten Kampf um die Herrschaft im russischen Reich mit Katharina der Großen.

Professionelle Diplomatie

Ende des 17. Jahrhunderts gerieten auch die Osmanen mit den Saporoger Kosaken aneinander. Der Sultan, Mehmet IV wollte den Konflikt auf diplomatischem Wege lösen. So schickte er den Kosaken einen Brief, dessen Inhalt für sich spricht:

Ich, Sultan und Herr der Hohen Pforte, Sohn Mohammeds, Bruder der Sonne und des Mondes, Enkel und Statthalter Gottes auf Erden, Beherrscher der Königreiche Mazedonien, Babylon, Jerusalem, des Großen und Kleinen Ägyptens, König der Könige, Herr der Herren, unvergleichbarer Ritter, unbesiegbarer Feldherr, Hoffnung und Trost der Muslime, Schrecken und großer Beschützer der Christen, befehle euch, Saporoger Kosaken, freiwillig und ohne jeglichen Widerstand aufzugeben und mein Reich nicht länger durch eure Überfälle zu stören.

Sultan Mehmed IV

Stell euch vor ihr haltet so einen Brief in euren Händen? Der mächtigste Mann der euch bekannten Welt fordert euch zur Unterwerfung auf?

Wir zeigen euch jetzt, wie man mit einer so schwierigen Situation umgeht. Die Kosaken waren Meister der Diplomatie. Und all ihre Kenntnisse, gepaart mit viel Arbeit und langem Abwägen über die optimale Formulierung, haben als Ergebnis einen ganz besonderen Brief hervorgebracht.

Die Kosaken in diplomatischer Mission. (Gemälde von Ilja Repin, 1891)

Hier das besagte Schriftstück:

Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, das frisst du samt deinen Scharen. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tartarischer Geisbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr beim Fürsten und wir haben den gleichen Tag wie du. Deshalb küss unseren Hintern!

Unterschrieben:
Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken.

Das Nachspiel

Wie ihr an der oben Dargestellten Karte sehen könnt, hatte das Osmanische Reich zu diesem Zeitpunkt seine größte Ausdehnung erreicht.

Im Jahre 1683 wurde das osmanische Heer vor Wien geschlagen. Zwei Jahre zuvor endete auch der Krieg mit Russland, in dem die Saporoger Kosaken auf russischer Seite gekämpft hatten.

In den folgenden Jahrhunderten verlor das Reich immer mehr Gebiete bis schließlich nur noch das Gebiet der heutigen Türkei übrig blieb.

Sultan Mehmed IV wurde übrigens später entmachtet und gefangen gesetzt. Er ging als Sultan in die Geschichte ein, dem die Jagd wichtiger war als die Staatsgeschäfte.

Was unsere Kosaken angeht: ihr Anführer Ivan Sirko ging als Held in die ukrainische Folklore ein. Bis heute ist sein Name dort weit bekannt.

Wie du siehst, sind die Kosaken ganz schön harte Burschen gewesen. Die Geschichte eines ganz besonderen Exemplars, Iwan Bolotnikow, findest du hier.

Quellen

Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief. In: Wikipedia (aufgerufen am 15.1.2021)

I. Bernard Cohen: Roemer and the first determination of the velocity of light (1676). In: Isis. 31, 1940, S. 327–379.

Robert D. Huerta: Giants of Delft: Johannes Vermeer and the natural philosophers; the parallel search for knowledge during the age of discovery. Bucknell University Press, Lewisburg, Pa., U.S.A. 2003, ISBN 0-8387-5538-0.

Robert Waissenberger: Europa und die Entscheidung an der Donau 1683 Salzburg, Wien 1982.

+6
Kategorien
Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Die unglaubliche Karriere eines russischen Leibeigenen

Die gute alte Leibeigenschaft

Die Leibeigenschaft in der feudalen Gesellschaft des Mittelalters. Sie beschreibt ein soziales Verhältnis zwischen Herrn und Diener, das uns heute mehr als unmenschlich erscheint. Ein Mensch soll die volle Verfügungsgewalt über das Leben eines anderen Menschen haben? Nein! Diese Vorstellung ist mit unserer Auffassung von gesellschaftlichem Miteinander und der Würde des Menschen nicht vereinbar.

Und doch fristete ein Großteil der europäischen Bevölkerung mehrere Jahrhunderte ein Leben in diesem Stand. Während wir über die Ständegesellschaft, ihre Regeln und deren Legitimierung verhältnismäßig viel wissen, sind kaum detaillierte Biographien leibeigener Bauern bekannt.

Natürlich ist es verständlich, dass Chronisten und Hofschreiber es für wichtiger erachteten die Leben großer Herrscher und Herrscherinnen und anderer wichtiger politischer und militärischer Akteure aufzuschreiben.

Doch gibt es die seltenen Fälle, in denen Leibeigene in Positionen gerieten, in denen sie die Macht hatten über den Verlauf der Geschichte zu entscheiden. Die Geschichten dieser Fälle erinnern mehr an Legenden und Sagen oder romantische Abenteuerromane als an historische Zeugnisse – und doch sind sie tatsächlich geschehen.

Iwan Bolotnikow

Ein solcher Fall ist das unglaubliche Leben des, Mitte des 16. Jahrhunderts geborenen, russischen Leibeigenen Iwan Bolotnikow. Die ausführlichste Quelle über dessen Leben sind die Aufzeichnungen des deutschen Abenteurers Conrad Bussow.

Aus diesen geht hervor, dass Bolotnikow wie viele russische Bauern im 16. Jahrhundert aus der Leibeigenschaft floh, um sich den Kosaken anzuschließen. In den Reihen dieser unabhängigen Reiterverbände versprach er sich wohl ein Leben frei von Zwang und Ketten.

Seine Pläne wurden jedoch jäh durchkreuzt. Die „Wilden Felder“, wie die russisch-ukrainische Steppe schon seit der Antike genannt wurde, waren nicht nur Heimat der Kosaken.

Tataren durchstreiften die Steppe auf der Suche nach Beute. Das Zentrum ihres Reiches war die Krim, doch führten sie unentwegt Raubzüge in das wilde Grenzland zwischen der polnisch-litauischen Adelsrepublik und dem Russischen Reich. Zwar hatten sie den muslimischen Glauben angenommen, doch fühlten sie sich als Nachfolgerstaat der Goldenen Horde auch als Mongolen, weshalb Streifzüge und das Eintreiben von Tribut wichtiger Bestandteil ihrer Lebensweise waren.

Auf der Flucht vor den Verfolgern seiner russischen Herren geriet Bolotnikow also vom Regen in die Traufe. Er lief einem Bataillon plündernder Tataren in die Arme, die ihn gefangen nahmen und als Sklaven an einen osmanischen Herrn verkauften.

Jetzt mag man sich fragen: Und so soll er die Geschicke Europas beeinflusst haben? Indem er aus der Leibeigenschaft geflohen ist nur um dann gleich wieder gefangen genommen und als Sklave verkauft zu werden?

Die unglaubliche Geschichte fängt ja gerade erst an.

In der Sklaverei

Der neue Efendi (türk. Herr) setzte Bolotnikow als Ruderer auf einer Galeere ein, die das Mittelmeer befuhr. Bei einer dieser Reisen hatte Bolotnikow Glück. Die Galeere geriet in eine Seeschlacht mit einer deutschen Flotte und wurde aufgerieben. Er wurde befreit und nach Venedig gebracht.

Dort erreichte ihn die unglaubliche Nachricht, dass der 1606 ermordete Zar Dmitri (der heute als falscher Demetrius bekannt ist) den Anschlag auf sein Leben wie durch ein Wunder überlebt hatte. Nun wollte er seinen rechtmäßigen Anspruch auf den russischen Zarenthron geltend machen, indem er ein Heer von Verbündeten um sich sammelte.

Einschub: Der falsche Dmitri

Die Geschichte des Falschen Dmitri und seiner Nachfolger ist eine interessante Episode in der russischen Geschichte, die einen kurzen Exkurs rechtfertigt.

Der erste falsche Dmitri war ein Mönch, der sich für den 1591 im Alter von 9 Jahren ermordeten Sohn Iwan des Schrecklichen ausgab. Er mobilisierte Truppen und marschierte gegen Moskau um seinen Herrschaftsanspruch geltend zu machen. Der damalige Zar Boris Godunow, der nach dem Ende der Rurikiden-Dynastie die Macht in Russland ergriffen hatte, starb unerwartet. Dmitri wurde zum Zaren erklärt.

Die politischen Ziele des falschen Dmitri waren verhältnismäßig fortschrittlich. Er versuchte die Leibeigenschaft in Russland zu lockern und versprach den Bauern und Kosaken mehr Rechte und Freiheiten.

Nicht zuletzt mögen es diese „liberalen“ Ideen gewesen sein, die Bolotnikow dazu veranlassten den langen und schwierigen Weg von Venedig nach Russland auf sich zu nehmen um dort in den Dienst des, wie er glaubte, rechtmäßigen Zaren zu treten.

Das Glück des jungen Zaren war jedoch nicht von Dauer. Kaum 11 Monate konnte er sich an der Macht halten bevor Wassili Schuiski, ein früherer Verbündeter, ihn ermorden ließ und anschließend selbst zum Zaren ernannt wurde.

Dmitri wurde Bussows Chronik zufolge 9 Tage nach seiner Hochzeit mit der polnisch-litauischen Adeligen Marina Mniszech öffentlich gelyncht, nachdem die Bojaren und die Moskauer Bürger gegen ihn aufgehetzt worden waren. Seine Leiche wurde in Moskau auf dem Marktplatz öffentlich ausgestellt, beschimpft und schließlich verbrannt. Die Asche verstreute man in alle Winde, um sicherzugehen, dass der Tote niemals wiederkehre.

Diese Maßnahme stellte sich letztendlich jedoch als wirkungslos heraus.

Einschub II: Der falsche falsche Dmitri

Kurze Zeit nach Dmitris Ableben verbreiteten sich Gerüchte. Man munkelte der Zar (der falsche Dmitri) hätte den Anschlag auf sein Leben wie durch ein Wunder überleben können.

Tatsächlich gab sich also ein zweiter Schwindler als erster Schwindler aus, welcher fälschlicherweise angegeben hatte, der Thronfolger zu sein.

Verrückt, oder?

Bolotnikow glaubte fest an die Rechtmäßigkeit des ersten Dmitris. Doch war er wahrscheinlich genauso verwirrt wie wir. Als er in Polen ankam war der falsche Dmitri bereits tot und Bolotnikow traf den falschen falschen Dmitri.

Ob Bolotnikow dies jemals verstanden hat wissen wir bis heute nicht. Wir wissen nur, dass er dem falschen falschen Dmitri die Treue schwor.

Dieser schmiedete bereits fleißig Pläne die Macht in Russland an sich zu reißen. Bei diesem Unterfangen konnte er auf Unterstützung aus Polen hoffen und sich der Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsgruppen bedienen, um gegen Schuiski mobil zu machen.

Viele Leibeigene, Bauern und Kosaken, waren nicht begeistert davon, dass Dmitri ermordet worden war und wollten die Geschichte von seiner wundersamen Flucht nur zu gerne glauben. Dazu war Schuiskis Anspruch auf den Zarenthron nicht allzu stark, da er kein Mitglied der Zarenfamilie war. Das sorgte dafür, dass sich auch russische Bojaren gegen ihn richteten.

Der General

Über den genauen Ablauf des Treffens zwischen Bolotnikow und Dmitri II wissen wir kaum etwas. Doch muss unser Held einen enormen Eindruck auf den Thronanwärter gemacht haben. Er wurde von seinem neuen Herrn mit einer Fellmütze und einem Säbel ausgestattet, um das Kriegsglück zugunsten der Anhänger des Dmitri II zu wenden.

Doch auch wenn dieser Vorschuss nicht allzu verlockend und die Aussicht auf einen Sieg der Rebellen gering schien, führte Bolotnikow den ersten Auftrag seines Herrn gewissenhaft aus. Er überbrachte eine Nachricht an einen verbündeten Fürsten und verbreitete überall wo er hinkam die Kunde er hätte den Zaren Dmitri lebendig und mit eigenen Augen gesehen. Schon nach kurzer Zeit erlangte er die Kontrolle über ein rund 12000 Mann starkes Heer, das er gegen den, wie er glaubte, falschen Zaren Schuiski führte.

Krass, oder? Vom Sklaven zum Befehlshaber über 12000 Mann.

Mit dieser Armee gelang es Bolotnikow den bis dahin größten Aufstand im russischen Reich zu entfachen. Immer mehr Bauern, Leibeigene und Kosaken schlossen sich ihm an. Ein gemeinsames Ziel war die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Er eroberte große Teile des russischen Reiches und belagerte schließlich Moskau.

Aber was haben wir von Napoleon und Hitler gelernt? Belagere niemals Moskau. Vor allem nicht im Winter. Bolotnikow hatte das Pech vor den beiden geboren worden zu sein, und so beging er denselben Fehler. Dies rächte sich schnell. Im Winter 1606 musste er die Belagerung wegen der Kälte aufgeben.

Von da an wendete sich das Blatt.

Bolotnikow’s Schlacht mit der Armee des Zaren bei Nizhniye Kotly, nahe Moskau. Gemälde von Ernst Lissner.

In die Ecke gedrängt

Im Juni 1607 verschanzte sich Bolotnikow in der Stadt Tula, die vom Zaren Schuiski und einem (laut Bussow) 100000 Mann starken Heer belagert wurde. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass er seinem Gegner zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen war, gelang diesem ein taktisches Manöver, das die Rebellen dazu zwang, die Stadt kampflos aufzugeben und sich zu ergeben.

Der Zar ordnete an den nahegelegenen Fluss Oppa eine halbe Meile unterhalb der Stadt stauen zu lassen und setzte so große Teile der Stadt unter Wasser. Obwohl die Lebensbedingungen in der Stadt sich dadurch immens verschlechterten, weigerten sich die Belagerten noch lange Zeit ihre Waffen endgültig niederzulegen, da sie ein Entsatzheer aus Polen erwarteten.

Erst als immer deutlicher wurde, dass keine Hilfe mehr kommen würde und auch der letzte abgemagerte Hund restlos verspeist war, erklärte Bolotnikow, er wolle die Stadt aufgeben, sofern der Zar das Leben der Verteidiger verschone. Schuiski willigte ein und die Stadt wurde übergeben.

Bolotnikow soll durch kniehohes Wasser aus der Stadt zum Zelt des Zaren geritten sein. Dort warf er sich vor diesem nieder und legte sich seinen eigenen Säbel an die Kehle. Dann soll er sich mit folgenden Worten an den Zaren gewandt haben:

Ich habe für meinen Eid gestanden, den ich in Polen demjenigen, der sich Demetrius nannte, geschworen habe, ist ers oder nicht, das kann ich nicht wissen, denn ich habe ihn zuvor nicht gesehen, ich habe ihm treulich gedienet, er aber hat mich verlassen, nun bin ich allhier in deiner Hand und Gewalt. Willst du mich töten, so ist mein eigner Säbel bereit dazu. Willst du mich aber deiner Kreuz-Küssung und Zusagung nach begnadigen, so will ich dir so treulich dienen, als ich bishero dem gedienet habe, von dem ich bin verlassen worden.  

Bolotnikow wirft sich dem Zaren zu Füßen.

Der Tod

Schuiski soll seinen Schwur ihn und seine Männer zu begnadigen daraufhin nochmal bekräftigt haben und ihm freies Geleit zugesichert haben.

Sobald die Stadt jedoch wieder vollständig unter seiner Kontrolle war, ließ er Bolotnikow in Ketten legen und in Kargopol einsperren. Nach einiger Zeit Kerkerhaft wurden dem Rebellenführer die Augen ausgestochen und geblendet warf man ihn in den Fluss, wo er ertrank.

Das Leben des Iwan Balotnikow ist ebenso erstaunlich wie tragisch. Aus den untersten Ständen der mittelalterlichen Gesellschaft kämpfte er sich durch die widrigsten Umstände in eine Position, in der er die Geschicke Europas mitbestimmte.

Ein russischer Spartakus.

Von der Leibeigenschaft flüchtete er in die Wildnis. Als befreiter Sklave kehrte er in seine Heimat zurück, um einen Heuchler zu unterstützen, den er für den Zaren hielt, der sich für die Geschicke der einfachen Leute im russischen Reich eingesetzt hatte. Von diesem seinem Herrn, in den er wohl all seine Hoffnungen gesetzt hatte, schließlich im Stich gelassen, überließ er sich der Gnade eines erbitterten Feindes und war naiv genug dessen Schwur zu vertrauen.

Quellen:

Bussow, Conrad: Moskauer Chronik (Moskovskaja chronika). 1584-1613. Akademia nauk. Moskau 1961.

+5
Kategorien
Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Ein-Mann-Armee

Stellt euch vor ihr sitzt nach einer langen Wanderung mit euren Freunden auf einer Wiese. Der Herbst hat schon eingesetzt, doch die Sonne hat sich an diesem Tag noch einmal hervorgewagt.

Ihr habt eure Sachen ausgezogen, die Augen geschlossen und liegt im saftigen Grün, während die Sonne eure Haut wärmt.

Ach, wie gut diese Erholung nach der langen Wanderung tut.

Das muss sich am 25. September 1066 auch ein Wikinger mit unbekanntem Namen gedacht haben. Unter der Führung des mächtigen Königs von Norwegen war er mit nach England gekommen.

Dort war nämlich der alte König gestorben und es gab Erbstreitigkeiten. Der Zweitgeborene des alten englischen Königs wollte nicht mit ansehen, wie sein älterer Bruder den Thron für sich beanspruchte.

Das könnt ihr vielleicht nachvollziehen, wenn ihr Geschwister habt. Hattet ihr nicht auch schon irgendwann einmal das Gefühl, dass eure Geschwister bevorzugt werden?

Und was macht man in so einer Situation?

Richtig.

Krieg erklären!

Das kennt man noch aus dem Sandkasten.

Der jüngere Sohn des englischen Königs hatte den norwegischen König um Hilfe gebeten um seinen älteren Bruder um die Ecke zu bringen. Und weil in England einzufallen im Jahre 1066 sowieso schon Tradition bei den Wikingern war, sagten die Norweger zu.

Du kannst nicht vorbei!

Die Wikinger hatten ihre erste Schlacht in England bereits vor wenigen Tagen gewonnen. Sie schlugen in Yorkshire, unweit eines Flusses mit nur einer kleinen Brücke, ihr Lager auf.

Nun war geplant sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, mit viel Met und gutem Essen.

Soweit der Plan…

… der anscheinend ohne den rechtmäßigen englischen Thronfolger gemacht wurde (der, den sie umbringen wollten).

Er war nämlich mit seinen Truppen in Eilmärschen vorgerückt, um die Norweger zu überraschen. Und das gelang ihm. Die meisten Wikinger hatten ihre Waffen nicht bei sich als die Engländer schon in Sichtweite waren und nur noch den Fluss überqueren mussten, um zu ihnen zu gelangen. Darüber hinaus waren die Norweger betrunken, und zerstreut.

Eigentlich waren die Wikinger den Engländern überlegen, auch zahlenmäßig. Doch so verteilt wie sie nun waren, wäre es ein leichtes für die englische Streitmacht gewesen sie einen nach dem anderen nieder zu machen.

Die Norweger brauchten also Zeit, um sich zu organisieren.

Und die sollte ihnen unser Held verschaffen.

Der norwegische König persönlich beauftragte ihn damit die englische Streitmacht so lange aufzuhalten wie möglich.

Ja, ihn alleine.

Auch ein geiler Auftrag für einen Soldaten. Ich würde mal gerne sehen was passiert, wenn ein General der Bundeswehr das von einem Bundeswehrsoldaten verlangt.

Wie gesagt, wir wissen fast nichts über unseren Helden, aber anscheinend schien er einen ganz guten Ruf als Kämpfer gehabt zu haben.

Aus englischen Überlieferungen wissen wir jedenfalls, dass er die Brücke, die die Armee überqueren musste, gerade noch vor dieser erreichte. Dort stand er mit einer großen Axt in den Händen und weigerte sich störrisch die Engländer vorbei zu lassen.

Gandalf wäre stolz auf ihn gewesen.

Der namenlose Wikinger weigert sich die Engländer die Brücke überqueren zu lassen.

Du und welche Armee?

Stellt euch vor ihr seid ein erfahrener englischer Soldat, Teil der königlichen Armee. Ihr marschiert seit Tagen im Eiltempo, um die Feinde zu überraschen. Es geht um die Zukunft Englands.

Dann habt ihr die Feinde fast erreicht, ihr hört sie schon grölen. Sie bemerken euch und ihr hört die Angst in ihren Stimmen. Euer Gebieter hebt schon sein Schwert und ist dabei den Angriffsbefehl zu geben.

Und dann steht da ein halbnackter Typ mit Axt vor der Armee und will euch nicht vorbeilassen.

Das muss den Engländern zunächst lächerlich vorgekommen sein.

Zunächst!

Doch irgendwie war es dann tatsächlich gar nicht so leicht an ihm vorbei zu kommen. Einschüchtern ließ er sich nicht. Die ersten, die versuchten die Brücke zu überqueren, erschlug er. Und die, die ihn töten wollten, legte er auch um.

Und nach einiger Zeit erschwerten Duzende englische Leichen die Überquerung der Brücke noch weiter.

Aus einer lächerlichen Verzweiflungstat war auf einmal ein geniales Manöver geworden. Denn während die Ein-Mann-Armee das englische Heer in Schach hielt, formierte sich der Rest der Norweger langsam, aber sicher.

Der einzelne Wikinger hatte sage und schreibe 42 Engländer getötet und viele weitere schwer verletzt als es das Inselfolk aufgab mit fairen Mitteln gegen den Nordmann vorzugehen. Ein Engländer war während des Kampfes still und heimlich mit einem kleinen Boot und einem langen Speer zur Brücke gepaddelt.

In einem günstigen Moment stach der feige Engländer zu und verwundete den Wikinger so schwer, dass der Rest der Armee ihn schließlich überwältigen konnte.

Die Auswirkungen

Aus Sicht der Engländer hätte diese Aktion keine Sekunde länger dauern dürfen. Die Norweger hatten sich noch nicht vollständig formiert und viele Nordmänner waren sogar noch unbewaffnet.

Die Engländer überquerten die Brücke also so schnell wie möglich und griffen ohne Umschweife an.

Tatsächlich schlugen sie die als unbesiegbar betrachteten Norweger an diesem Tag vernichtend. Nur circa 10 Prozent der Norweger schafften es zurück nach Norwegen. Selbst ihr König, der heute als letzter wahrer Wikinger bezeichnet wird, starb. Ein Pfeil streckte ihn nieder.

Ironischerweise brachte den Engländern dieser heroische Sieg herzlich wenig. Fast zeitgleich zum Einfall der Norweger im Norden Englands war nämlich ein Heer der Normannen aus Frankreich im Süden Englands eingefallen.

Den Engländern blieb also keine Zeit sich auszuruhen. Nach ihrem Sieg eilten Sie, um die Normannen aufzuhalten…

… und wurden ihrerseits vernichtend geschlagen.

Tatsächlich eroberten die Normannen England. Und bis zu diesem Tag sind sie auch die letzte ausländische Macht geblieben die erfolgreich in Britannien einfallen konnte.

Was unseren Helden anbelangt. Nun, die Engländer ließen ihn keineswegs auf der Brücke vergammeln. Bevor die Normannen England eroberten, bestatteten die Engländer den Wikinger ehrenhaft, wie es einem großen Krieger gebührt.

In ihren Aufzeichnungen wurde seine Heldentat schließlich verewigt und so konnte ich euch heute etwas über ihn erzählen.

„Ein ziemlich krasser Draufgänger“ denkt ihr euch jetzt bestimmt.

Wenn euch solche Typen faszinieren, dann hab ich hie noch einen anderen Artikel, der euch sicher interessieren wird: Der Brief der seinen Schöpfer tötete.

Quellen

Marren, Peter. 1066: The Battles of York, Stamford Bridge & Hastings. Grub Street Publishers, 2004.

+6
Kategorien
Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Der Brief der seinen Schöpfer tötete

Nur die Harten kommen in den Garten!

Gangsterrap. Ein Genre das in der Regel mit Gewalt, Aggressivität und übersteigertem Ehrgefühl verbunden ist. 50 Cent, 2pac, Xatar, Bushido – Autoren gewalttätiger Texte, und von Gewalt und Kriminalität geprägte Lebensläufe. Doch was wenn ich euch sage, dass sie, verglichen mit einer Gruppe anderer Künstler, wie streitsüchtige kleine Schulbuben erscheinen? Welche Gruppe soll das sein fragt ihr?

Na, das ist doch klar!

Die Dichter der europäischen Romantik.

Von ihren heute oft schnulzig anmutenden Liebesdichtungen sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor allem das frühe 19. Jahrhundert und die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit brachte so manches Werk hervor, das offen zur Gewalt gegen die herrschende Ordnung aufruft. Doch nicht nur die Werke romantischer Dichter, sondern auch ihr Leben und schließlich ihr Tod sind oft von ausufernder Gewalt geprägt. Unter diesen tragischen Gestalten sticht vor allem ein Dichter hervor:

Der größte Dichter

Aleksandr Puschkin. Er gilt als der größte russische Dichter und kann wohl auch als einer der größten Dichter überhaupt angesehen werden. Seine Werke zeugen von poetischer Virtuosität, Witz und hervorragenden Kenntnissen antiker, europäischer und russischer Geschichte und Literatur. Seine freiheitspreisenden Jugendgedichte strotzen vor mitreißendem Pathos und Gewaltverherrlichung. Der Dolch wird zur Waffe der Tyrannenmörder und Unterdrückten, die die ungerechten Herrscher dieser Welt ihrer gerechten Strafe zuführen. Zu dieser Zeit steht der Dichter selbst der Bewegung der Dekabristen, die den russischen Zaren absetzen und eine Art Adelsrepublik installieren wollen, sehr nahe und für den Inhalt seiner Werke wird er zwei mal in die Verbannung geschickt. Bereits in jungen Jahren ist sein Schaffen als Dichter also eng mit seinem Leben und seinem Schicksal verknüpft. Dies sollte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1837 nicht ändern.

Der Tod und die Umstände, die zum Ende des begnadeten Poeten führten, scheinen nämlich direkt einem seiner romantischen Werke entnommen zu sein. Wie die meisten tragischen Tode beginnt die Geschichte vom Untergang der „russischen Sonne“, wie der Autor später von Kritikern genannt werden sollte, mit Eifersucht und verletztem Stolz.

Der Eklat

Eifersucht. Wir alle kennen dieses Gefühl und wissen nur zu gut, wie es uns von innen heraus auffressen kann. Einmal Besitz von uns ergriffen, lässt sie uns nicht mehr los und nimmt wesentlichen Einfluss auf unser Handeln. Als der französische Offizier und spätere Schwager des Dichters Georges-Charles d’Anthès Puschkins Frau nachstellte und sich Gerüchte über eine Affäre der beiden verbreiteten, ließ Puschkin dem Nebenbuhler eine Forderung zum Duell zukommen. Das Aufeinandertreffen der Kontrahenten konnte damals noch gerade (unter anderem durch die Intervention des Zaren selbst) verhindert werden.

Der Meisterschütze

Auch d’Anthès wird über diesen Verlauf der Dinge erfreut gewesen sein. Puschkin galt als ausgezeichneter Schütze und war bereits vorher in insgesamt 20 Duelle verwickelt worden. Sein aufbrausendes Temperament und seine scharfe Zunge brachten ihn schon in seiner Jugend schnell in brenzlige Situationen. Darüber hinaus war er von der romantischen Idee des Duells auf Leben und Tod fasziniert, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt.

Wenn es tatsächlich zu einem Duell kam, stand er seinem Gegenüber meist kalt und gleichgültig, oder mit einem hämischen Grinsen gegenüber. Bekannte des Dichters erinnern sich daran wie folgt:

Ich wusste, dass Aleksandr Sergeevič (Puschkin) hitzig war, manchmal bis zur Raserei; aber in der Stunde der Gefahr, wenn er dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, besaß er das höchste Maß an Gleichmut […]. Wenn es zur Konfrontation kam, wurde er kalt wie Eis.

Puschkin fürchtete Geschosse ebenso wenig wie den Giftstachel der Kritik. Während seine Gegner auf ihn zielten, schien es, als würde er, satirisch lächelnd und auf den Pistolenlauf seines Gegenübers blickend, bereits ein bösartiges Epigramm auf diesen und seinen Fehlschuss dichten.

Zu einem Duell soll der Dichter sogar mit einer Hand voll Kirschen erschienen sein, die er genüsslich verspeiste, während sein Gegner auf ihn feuerte.

Könnt ihr euch vorstellen ein Rapper wie Bushido oder Xatar würde sich mit diesem Meister der Provokation und Heißblütigkeit messen? Ich fürchte sie würden buchstäblich Messer mit zu einer Schießerei bringen.

Doch könnten sie selbst in so einem Fall auf die Gutmütigkeit des Dichters hoffen. Maß er sich nämlich mit Kontrahenten, von denen keine allzu große Treffsicherheit zu erwarten war, so gab er seinen Schuss in die Luft ab.

Von seinen eigenen Fähigkeiten im Umgang mit der Schusswaffe war er jedoch stets (zu Recht) Überzeugt. Durch „hartes Training“ hatte er sich über die Jahre geschult. Dieses Training fand in der Regel morgens gleich nach dem Erwachen statt. Wo? Na wo befindet man sich denn gleich nach dem erwachen? Im Bett natürlich.

Noch vor dem Aufstehen nahm er sich seine Waffe, die er mit Kugeln aus weichem Brot lud, vom Nachttisch und schoss die verschiedensten Muster an die Decke. Er beschaffte sich einen schweren Eisenstab, den er überall hin mit sich führte. Auf die Frage wieso er dies täte antwortete er seinem Onkel, es sei eine Maßnahme um seinen Arm und seine Hand für bevorstehende Schusswechsel zu stärken.

Oberst Semen Nikitič Starov, mit dem sich Puschkin ein Duell während eines Schneesturms geliefert hatte, bei dem beide Teilnehmer glimpflich davon gekommen waren, gestand seinem Kontrahenten ebenfalls einen festen Charakter auf der Schussbahn zu:

Sie stehen genauso gut im Kugelhagel, wie sie schreiben.

Für den größten russischen Dichter kein geringes Kompliment. Da das Duellieren einen so hohen Stellenwert in Puschkins Leben einnahm, ist es auch nicht verwunderlich, dass es Einfluss auf sein Werk genommen hat. Sein Hauptwerk, der Roman in Versen Evgenij Onegin, beinhaltet eine der bemerkenswertesten Duellszenen der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Der Brief

Nachdem es erneut zu Annäherungsversuchen von d’Anthès gekommen war, verlor Puschkin endgültig die Beherrschung und verfasste einen Brief an den Adoptivvater seines Nebenbuhlers, der faktisch nur mit der Forderung zum Duell beantwortet werden konnte. Hier ein Ausschnitt aus dem Schreiben:

Sie gestatten, Baron, mir inzwischen die Feststellung, daß Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit nicht übermäßig anständig gewesen ist. Sie, als beglaubigter Vertreter eines gekrönten Staatsoberhauptes waren der Kuppler Ihres eigenen Bastardes, und sein im Übrigen ziemlich ungeschminktes Benehmen dürfte von Ihnen selbst gelenkt worden sein. Sie haben ihm seine erbärmlichen Liebeserklärungen sowie alle seine schriftlichen Niederträchtigkeiten souffliert! Wie einem liederlichen Frauenzimmer haben Sie meiner Frau in allen Ecken aufgelauert, um ihr von der Liebe Ihres Sohnes zu erzählen, und noch während er zu Hause seine Geschlechtskrankheit auskurierte, machten Sie ihr weis, ›daß er aus Liebe zu ihr im Sterben läge‹ und murmelten ihr zu, ›Gib mir meinen Sohn zurück‹. Sie werden es wohl verstehn, daß ich nach Allem weitere Beziehungen zwischen meiner und Ihrer Familie nicht dulden konnte. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, diese schmierige Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Sie nicht, wie es wohl mein gutes Recht gewesen wäre und zunächst auch meine Absicht gewesen ist, bei Hofe bloszustellen. Ich will aber nicht, daß meine Gattin Ihren väterlichen Ermahnungen zuzuhören hat, ich kann nicht dulden, daß nach seinem ekelhaften Benehmen Ihr Sohn sich auch noch die Unverschämtheit leistet, weiterhin mit meiner Frau zu sprechen, ihr den Hof zu machen, ihr Kasernengeschichten und -witze zu erzählen und den zärtlich ergebenen und unglücklichen Verliebten zu spielen, während er doch nichts anderes, als ein Schurke und Taugenichts ist.

Diese Zeilen erinnern schon ein wenig an die Texte heutiger Rap-Battles oder? Gleichzeitig zeigen sie, wie schnell im 19. Jahrhundert literarische Fehden zu echtem Blutvergießen führen konnten. Wie oft beleidigen sich zeitgenössische Musiker und drohen sich Gewalt in ihren Texten an, nur um dann doch nichts zu machen. Wenn bereits Worte wie Schurke oder Taugenichts die Kontrahenten dazu gebracht haben mit Pistolen aufeinander loszugehen, wie hätte einer wie Puschkin wohl reagiert, wenn er einen Text von Bushido gehört hätte und dieser gegen ihn gerichtet wäre? Vermutlich hätte er unverzüglich Satisfaktion gefordert und ihn in einem Duell über den Haufen geschossen.

So nahm der Dichter die Aufforderung seines Kontrahenten ohne Umschweife an und ließ sich auch im Nachhinein auf keine Beschwichtigungsversuche ein. „Je blutiger, desto besser“ soll er gesagt haben, als die Bedingungen für das Duell festgelegt wurden. Unerbittlich hielt er daran fest, dass Duell auszuführen. Er sprach davon wie seine Rache die Welt verändern würde und sein Verhalten wurde zunehmend sonderbar, sodass ihn sogar einige Freunde für verrückt erklärten. Die Eifersucht und das Misstrauen des Dichters richteten sich nicht nur gegen d’Anthès. Auch in anderen, unter anderem Im Zaren selbst sah er unerwünschte Nebenbuhler. Ein Umstand der seine geistige Verfassung kurz vor dem Duell nicht im besten Licht erstrahlen lässt.

Der Tod

Am 27. Januar 1837 trafen sich die beiden Gegner und ihre Sekundanten auf einem verschneiten Feld unweit von Sangt Petersburg um das Duell durchzuführen. Ein Szenario, wie es Puschkin selbst in seinem Versroman Evgenij Onegin beschrieben hatte. Wie das fiktive Duell sollte auch dieses mit dem Tod eines Dichters enden.

Den ersten Schuss feuerte d’Anthès ab und traf Puschkin in den Bauch. Doch war das Duell damit nicht vorbei. Bereits tödlich verwundet bestand der Dichter darauf auch seine Kugel noch abfeuern zu dürfen. Hier machte sich sein Training bezahlt. Unter Schmerzen im Schnee liegend legte er an und zielte auf seinen Widersacher. Obwohl die Schmerzen kaum auszuhalten gewesen sein müssen zitterte seine Hand nicht. Schließlich schoss er auf den verdutzten d’Anthès und traf diesen in die Brust. Der Kontrahent des Dichters hatte jedoch Glück. Der Treffer verursachte keine tödliche Verletzung.

So stellte sich Adrian Vokov das Duell der beiden Kontrahenten vor. Das Gemälde wurde 1869 fertig gestellt.

Nachdem er den Schuss abgefeuert hatte, sank Puschkin erschöpft im Schnee zusammen und wurde von den Sekundanten in die Kutsche getragen und nach Hause gefahren. Dort hatte er noch zwei Tage um seine Angelegenheiten zu regeln bevor er seiner Verletzung erlag.

Puschkin soll sich nach dem Duell, in den ihm verbleibenden Stunden, ruhig und sehr gefasst gezeigt haben. Er bat den Zaren um Verzeihung für die Missachtung seines Befehls sich auf kein Duell mit d’Anthès einzulassen und tröstete seine Frau Natalia, die mehrmals am Sterbebett des Dichters in Tränen ausbrach.

Trotz seiner Popularität wurde Puschkin nur eine kleine Beerdigung zu Teil. Die zaristische Regierung fürchtete, dass – hielte man eine öffentliche Beisetzung ab – es im Verlauf der Feierlichkeiten zu einem Aufstand kommen könnte. Daher wurde der Dichte im Geheimen und nur in Anwesenheit des engsten Familien- und Freundeskreis beerdigt. Dies zeigt, dass trotzt seiner Stellung am Hof des Zaren die revolutionären Ideen, die mit seinem Namen verknüpft waren, ihre Wirkung nicht verloren hatten.

Am 27. Januar 1837 wurde die Welt eines Genies beraubt – eine Tragödie die sich bereits fünf Jahre zuvor in Frankreich im Falle Galois abgespielt hatte.

Das Vermächtnis

„Exegi monumentum“ (lat. Ich habe mir ein Denkmal gesetzt) – so lautet der Titel eines der späten Gedichte Puschkins, das er in Anlehnung auf Horaz gleichnamige Ode verfasste. Und mit diesem Ausspruch hatte er Recht.

Der Name Puschkin, der bereits zu Lebzeiten des Dichters in aller Munde war, erlangte nach dem tragischen Tod des Dichters in Russland eine unvergleichbare Bedeutung und sein Poetisches Werk ist nicht nur für die russische Literatur, sondern auch für die russische Sprache überhaupt ein unermessliches Vermächtnis. Es umfängt zahlreiche Gedichte, Versepen, Geschichten, Dramen und Romane die so populär wurden, dass sie schnell in die russische Folklore eingingen und bis heute wesentlicher Teil russischer Kultur geblieben sind.

Zu Recht wird er als der größte russische Dichter bezeichnet.

Quellen

Lauer, Reinhard. „Aleksandr Puškin. Eine Biographie.“ C.H. Beck 2006.

Chodasevič, Vladislav. „Puškin i poėty ego vremeni”. Tom tretij (Stat’i, recenzii, zametki 1935-1939 gg.). Berkeley 2014.

Reck-Malleczewen, Fritz. „Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma.“ Berlin 1940.

+7