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Weit verbreitete Irrtümer

Ist Intelligenz vererbbar?

Es ist kein Geheimnis, dass Kinder ihren Eltern meist ähnlich sehen. Große Kinder bringt man häufig korrekterweise mit ihren noch riesigeren Eltern in Verbindung. Andere Kinder kann man ihren Eltern durch seltsame Nasen oder ihre Haarfarbe zuordnen.

Kaum jemand wird bezweifeln, dass dies zum größten Teil an der Genetik liegt. Man kann sich seine Haare zwar färben, aber die natürliche Haarfarbe kann man nur schwer durch Erziehung oder andere Umweltumstände verändern. Bei Körpergröße ist das sogar noch schwerer.

Doch dies sind Eigenschaften, die nur das Erscheinungsbild betreffen. Wie sieht es mit Eigenschaften aus, die nicht direkt erkennbar sind?

Diese Frage werden wir in diesem Artikel am Beispiel der Intelligenz beantworten.

Recap – Was ist Intelligenz?

Ich habe bereits in diesem Artikel eine ausführliche Definition von Intelligenz gegeben. Falls ihr euch den Artikel jetzt nicht ganz geben wollt, hier eine Kurzfassung:

Um die Intelligenz einer Person zu berechnen, gehen Intelligenzforscher folgendermaßen vor: sie lassen die Person erst ganz verschiedene Tests machen die verschiedene Arten von Intelligenz messen sollen (z.B. sprachliche, emotionale oder logische Intelligenz).

Dann kombinieren sie die Ergebnisse aller Tests mit Hilfe statistischer Methoden. Das Ergebnis bezeichnet man als allgemeine Intelligenz oder g-Faktor.

Das interessante ist aber, dass die verschiedenen Arten von Intelligenz stark miteinander korrelieren. Menschen, die eine hohe sprachliche Intelligenz besitzen, besitzen meist auch eine hohe emotionale und logische Intelligenz. Daher liefern zum Beispiel IQ-Tests eine ganz gute erste Schätzung des g-Faktors.

Ist es relevant, ob man einen hohen oder niedrigen g-Faktor hat?

Absolut! Der g-Faktor ist einer der besten Indikatoren für Erfolg im Leben, gemessen etwa durch Einkommen, Bildung oder gesellschaftliche Position (Hier mehr dazu).

Wieso ist das wichtig?

Gut und schön.

Aber sollte es uns interessieren, ob der g-Faktor genetisch bedingt ist?

Auch hier lautet meine Antwort Ja.

Ob Intelligenz vererbt wird oder nicht ist relevant, um beurteilen zu können wir fair und effizient unser Gesellschaftssystem ist.

Soziale Gerechtigkeit ist mehr als ein Wahlkampfmotto der SPD. Wer will schon in einer Gesellschaft leben, die er für ungerecht hält? Sehr wenige Menschen, wie zahlreiche Studien dokumentieren. Wie in diesem Artikel beschrieben, opfern viele Menschen gerne Teile ihres eigenen Vermögens, um die Welt gerechter zu gestalten.

Es scheint ziemlich wahrscheinlich, dass so gut wie jeder für soziale Gerechtigkeit ist. Die Meinungen darüber was gerecht ist gehen jedoch auseinander. Ist es gerecht, wenn Menschen, die mehr arbeiten, auch mehr verdienen als ihre weniger fleißigen Kollegen? Ist es fair, dass talentiertere Menschen besser vergütet werden? Hier gibt es sehr verschiedene Meinungen. Auch darüber mehr in diesem Artikel.

Aber es gibt noch einen Grund dafür, dass Menschen in der Gerechtigkeitsfrage uneins sind, und darum geht es hier. Selbst wenn sie die gleiche Art von Ungleichheit gerecht finden, so haben sie vielleicht verschiedenen Vorstellungen davon wie die existierende Ungleichheit denn nun wirklich entstanden ist.

Korrupt oder Clever?

Ex-President Obama hat Einkommensungleichheit (innerhalb der USA) als „defining challenge of our time“ bezeichnet (Newell, 2013).

Nicht nur er, auch viele andere Politiker und Ökonomen beschäftigen sich mit der Frage wie Ungleichheit reduziert werden kann.

Aber mal ganz provokant gefragt: Wieso sollte Ungleichheit überhaupt reduziert werden? Was ist denn das Problem mit Ungleichheit? Im Ernst, schreibt mir euere größten Probleme mit Ungleichheit gerne in die Kommentare 🙂

Mein Punkt ist folgender: in unserer Gesellschaft wird man, sofern man nicht reich geboren wird, am schnellsten durch gute Ideen wohlhabend. Kluge neue Produkte, clevere Netzwerke, Apps die uns den Alltag erleichtern. Der beste Weg reich zu werden ist es hier eine wirklich gute Idee zu haben, sich selbständig zu machen und dann cleveres Management zu betreiben. Ihr seht schon, Intelligenz ist der Schlüssel.

Und tatsächlich hängt der g-Faktor ja auch sehr stark mit dem Einkommen zusammen (Hier mehr dazu).

Nun, manche Menschen sind nun einmal klüger als andere. Diese klugen Menschen werden auf gute Ideen kommen und reich werden, während ihre weniger intelligenten Nachbarn nicht reich werden.

Auf der anderen Seite schadet es natürlich auch selten reiche Eltern zu haben oder Freunde in Top-Positionen mit denen man zum Beispiel profitable Corona-Maskendeals abschließen kann.

Wir sind uns alle einig darüber, dass es große Einkommens- und Vermögensungleichheiten gibt. Aber wie ist diese Ungleichheit entstanden? Eher dadurch, dass es sehr große Intelligenzunterschiede in der Gesellschaft gibt oder dadurch, dass Vitamin B sehr ungleich verteilt ist?

Ist ersteres der Fall sind die meisten von uns vermutlich eher geneigt Ungleichheit gerecht zu finden und zu akzeptieren. Trifft letzteres zu würden die meisten wohl mehr Umverteilung bevorzugen.

Reiche Eltern oder clevere Kinder?

Ein anderes Beispiel ist soziale Mobilität.

Man hört immer wieder davon, dass Kinder aus Haushalten mit geringem sozioökonomischem Status es selten in die Chefetagen von Unternehmen oder Parteien schaffen.

Aber ist das ungerecht?

Die meisten Menschen würden wohl mit ja antworten, sofern alle Menschen mit den gleichen Anlagen für diese Positionen geboren werden. Ungleichheit muss dann auf Diskriminierung in irgendeiner Form zurückzuführen sein. Sei es durch schlechtere Schulbildung, eine schlechtere Erziehung oder dadurch, dass sie einfach nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden.

Aber jetzt überlegt euch mal Folgendes: die Allgemeine Intelligenz hängt sehr eng mit dem eigenen sozioökonomischen Status im Erwachsenenalter zusammen (hier mehr dazu). Das heißt, die Chefetagen werden typischerweise von intelligenten Menschen besetzt (auch wenn man das manchmal nur schwer glauben kann).

Nehmen wir einmal an Intelligenz ist zu 100% genetisch bedingt, genauso wie alle anderen Eigenschaften des Menschen. Söhne sind damit praktisch perfekte Kopien ihrer Väter, Töchter perfekte Kopien ihrer Mütter. Es ist so als würden sich Menschen einfach klonen, oder als würden sie ewig leben.

Wenn nun Unternehmen und Parteien nur nach Leistung selektieren, dann werden sie alle Kinder genauso behandeln, wie sie eine Generation zuvor ihre Eltern behandelt haben. Die Kinder der erfolgreichen Eltern werden erfolgreich sein, wenig erfolgreiche Eltern werden wenig erfolgreiche Kinder haben. Dies hat aber nichts mit Diskriminierung zu tun. Es liegt daran, dass Kinder und Eltern gleich sind und gewinnmaximierende Unternehmen Gleiches gleich behandeln.

Unter solchen Bedingungen würden vermutlich weniger Menschen sagen, dass die soziale Mobilität gesteigert werden muss. In dieser Welt führt eine Leistungsgesellschaft automatisch dazu, dass es keine soziale Mobilität geben kann.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass man sich damit abfinden muss, dass weniger intelligente Menschen wenig verdienen. Es gibt gute Gründe für Umverteilung, selbst wenn Intelligenz zu 100% genetisch bedingt ist. Aber wenn der g-Faktor nur durch Erziehung zustande käme gäbe es noch einen guten zusätzlichen Grund. In dieser Welt sollte die Umverteilung optimalerweise also stärker ausgeprägt sein als in einer Welt des genetischen Determinismus.

Um also beurteilen zu können welche Politikmaßnahmen gerecht sind müssen wir herausfinden in welcher dieser Welten wir leben. Und dafür müssen wir wissen, ob Intelligenz nun vererbbar ist oder nicht.

Wie untersucht man das?

Stellt euch mal vor ihr solltet herausfinden zu welchem Anteil der g-Faktor vererbbar ist. Was würdet ihr tun?

Gar nicht so einfach, oder?

Man könnte zum Beispiel einfach Kinder aus ganz verschiedenen Elternhäusern entführen und sie alle zusammen in einer Kommune im Amazonasgebiet aufziehen. Alle bekommen die gleiche Bildung. Dann vergleicht man nach 20 Jahren die g-Faktoren der Kinder untereinander und mit denen ihrer Eltern. Wenn die Kinder genau die gleichen g-Faktoren haben wie ihre Eltern, ist die Umwelt wohl recht irrelevant. Wenn die Kinder alle die gleichen g-Faktoren haben, ist Genetik wohl egal.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Dritte Reich oder die UdSSR so ein Experiment mal in Erwägung gezogen hat. Heutzutage haben es Forscher aber immer schwerer Ethik-Kommissionen von solchen Vorhaben zu überzeugen.

Stattdessen greifen sie auf einen schlauen Trick zurück.

Es gibt zwei Arten von Zwillingen. Eineiige Zwillinge haben identisches Genmaterial. Bei Zweieiigen Zwillingen ist das Genmaterial nur zur Hälfte gleich.

Sagen wir mal die Zwillinge wachsen in der gleichen Familie, also unter sehr ähnlichen Umständen, auf. Das ist ja zum Glück meistens der Fall.

Wenn Genetik irrelevant ist, sollte der Unterschied in der Intelligenz zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen gleich groß sein. Eineiige Zwillinge sind sich zwar genetisch ähnlicher, aber Genetik ist ja per Annahme egal.

Eine größere Ähnlichkeit zwischen eineiigen Zwillingen deutet also auf einen Einfluss des genetischen Materials hin.

Dann gibt es auch leider Zwillinge, die adoptiert werden und in verschiedenen Familien aufwachsen. Hier sind die Umweltbedingungen verschieden aber das genetische Material ist identisch bzw. zur Hälfte identisch.

Dadurch dass man eineiige und zweieiigen Zwillinge vergleicht und dabei berücksichtigt ob die Zwillinge zusammen oder getrennt aufgewachsen sind ist es also möglich zu erschließen wie wichtig Genetik und Umweltfaktoren für die Intelligenz sind (Knopik et al. 2016).

Die Ergebnisse

Genetik als Erklärung für Unterschiede in der Intelligenz anzuführen war in der 1970ern und 1980ern verrufen und Forscher, die es dennoch wagten, solche Studien durchzuführen wurden nicht selten angefeindet (Plomin und von Stumm 2018).

Dies hatte jedoch auch den positiven Effekt, dass Forscher sehr sauber arbeiten mussten, um ihre Ergebnisse zu diesem Thema veröffentlichen zu können. Entsprechend haben die letzten Jahrzehnte eine Reihe von sauberen Zwillingsstudien ergeben, teilweise mit mehreren tausend Zwillingen.

Mittlerweile existieren verschiedene Meta-Studien in denen Daten aus all diesen Studien kombiniert werden. All diese Meta-Studien kommen zu dem Ergebnis, dass recht genau 50% der Intelligenz vererbt ist (Knopik et al. 2016).

Intelligenz ist also zur Hälfte vererbt und zur anderen Hälfte umweltbedingt.

Das ist also schon die Antwort. Es ist zwar nur eine Zahl aber diese Zahl hat es in sich.

Was bedeutet das für uns?

Wenn ihr euch eine eindeutige Antwort erhofft hattet muss ich euch also leider enttäuschen.

Wir leben weder in einer Welt, in der die Intelligenz genetisch determiniert wird, noch in einer Welt in der sie ausschließlich durch Erziehung bestimmt wird. Wir leben in einer Mischwelt die ziemlich genau auf halber Strecke zwischen diesen beiden Extremen liegt.

Ein großer Teil der Ungleichheit in der Gesellschaft ist also wirklich darauf zurückzuführen, dass manche Menschen einfach intelligenter sind als andere.

Beispiel Sowjetunion: der alte Erzfeind des Westens war keine Leistungsgesellschaft. Entsprechend zeigen Studien, dass Bildung und beruflicher Status in diesem Staat eher schwach mit Intelligenz korreliert waren. Die Intelligenten erhielten im System der Sowjetunion also mehr Bildung als die weniger intelligenten und sie wurden anschließend auch eher Wissenschaftler oder Politiker. Aber der Zusammenhang war nicht sonderlich stark. Auch viele weniger intelligente schafften es an die besten Unis des Landes (Rimfeld et al. 2016).

Dies änderte sich nach der Wende. Estland zum Beispiel kehrte dem alten System rasch den Rücken und wurde mehr wie seine westlichen Nachbarn zu einer Leistungsgesellschaft.

Und tatsächliche wurde der Zusammenhang zwischen Intelligenz, Bildung und Berufswahl in der Folge auch deutlich enger und ist nun doppelt so stark wie zu Sowjet-Zeiten.

Dies legt nahe, dass unser System der Leistungsgesellschaft dafür sorgt, dass die Intelligenten Erfolg haben. Ob das gut ist, ist eine andere Frage,
aber es wäre ein Fehler diese Einsicht zu ignorieren.

Wie gut sind Privatschulen?

Ein ähnlicher Punkt muss bezüglich sozialer Mobilität gemacht werden. Häufig hört man davon, dass Kinder, die auf Privatschulen gehen, einen unfairen Vorteil haben und deswegen später besonders gut abschneiden.

Dies stimmt sicherlich zu einem Teil, aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Ein Forscherteam um Emily Smith-Woolley hat nämlich herausgefunden, dass Kinder die Privatschulen besuchen überdurchschnittlich intelligent sind (Smith-Woolley et al. 2018).

Dies passt zu der Idee, dass wohlhabende Menschen überdurchschnittlich intelligent sind und wegen der Erblichkeit von Intelligenz auch besonders intelligente Kinder haben.

Schüler aus Privatschulen sind also nicht nur deshalb erfolgreich, weil sie bessere Bildung erhalten. Sie wären auch erfolgreicher als andere Kinder, wenn sie auf öffentliche Schulen gehen würden.

Diese Information ist übrigens auch wichtig für dich, falls du gerade darüber nachdenkst ob du dein Kind auf eine Privatschule stecken sollst. Der Vorteil, den das Kind dadurch erhält ist vermutlich kleiner als du dachtest.

Aber so einen Vorteil hat dein Kind wahrscheinlich gar nicht nötig. Du liest dir immerhin in deiner Freizeit wissenschaftliche Artikel von höchster Qualität durch. Du musst also einen ziemlich hohen g-Faktor besitzen. Und wie wir gerade gelernt haben, sind deine Kinder daher mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls super clever. 🙂

Quellen:

Newell, Jim. Obama: income inequality is ‚defining challenge of our time‘ – live. In: The Guardian, 2013. https://www.theguardian.com/world/2013/dec/04/obama-income-inequality-minimum-wage-live (Aufgerufen am 15.06.2021)

Knopik, Valerie S., et al. Behavioral genetics. Macmillan Higher Education, 2016.

Plomin, Robert, and Sophie von Stumm. „The new genetics of intelligence.“ Nature Reviews Genetics 19.3 (2018): 148.

Behavior Genetics Association 46th Annual Meeting Abstracts. Rimfeld, K., Trzaskowski, M., Esko, T., Metspalu, A. & Plomin, R. Genetic influence on educational attainment and occupational status during and after the Soviet era in Estonia [abstract]. Behav. Genet. 46, 803 (2016)

Smith-Woolley, Emily, et al. „Differences in exam performance between pupils attending selective and non-selective schools mirror the genetic differences between them.“ npj Science of Learning 3.1 (2018): 1-7.

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Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Mein Taschenrechner für ein Pferd

Der Konsul

Incitatus lebte im 1. Jahrhundert nach Christus in Rom. Er war ein Günstling des Kaisers Caligula, der alles Erdenkliche tat um ihm ein angenehmes, sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Der Kaiser liebte den Sport und die Spiele, und so war es nicht verwunderlich, dass er Incitatus, der ein außergewöhnlicher Sprinter war, nicht nur liebgewonnen hatte, sondern ihn gleichsam vergötterte. Er kaufte ihm eine Villa, bezahlte seine Bediensteten etc. All das konnten die Senatoren und das römische Volk hinnehmen. Doch als Caligula seinen Günstling in das Amt eines Konsuls erheben wollte, regte sich Widerstand in den Reihen des Senats. Die Politik solle den Politikern überlassen werden. Sportler hätten nicht die Qualifikationen, die für das Amt des Konsuls benötigt werden.

Die Lage wurde noch durch einen weiteren Umstand erschwert. Incitatus war nämlich nicht nur kein ausgebildeter Politiker, er war auch ein Pferd. Ja, richtig gehört. Der dritte römische Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie wollte ein Rennpferd zum Konsul ernennen. „Das ist doch Wahnsinn!“ dachten sich wohl die meisten Römer, als sie von diesem Vorhaben erfuhren. Und wir würden ein solches Unterfangen heutzutage nicht weniger verurteilen. Und tatsächlich hat sich das Bild vom „verrückten“ Kaiser Caligula über die Jahrhunderte hinweg gehalten.

Doch war die Entscheidung ein Pferd zum Konsul zu ernennen wirklich so verrückt? Wieso gehen wir eigentlich davon aus, dass Pferde (und übrigens auch viele andere Tiere) einfach nur dumm sind? Kann es nicht vielleicht sein, dass wir sie nur nicht verstehen? Dass sie nur durch mangelnde Bildung so wild und unzivilisiert erscheinen? Wenn man einen Menschen die ersten 20 Jahre seines Lebens in einen Käfig steckt und nicht mit ihm redet wird er danach wohl auch kein Professor mehr oder? Und tatsächlich: Im Jahre 1904 gelang dem Mathematiklehrer Wilhelm von Osten etwas Unglaubliches. Er brachte einem Pferd das rechnen bei. Dieses Pferd sollte als der kluge Hans in die Geschichte eingehen.

Ein tierisch guter Kopfrechner

Da Hans nicht sprechen konnte, beantwortete er die Fragen des Lehrers durch Nicken, Kopfschütteln und festes Auftreten mit dem rechten Vorderhuf. Bei den Fragen die das Pferd beantwortete handelte es sich nicht nur um Fragen des kleinen Einmaleins. Hier eine Liste von Fähigkeiten, die Oskar Pfungst in seiner kritischen Untersuchung zu dem Fall anführt:

Die Reihe der Grundzahlen von 1 bis 100 beherrschte Hans offenbar mit verblüffender Sicherheit, die Reihe der Ordnungszahlen wenigstens bis 10. Objekte aller Art zählte er auf Wunsch, so die anwesenden Personen, auch nach den Geschlechtern getrennt, ihre Hüte, Schirme, Kneifer. […] Nicht nur zählen, auch rechnen konnte der Hengst. Die vier Grundrechnungsarten waren ihm durchaus geläufig. Gemeine Brüche wandelte er in Dezimalbrüche und diese in jene, löste auch Regeldetri [Dreisatz]-Aufgaben und dies alles so spielend, dass ihm Ungeübte oft nur schwer zu folgen vermochten.

Pfungst veranschaulicht diese außergewöhnlichen Fähigkeiten, indem er folgende Beispiele anführt:

Frage: „Wieviel ist 2/5 und ½?“ Antwort: 9/10. (Hans klopfte bei allen Brüchen, die er angab, erst den Zähler, dann den Nenner; in dem vorliegenden Fall also erst 9, dann 10). Oder: „Ich denke mir eine Zahl. Ich ziehe 9 davon ab und behalte 3 übrig. Welche zahl habe ich mir gedacht?“ – 12. „Durch welche Zahlen ist 28 teilbar?“ – Darauf nacheinander: 2, 4, 7, 14, 28. Oder: In der Zahl 365287149 wurde hinter die 8 ein Komma gesetzt und gefragt: „Wieviel Hunderter sind es jetzt?“ – 5.“Wieviel Zehntausendstel?“ – 9.

Oh man, hätte ich im Kopfrechnen gegen dieses Pferd antreten müssen, ich hätte so-was-von verloren!

Das haben sich wohl auch damals viele Leute gedacht. Und wer will schon für dümmer als ein Pferd gehalten werden? So machten sich schnell Stimmen laut, es handle sich bei dem rechnenden Pferd um Betrug. 

Doch war es äußerst schwer, diesen Betrug nachzuweisen. Es gab keine geheimen Zeichen, die der Lehrer seinem Pferd gab und das Pferd beantwortete auch von anderen gestellte Fragen in der Regel richtig (sogar dann, wenn der Besitzer abwesend war). Auch gab es keinen wirklichen Grund einen Betrug zu vermuten. Wilhelm von Osten verlangte nie Eintritt oder sonstige Gebühren von den Menschen, die sein Pferd und dessen Fähigkeiten bewundern wollten. Der Betrug hätte sich also für ihn nicht gelohnt.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Wissenschaftler an der Frage wieso das Pferd zu solchen Leistungen fähig ist, verzweifelt sind. Ist es nicht vielleicht doch möglich, dass ein Pferd so klug ist?

Das Rätsel

Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel, welches Carl Stumpf damals wie folgt ausformulierte:

Ein Pferd, das auf Multiplikations- und Divisionsaufgaben durch Tritte richtig antwortet. Persönlichkeiten von unbezweifelbarer Ehrenhaftigkeit, die in Abwesenheit seines Lehrmeisters solche Antworten erhalten und versichern, dabei nicht das geringste Zeichen gegeben zu haben. Tausende von Zuschauern während vieler Monate, Pferdekenner, Trick-Kenner ersten Ranges, unter denen nicht ein einziger irgendwelche regelmäßige Zeichen bemerkt.

Wie ist das möglich?

Nicht ganz einfach oder? Ideen für Lösungsansätze?

Die Lösung

Die Auflösung des Rätsels um das Pferd des Herrn von Osten erfolgte am 9. Dezember 1904, nachdem der kluge Hans die Öffentlichkeit fast ein Jahr in Erstaunen versetzt hatte. Es war Oskar Pfungst, der bemerkte, dass der Fragesteller dem Pferd zwar keine bewussten Zeichen gab, er aber unbewusst minimale Signale an das Pferd gab, die dieses sofort richtig zu interpretieren wusste.

Ein Beispiel:

Wenn jemand dem Klugen Hans eine Mathematikaufgabe stellte, sollte das Pferd die Antwort in Hufschlägen geben. War die richtige Antwort z.B. 10, so schlug er 10mal mit dem Huf auf. Er schlug also erst 1mal, dann 2mal, dann 3mal usw. mit dem Huf auf den Boden. Schlug er das 10. Mal auf, sah er, an der Reaktion des Fragestellers sofort, dass dies die richtige Antwort war. Der Fragesteller selbst, war sich der Zeichen, die er dem Pferd gab allerdings völlig unbewusst.

Das heißt also, wenn das Pferd den Fragesteller nicht sah, wusste es nicht wann es mit dem Klopfen aufhören sollte, und wenn der Fragesteller selbst die Antwort auf seine Frage nicht kannte, konnte auch das Pferd keine richtige Antwort geben.

Oskar Pfungst gelang es schließlich, die genauen Zeichen auszumachen und bewusst zu imitieren. So konnte er zeigen, woher der Kluge Hans seine Antworten nahm.

Aber was bedeuten diese Erkenntnisse für unseren Fall des Konsul-Pferdes Incitatus? Wäre das Pferd damals tatsächlich zum Konsul ernannt worden, so hätte man ihm wohl auch beibringen müssen auf irgendeine Art und Weise Zustimmung und Missfallen auszudrücken. Gehen wir mal davon aus, Incitatus hätte wie Hans gehandelt und die Zeichen in der Mimik seiner Bittsteller, Kontrahenten und Gesandten abgelesen und darauf reagiert. Er hätte wohl immer die Antwort gegeben, die sich sein Gegenüber erhofft hatte.

Wäre das wirklich so ein schlechter Konsul gewesen?

Mit dieser Frage lasse ich euch erst mal alleine.

Quellen

Pfungst, Oskar. Das Pferd des Herrn von Osten (Der kluge Hans). Leipzig 1907.

Sanford, Edmund. Der Kluge Hans and the Elberfeld Horses. In: The American Journal of Psychology. 1914 Vol. 25, No. 1, S. 1-31.

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Weit verbreitete Irrtümer

Kenne dich selbst!

„Gnauthi seauton“, „nosce te ipsum“ oder einfach „kenne dich selbst“. Ob als Inschrift des Apollontempels in Delphi, als Gedicht von Novalis oder als Grundpfeiler der stoischen Philosophie – diese Aufforderung wird wohl jeder schon einmal gelesen oder gehört haben. Mit diesem Satz konfrontiert, stellen wir uns unwillkürlich die Frage, ob und wenn ja, wie gut wir uns eigentlich selbst kennen. Und was noch viel wichtiger ist: wie können wir uns selbst besser kennen lernen?

Diese Fragen beschäftigen die Menschen (nicht nur) in Europa schon seit tausenden von Jahren. Die meisten Versuche sie zu beantworten basierten auf Meditation, Introspektion und Isolation vom Rest der Gesellschaft. Aktuelle Forschung legt jedoch nahe, dass diese „klassischen“ Methoden zur Selbsterforschung keine akkuraten Antworten liefern können.

Was wissen wir über uns?

Wir alle tendieren dazu zu glauben mehr über uns zu wissen als alle anderen. Und tatsächlich gibt es auch gute Gründe dies anzunehmen. Niemand sonst hat Zugriff auf so viele Informationen über uns wie wir selbst. In einer Studie hat ein Forscherteam rund um Emily Pronin allerdings zeigen können, wie unzuverlässig Selbsteinschätzungen sein können.

45 College-WG-Paare (also insgesamt 90 Studenten) sollten im Wesentlichen folgende 4 Fragen beantworten:

  1. Wie gut kenne ich mich selbst?
  2. Wie gut kenne ich meinen Mitbewohner?
  3. Wie gut kennt mich mein Mitbewohner?
  4. Wie gut kennt sich mein Mitbewohner selbst?

Die Ergebnisse der Untersuchung lauteten wie folgt:

  1. Die Teilnehmer gaben an sich selbst besser zu kennen als ihr Mitbewohner.
  2. Die Teilnehmer gaben an ihren Mitbewohner besser zu kennen als dieser sie kennt.

Und diese Ergebnisse sind gut nachvollziehbar. Habt ihr nicht auch oft das Gefühl ihr wisst ziemlich genau, was jemand meint oder will, aber was ihr eigentlich sagen wollt versteht keiner?

Auf die Gründe wieso genau wir so denken gehen wir hier nicht näher ein. Für unsere Zwecke reicht zunächst die Feststellung, dass wir dazu neigen uns selbst mehr Wissen zuzuschreiben als anderen. Es ist klar, dass das schnell zu Selbstüberschätzung führen kann.

Und genau hier liegt das Problem.

Unser Wissen über uns selbst ist nämlich alles andere als perfekt und es schleichen sich immer wieder Fehler in unsere Selbsteinschätzung ein. Aber wie können wir diese Fehler vermeiden?

Der Game-Changer

Der Game-Changer ist, das Wissen anderer über uns selbst zu nutzen. Das Wissen anderer? „Was sollen die schon groß über mich wissen?“ wird sich jetzt sicher der ein oder andere fragen. Wie sollen andere denn auch ohne Zugriff auf alle unsere Gedanken und Emotionen eine Idee unseres „selbst“ bekommen? Wie wir weiter oben gesehen haben, ist das ein ganz natürlicher Gedanke.

Tja, ihr erinnert euch sicherlich. Wie so häufig ist dieser intuitive Gedanke falsch. Tatsächlich kennen uns Leute aus unserem Umfeld oft erstaunlich gut. Manchmal eben sogar besser als wir selbst.

Das zeigt eine Studie von Simine Vazire aus dem Jahre 2010.

Im Rahmen der Studie wurden 165 Studenten in Fünfergruppen aus Freunden eingeteilt. Unter anderem wurden die Teilnehmer gebeten sich und die anderen Mitglieder ihrer Gruppe in Bezug auf verschiedene Eigenschaften zu bewerten. Zum Beispiel sollten sie angeben wie ängstlich, dominant, gesprächig, kreativ oder intelligent sie selbst und ihre Gruppenmitglieder sind.

Anschließend wurden validierte Maße genutzt, um die Eigenschaften der Teilnehmer objektiv zu messen. Die Angaben der Studenten wurden mit den Ergebnissen dieser Tests korreliert.

Wichtig ist hier zu beachten, dass nur getestet wurde ob intelligente Menschen auch als intelligent eingeschätzt werden, nicht aber wie genau z.B. IQ-Werte oder G-Faktoren geschätzt werden.

Die folgende Graphik zeigt die Korrelationskoeffizienten der Angaben der Studienteilnehmer (höhere Werte stehen für eine höhere Übereinstimmung zwischen Angabe und objektiver Messung):

Genauigkeit der Einschätzung der eigenen Persönlichkeit und der Persönlichkeit von Freunden für unterschiedliche Eigenschaften (Vazire, Carlson 2011).

Ganz links sehen wir die Bereiche, die kaum beobachtbar und nicht besonders evaluativ sind. Dazu zählen vor allem von Gefühlen geprägte Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Optimismus etc. Wie wir sehen, schneiden die Selbsteinschätzungen hier deutlich besser ab als die Einschätzungen der Freunde.

In der Mitte sehen wir die Bereiche, die einem Beobachter sofort ins Auge fallen, also sehr leicht zu beobachten sind, aber nicht sehr evaluativ sind. Unter diese fallen Eigenschaften wie Gesprächigkeit oder Schweigsamkeit.

Die Spalte ganz rechts zeigt die Bereiche die nur schwer zu beobachten und sehr evaluativ sind. Dazu zählt z.B. auch die Intelligenz.

Erstaunlicherweise schneiden hier die Bewertungen von Freunden deutlich besser ab als die Selbsteinschätzung. Interessant oder nicht? Das heißt im Klartext, wenn all eure Freunde (wenn man sie dann überhaupt noch Freunde nennen kann) euch nicht für besonders intelligent halten, ihr euch selbst aber schon, könnt ihr eure Karriere als Harvard Professor trotzdem an den Nagel hängen.

Wenn wir ein genaues und umfangreiches Profil unserer Persönlichkeit erstellen wollen, sind wir auf die Hilfe anderer Personen angewiesen. Introspektive Ansätze zur Selbsterforschung sind schlichtweg nicht ausreichend, um valide Ergebnisse zu liefern.

Fazit

Schön und gut, aber wie erhält man nun ein besseres Bild der eigenen Persönlichkeit? Ok, man benötigt ehrliches Feedback. Aber wie soll man es bekommen? Ich denke hier muss jeder eigene Strategien finden seine Freunde und Bekannten dazu zu bewegen ehrliche Einschätzung über seine Persönlichkeit zu geben. Und wahrscheinlich sollte man sich auch genau überlegen, ob man das auch wirklich will.

Eine mögliche Lösung, die nicht allzu sehr auf aktiver Mitarbeit anderer Personen beruht schlagen Simine Vazire und Erika Carlson vor:

Um eine bessere Vorstellung seiner eigenen Persönlichkeit zu bekommen solle man versuchen sich in die Menschen, die einem nahestehen hineinzuversetzen und sich selbst aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Forschungen haben gezeigt, dass wir ziemlich gut einschätzen können, wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden. Wir nutzen dieses Wissen allerdings nur sehr selten, wenn es darum geht aussagen über uns selbst zu treffen.

Vazire und Carlson schlagen deshalb vor uns bei der Suche nach uns selbst auf unsere Eindrücke der Eindrücke, die wir auf andere machen zu konzentrieren.

Mein ganz persönliches Fazit lautet allerdings wie folgt:

Wenn wir das nächste Mal das Gefühl haben uns selbst nicht richtig zu kennen und etwas daran ändern zu müssen, sollten wir die Meditation links liegen lassen und uns mit ein paar guten Freunden auf ein Bier und eine offene Konversation verabreden 😉

Quellen

Vazire, Simine, and Erika N. Carlson. „Others sometimes know us better than we know ourselves.“ Current Directions in Psychological Science 20.2 (2011): 104-108.

Pronin, Emily, et al. „You don’t know me, but I know you: The illusion of asymmetric insight.“ Journal of Personality and Social Psychology 81.4 (2001): 639.

Wilson, Timothy D. „Know thyself.“ Perspectives on Psychological Science 4.4 (2009): 384-389.

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Allgemein Weit verbreitete Irrtümer

Eine Definition von Intelligenz

Auch wenn du bestimmt mega intelligent bist, kennst du wahrscheinlich jemanden, der noch schlauer ist als du.

Oder etwa nicht?

Ich kenne da einige. Mitschüler, die den Unterrichtsstoff besser und schneller verstanden haben, andere Doktoranden, die cleverere Forschung machen und manchmal treffe ich selbst beim Feiern gehen Menschen, die ihre Argumente dreimal erklären müssen, bevor ich sie verstehe.

Gut, der letzte Punkt lässt sich vielleicht auch durch übermäßigen Alkoholkonsum erklären.

Jetzt fragst du dich vielleicht: was genau meinst du mit Intelligenz?

Ich will ehrlich sein. Ich kann diese Frage nicht sehr präzise beantworten. Grob gesprochen meine ich damit die Auffassungsgabe, die Geschwindigkeit, mit der jemand Informationen aufnehmen, kombinieren und daraus korrekte logische Schlüsse ableiten kann.

Klingt nicht sehr präzise, oder? Es wäre sehr schwer Intelligenz auf Basis dieser Definition zu messen.

Intelligenz messbar zu machen ist jedoch sehr wichtig.

Immer wieder untersuchen Forscher Zusammenhänge zwischen Intelligenz und allen möglichen anderen Größen wie etwa der Berufswahl, dem Einkommen oder der Bildung.

Doch bevor man solche Zusammenhänge messen kann, muss man natürlich erst die einzelnen Größen messen.

Natürlich ist dies Wissenschaftlern schon lange bewusst. Es gibt schon lange präzise und plausible Definitionen von Intelligenz die Messbarkeit ermöglichen.

Diese Definition ist leider in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt.

Spoiler: Es ist nicht der IQ!

In diesem Artikel möchte ich euch erklären, wie Wissenschaftler Intelligenz definieren und warum.

Der g-Faktor

Falls du jetzt gedacht hast ich komme dir mit IQ – weit gefehlt. IQ als Maß für Intelligenz ist veraltet (Plomin und von Stumm 2018).

In der Forschung nutzt man stattdessen den Allgemeinen Faktor der Intelligenz, auch g-Faktor oder g genannt.

Während IQ-Tests nur eine bestimmte Art des logischen Denkens messen, beinhaltet der g-Faktor sehr viele verschiedene Arten von Intelligenz. Dazu gehören neben logischem Denken räumliches Denken, verbale Intelligenz, emotionale Intelligenz und viele mehr.

Diese Arten von Intelligenz erscheinen dir vielleicht verschieden. Doch Menschen, die in einer Art hohe Werte erzielen, sind meistens auch in anderen Arten der Intelligenz sehr stark (Plomin und von Stumm 2018).

Das Leben scheint hier also nicht besonders fair zu sein. Ausgleichende Gerechtigkeit – ich bin besser im logischen Denken, dafür kannst du besser räumlich denken – gibt es in der Realität eher weniger. Einige Menschen sind einfach in allen Arten der Intelligenz besser als andere.

Intelligenzforscher gehen daher davon aus, dass es so etwas wie Allgemeine Intelligenz gibt, die den Kern all dieser verschiedenen Arten von Intelligenz darstellt.

Diese Allgemeine Intelligenz versucht man aus den Testergebnissen von verschiedenen Intelligenztests zu schätzen. Zu diesem Zweck werden alle Informationen aus den verschiedenen Tests kombiniert. Alle Testergebnisse gehen also mit in die Gesamtintelligenz ein.

Allerdings liefern manche Intelligenztests präzisere Ergebnisse als andere. Beim Zusammenrechnen werden daher die präziser gemessenen Tests stärker berücksichtigt.

Dies kann man beispielsweise mit einer Principal Component Analyse (PCA) machen. Einzelheiten dazu findet ihr hier. Obwohl das Prinzip nicht super kompliziert ist, würde eine nähere Beschreibung der PCA hier den Rahmen sprengen.

Ist dieses Maß für Intelligenz sinnvoll?

Gut, jetzt wissen wir, wie man Allgemeine Intelligenz berechnet.

Aber wie aussagekräftig ist dieses Maß?

Die allermeisten Forscher halten dieses Maß für extrem aussagekräftig. Dass Intelligenzforscher das so sehen ist klar. Es ist ja ihr Job zuverlässige Maße für Intelligenz zu finden. Aber auch in anderen Disziplinen wie zum Beispiel der Psychologie oder der Ökonomie gilt der g-Faktor als aussagekräftig.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Erstens ist g besser als jede andere Eigenschaft geeignet um wichtige Größen wie Bildung (Deary et al. 2007), Berufswahl (Strenze 2007) und selbst Gesundheit (Calvin et al. 2017) vorher zu sagen.

Was bedeutet das?

Sagen wir, du lernst zwei Kinder kennen. Sie sind beide 16 Jahre alt. Du willst vorhersagen was aus ihnen wird. Welche Bildungsabschlüsse werden sie erreichen? Wie viel werden sie verdienen? Wie lange werden sie leben?

Du darfst genau eine Eigenschaft der beiden messen und darauf deine Vorhersage gründen.

Welche Eigenschaft solltest du messen, um die beste Vorhersage zu ermöglichen?

Ambitionen? Selbstbewusstsein? Sorgfalt? Sozialverhalten? Nein!

Du solltest den g-Faktor messen. Er wird dir die beste (und eine sehr gute) Vorhersagekraft ermöglichen. Nur dadurch, dass du g misst, kannst du recht gut vorhersagen wer erfolgreich sein wird und wer nicht.

Das bedeutet natürlich nicht, dass andere Faktoren keine Rolle spielen. Ambitionen im Kindesalter beispielsweise weisen ebenfalls einen engen Zusammenhang mit Einkommen und sozialem Status im Erwachsenenalter auf.

Jedoch weist keine andere Eigenschaft einen so engen Zusammenhang mit späterem Erfolg auf wie der g-Faktor.

Zweitens ist der g-Faktor ein sehr stabiles Maß. Menschen, die im Kindesalter ein relativ hohes g haben, schneiden auch als Erwachsene gut ab. Besonders ab der Pubertät ändert sich die Reihenfolge zwischen Menschen bezüglich g eher selten. Diejenigen, die mit 16 die höchste allgemeine Intelligenz haben, haben auch noch mit 90 Jahren den höchsten g-Faktor (Deary et al. 2013).

Dies legt auch nahe, dass g wohl ohne große Messfehler gemessen werden kann. Denn diese Fehler sollten nicht stabil über die Zeit sein.

Der g-Faktor über die Lebensspanne

Die eben diskutierte Stabilität bezieht sich nur auf Unterschiede zwischen Menschen. Die Unterschiede im g-Faktor zwischen ähnlich alten Personen verändern sich über die Zeit kaum.

Aber die Allgemeine Intelligenz eines einzelnen Menschen verändert sich über die Zeit sehr wohl. Die meisten Menschen haben ihren höchsten g-Faktor im jungen Erwachsenenalter. Danach nimmt g stetig ab.

So gesehen werden Menschen im Alter immer dümmer. Aber gut, dafür nimmt auf der anderen Seite mit der Erfahrung auch das Wissen zu.

Zusammenfassung

Natürlich hat jeder Mensch eine etwas andere Vorstellung davon, was Intelligenz ist. Manche denken vielleicht, dass sprachliche Intelligenz ein Teil von Intelligenz sein sollte während andere meinen, dass Intelligenz nichts anderes sei als logisches Denken.

Dies ist aber kein großes Problem. Denn wie wir gesehen haben, sind verschiedene Formen von Intelligenz stark miteinander korreliert; Menschen, die in einem Bereich von Intelligenz besonders gut abschneiden, sind auch in anderen Feldern sehr stark.

Die moderne Intelligenzforschung bezieht daher so viele Formen von Intelligenz wie möglich in ihre Analyse mit ein und kombiniert all diese Informationen.

Das Ergebnis ist der g-Faktor, der auch als „Allgemeine Intelligenz“ bezeichnet wird.

Mit ihm lassen sich überraschend gut wichtige Dinge wie spätere Bildungsabschlüsse oder die Berufswahl recht gut (aber natürlich nicht perfekt) vorhersagen.

Obwohl Fälle erfolgreicher intelligenter Menschen deutlich häufiger sind, sind die Fälle, in denen eine frühe, auf dem g-Faktor basierende, Prognose zu komplett falschen Ergebnissen geführt hätte, viel interessanter.

Das krasseste Beispiel solcher Art findest du ausführlich im folgenden Artikel beschrieben; Der letzte Brief eines Genies

Viel Spaß beim Lesen!

Quellen

Calvin, Catherine M., et al. „Childhood intelligence in relation to major causes of death in 68 year follow-up: prospective population study.“ bmj 357 (2017).

Deary, Ian J., et al. „Intelligence and educational achievement.“ Intelligence 35.1 (2007): 13-21.

Deary, Ian J., Alison Pattie, and John M. Starr. „The stability of intelligence from age 11 to age 90 years: the Lothian birth cohort of 1921.“ Psychological science 24.12 (2013): 2361-2368.

Plomin, Robert, and Sophie von Stumm. „The new genetics of intelligence.“ Nature Reviews Genetics 19.3 (2018): 148.

Strenze, Tarmo. „Intelligence and socioeconomic success: A meta-analytic review of longitudinal research.“ Intelligence 35.5 (2007): 401-426.

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