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Allgemein Mega-Trends

Wird die Welt friedlicher?

Hast du dir eigentlich schon einmal überlegt was du tun würdest, falls morgen eine feindliche Armee in Deutschland einmarschieren würde?

Ein Freund hat mir einmal in der Schule erzählt, dass die Hälfte aller Schüler schon einmal darüber während des Unterrichts nachgedacht hat. Valide Quellen schien er aber nicht zu haben.

Die Wenigsten von uns gehen wohl ernsthaft davon aus, dass wir überfallen werden könnten. Es ist 75 Jahre her, dass feindliche Truppen auf deutschem Boden standen. Die älteste Person, dich ich je kennen gelernt habe (mein Opa), war 10 als der Krieg endete. Krieg ist mir, und vermutlich auch den meisten von euch, fern.

Ist dies ein deutsches Phänomen, oder gilt es allgemeiner? Wird die Welt friedlicher? Steuern wir auf eine Welt ohne Krieg zu?

Diese Fragen versuche ich im Folgenden zu beantworten. Zu diesem Zweck schauen wir uns natürlich zunächst Daten über Kriege an.

Daten

Woher bekommt man Daten über Kriege? Es gibt verschiedene Datensätze, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Manche decken bestimmte Gebiete sehr detailliert ab, andere bieten einen groben Überblick über die gesamte Welt, in wieder anderen wird genau zwischen verschiedenen Konfliktarten unterschieden und so weiter.

Für diesen Artikel ist eine lange Zeitreihe wichtig. Ein Datensatz, der besonders weit in die Vergangenheit zurückreicht, ist der Conflict Catalog von Peter Brecke. Die Daten kannst du selbst hier herunterladen.

Obwohl sehr viel Arbeit in die Erstellung dieses Datensatzes geflossen ist, sind die Daten nicht perfekt. Dies liegt zum einen daran, dass wir von vielen Kriegen in der Vergangenheit wahrscheinlich nicht wissen. Zum anderen sind ältere Quellen häufig sehr unzuverlässig was die Opferzahl betrifft. Häufig wurde hier aus politischen Gründen übertrieben.

Diese Ungenauigkeiten sind außerhalb Europas deutlich größer. Aus diesem Grund liegt der Fokus dieser Analyse auf Europa. Dies erhöht die Datenqualität deutlich und erlaubt es uns auch weiter in die Vergangenheit zu reisen.

Abgesehen vom Conflict Catalog nutzen wir auch Bevölkerungsdaten. Diese beziehen wir aus dem HYDE (History Database of the Global Environment) Datensatz. Das ist ein riesiger Datensatz, in den Jahrzehnte der Bevölkerungsforschung kulminieren. Die Daten findet ihr hier.

Weniger Kriege

Die offensichtlichste Frage zuerst: gibt es jetzt mehr oder weniger Kriege als früher? Das ist einfach zu beantworten.

Die folgende Graphik zeigt die Anzahl der Kriege je Jahrhundert. Wir betrachten 11 Jahrhunderte, beginnend im 10.

Abbildung 1: Die Anzahl der Kriege in Europa je Jahrhundert, vom 10. bis zum 20. Jahrhundert.

Wie man sieht, gab es im 10. Jahrhundert in Europa etwa 180 Kriege. Ganz schön viel, vor allem im Vergleich zum 20. Jahrhundert. Da gab es nur ca. 75 Kriege.

Wenn wir uns den Trend ansehen bemerken wir, dass die Anzahl der Kriege vom 10. bis zum 13. Jahrhundert gestiegen ist.

Von dort an wurden es immer weniger. Im 18. Jahrhundert betrug die Anzahl der Kriege nur ein Sechstel der Anzahl im 13. Jahrhundert.

Im 19. Jahrhundert waren es dann wieder mehr. Die Anzahl der Kriege sank im 20. Jahrhundert aber wieder, wobei es den absoluten Tiefstand des 18. nicht unterbot.

Mehr Tote

Irgendetwas ist komisch an dem oben dargestellten Trend. Nach Abbildung 1 würde man vermuten, dass die Welt immer friedlicher wird und insbesondere das 20. Jahrhundert als besonders friedlich in die europäische Geschichte eingegangen ist.

Würde man jetzt nicht so vermuten, oder? Das 20. Jahrhundert hat schließlich durch die beiden Weltkriege deutliche mehr Todesopfer gefordert als jedes andere Jahrhundert.

Dies wird auch in der folgenden Graphik deutlich. Dort zeige ich euch, für jedes Jahrhundert, wie viele Menschen insgesamt durch Kriege zu Tode kamen (in absoluten Zahlen).

Die Zahl der Todesopfer steigt mit der Zeit rasant an. Die meisten toten forderten, wie erwartet, die Kriege des 20. Jahrhunderts, fast 30 Millionen!

Abbildung 2: Die absolute Anzahl der Kriegstoten in Europa je Jahrhundert, vom 10. bis um 20. Jahrhundert.

Obwohl mit der Zeit tendenziell immer mehr Menschen durch Kriege sterben, ist der Zusammenhang nicht monoton. Im 17. Jahrhundert starben fast doppelt so viele Menschen durch Kriege wie im 18. Jahrhundert.

Dies ist vor allem auf den verheerenden 30-jährigen Krieg zurück zu führen, der gerade in Deutschland ganze Siedlungsgebiete leerfegte.

Natürlich ist dieser Trend zum Teil dadurch zu erklären, dass die Bevölkerung Europas mit der Zeit gewachsen ist. In der folgenden Abbildung zeige ich euch daher wie viele Menschen durch Krieg starben relativ zur Bevölkerung am Ende des Jahrhunderts.

Abbildung 3: Die relative Anzahl der Kriegstoten in Europa (zur Bevölkerung am Ende des Jahrhunderts) je Jahrhundert, vom 10. bis um 20. Jahrhundert.

Der letzte Punkt in Abbildung 3 sagt uns zum Beispiel, dass die Anzahl der gesamten Kriegsopfer im 20. Jahrhundert etwa 4% der Einwohnerzahl im Jahre 2000 betrug. Ganz schön viel.

Aber lange nicht so viel wie im 17. Jahrhundert. Dieses war so gesehen das gewalttätigste Jahrhundert für Europa. In keinem anderen Jahrhundert war die Wahrscheinlichkeit in einem Krieg zu sterben so hoch wie damals.

Wenn wir uns den gesamten Trendverlauf ansehen, scheint das 17. Jahrhundert jedoch auch ein Ausreißer zu sein. Im Allgemeinen steigt die Kurve an. Mit fortschreitender Zeit stirbt ein immer größerer Anteil der Bevölkerung durch Kriege.

Heftigere Kriege

Wir haben jetzt gesehen, dass es mit der Zeit immer weniger Kriege in Europa gibt, aber gleichzeitig ein immer größerer Anteil der Bevölkerung durch Kriege stirbt.

Die offensichtliche Folgerung ist, dass Kriege mit der Zeit im Durchschnitt immer mehr Todesopfer fordern.

Der Vollständigkeit halber zeige ich euch genau diese Größe noch einmal in Abbildung 4. Für jedes Jahrhundert ist dort die absolute Anzahl der Todesopfer dargestellt, die ein Krieg damals im Durchschnitt gefordert hat.

Abbildung 4: Die durchschnittliche Anzahl der Kriegstoten in Europa pro Krieg, je Jahrhundert, vom 10. bis um 20. Jahrhundert.

Wie erwartet steigt die Kurve rasant an. Mit fortschreitender Zeit fordert ein einzelner Krieg immer mehr tote. Relativ zur Bevölkerung gesehen sieht der Trend wieder ähnlich aus.

Wie allgemein ist dieser Trend?

Gerne würden wir einen ähnlichen Trend für einen längeren Zeitraum und andere Weltregionen zeigen. Aber wie gesagt, die Datenlage ist dort schlechter.

Können wir vielleicht auch so etwas darüber aussagen, wie diese Trends aussehen?

Ich denke schon.

Lass uns zu diesem Zweck Krieg einmal sehr allgemein definieren. Ich sage, ein Krieg ist ein Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Personen, von denen mindestens eine Gewalt einsetzt, um einer anderen Person körperlichen Schaden zuzufügen.

Dann ist es auch ein Krieg wenn ich meinen kleinen Bruder verkloppe um ihm die Fernbedienung wegzunehmen (habe ich natürlich nie gemacht 😉 ).

So gesehen ist die Natur voll von Kriegen. Ein Löwe, der eine Gazelle jagt, ist genauso ein kleiner Krieg wie auch ein Revierkampf zwischen zwei Wolfsrudeln.

In diesen Kriegen gibt es nur eben wenige Teilnehmer und meistens enden sie mit sehr wenigen toten (Löwen sind tatsächlich nicht sehr oft erfolgreich bei ihrer Jagd).

Ihr seht schon, wohin es führt. Wir hatten gesehen, dass je weiter wir in die Vergangenheit reisten, Kriege immer häufiger und wenige heftig wurden. Was ich gerade beschreibe ist so gesehen nur der Extremfall unseres Trends.

Jagden und sonstiges Messen finden in der Tierwelt andauernd statt und häufig tragen beide Parteien nur leichte Verletzungen davon. Denn entgegen der landläufigen Meinung sind die meisten Jäger sehr risikoavers und scheuen ernste Kämpfe. Schwerwiegende Verletzungen würden schließlich dazu führen, dass sie in Zukunft nicht mehr effizient jagen können, was ihren sicheren Tod bedeuten würde.

Von Affen und Atomwaffen

Wie gesagt sind Daten für die Frühgeschichte rar. Eine statistische Analyse können wir daher nicht durchführen. Eine beschreibende aber sehr wohl.

Und das machen wir in den folgenden drei Abschnitten.

Affen

Der Gombe National Park in Tansania ist wunderschön. Das dichte Grün bietet allen Bewohnern des Dschungels Nahrung und Schutz vor der prallen Sonne. Zu den Bewohnern dieses Paradieses gehört auch eine ganze Menge Schimpansen.

Und vor 35 Jahren auch ein paar Menschen. Denn damals war der Gombe noch kein Nationalpark und beherbergte ein Forschungszentrum, das Gombe Stream Research Centre.

Die Direktorin dieses Forschungszentrums war Jane Goodall. Als waschechter Hippie glaubte sie daran, dass Tiere, und insbesondere ihre geliebten Schimpansen, friedliche Wesen seien und nur der Mensch Gewalt, Krieg und Verderben in die Welt trage.

Doch am 22. Januar 1974 begann er, der Gombe Schimpansenkrieg. Mehr als vier Jahre sollte er dauern und viele Schimpansenleben kosten. Ihr glaubt mir nicht? Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel darüber: hier klicken.

Jane musste nun also mit ansehen wie sich ihre Schützlinge gegenseitig zerfleischten. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Tagebuch niedergeschrieben und später veröffentlicht.

Ich übersetze:

Ich habe viele Jahre gebraucht, um mein neues Wissen verdauen zu können. Oft, wenn ich in der Nacht aufwachte, kamen mir grausame Bilder in den Sinn. Satan (einer der Affen), der mit seiner Hand eine Wunde direkt unter dem Kinn von Sniff aufdrückt, um sein Blut trinken zu können. Der alte Rodolf, der sonst immer so liebevoll war, aufrecht stehend, um einen riesigen Stein auf Godi zu werfen, der mit dem Gesicht nach unten auf der Erde liegt. Jomeo, der Dé die Haut von den Oberschenkeln reißt. Figan, der immer und immer wieder auf den verwundeten, zitternden Körper von Goliath einschlägt, obwohl dieser sein Idol aus Kindheitstagen gewesen war.

Andere Forscher glaubten ihr nicht, als sie von den Vorfällen berichtete. Damals ging man davon aus, Menschen seien die einzige Spezies die Kriege führen würde.

Einige Forscher behaupteten schließlich, Jane hätte die Schimpansen zum Krieg aufgestachelt. Schon verrückt auf was für Ideen Menschen kommen, um ihre Grundannahmen nicht verwerfen zu müssen.

Spätere Untersuchungen ergaben aber, dass ihre Beobachtungen keineswegs ungewöhnlich waren. Krieg ist unter Schimpansen (und anderen Affen) weit verbreitet.

Typischerweise tragen die Männchen verschiedener Gruppen (die meist nur 5-20 Tiere umfassen) gewaltsame Kämpfe aus. Die siegreiche Gruppe bekommt entweder das Revier oder die Weibchen (oder beides) der Verlierer.

Anthropologen haben festgestellt, dass es diesbezüglich erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen Schimpansengruppen und Gangs gibt (hier mehr dazu).

Wie euch vielleicht aufgefallen ist, passt dieser Befund perfekt in unsere Theorie. Um herauszufinden, wie Krieg bei Affen aussieht hätten wir einfach den Trend extrapoliert. Die Vorhersage ist, dass Kriege bei Affen häufig sind aber relativ wenige Opfer fordern. Diese Vorhersagen werden von der Evidenz bestätigt.

Naturvölker

Unsere affenähnlichen Vorfahren weihen nun wirklich sehr lange nicht mehr unter uns. Wie sieht es mit weniger weit entfernten Vorfahren aus?

Naturvölker gibt es noch immer. Nehmen wir mal an, dass unsere Naturvölkervorfahren ähnlich gelebt haben, wie heute noch existierende Naturvölker. Dann können wir aus dem Verhalten heute existierender Naturvölker Rückschlüsse auf unsere eigene Vergangenheit ziehen.

In der Tat passen die Befunde perfekt in unsere Theorie. Die Wissenschaftler Douglas Fry und Patrik Söderberg haben untersucht wie häufig und heftig Kriege in Naturvölkern sind. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass kleine Akte von Gewalt sehr häufig sind, größere Kriege mit vielen Toten jedoch nicht.

Atomwaffen

Nun haben wir gerade die Trends in die Vergangenheit extrapoliert. Was passiert, wenn wir in die Zukunft extrapolieren? Da würden wir erwarten, dass Kriege sehr selten sind, aber dafür extrem zerstörerisch, falls sie doch stattfinden.

Na, klingelts?

Der kalte Krieg ist kalt geblieben, obwohl sich zwei feindlich gesonnenen Mächte für 45 Jahre gegenüberstanden. In der Vergangenheit wäre der Krieg vermutlich heiß geworden. Doch diesmal gab es ein Gleichgewicht des Schreckens, in dem beide Parteien vor einem Angriff zurückschreckten, denn sie fürchteten die totale Vernichtung.

So hatten wir keinen einzigen wirklichen Krieg zwischen Großmächten, wo wir früher mehrere gehabt hätten. Doch keinesfalls kann man davon ausgehen, dass das Gleichgewicht des Schreckens immer ein Gleichgewicht bleiben wird. Es gab einige Momente im Kalten Krieg, an dem dieser ganz schön warm geworden ist (z.B. die Kuba-Krise).

Wenn sich in Zukunft andere Atommächte messen, kann der Konflikt nach wie vor eskalieren. Und falls das passiert, wird die Anzahl der Toten alles Bekannte in den Schatten stellen.

Wenn wir in die Zukunft schauen, scheint unsere Theorie also auch Sinn zu ergeben.

Wieso?

Wir haben zwei Mega-Trends beobachtet. 1) Kriege in Europa werden immer seltener. 2) Kriege in Europa werden immer heftiger.

Aber warum ist das so?

Ich werde nun ein paar potentielle Erklärungen darstellen. Welche findet ihr am plausibelsten? Oder denkt ihr, ich habe etwas vergessen? Schreibt es doch gerne in die Kommentare. 🙂

Die ersten zwei Erklärungen sind eng miteinander verbunden.

Einerseits haben Menschen mit der Zeit immer bessere Waffen entwickelt und mit denen kann man mehr Menschen töten. Auf der anderen Seite wurden auch bessere Verteidigungswerkzeuge erfunden, doch vermutlich überwiegt der Waffeneffekt. Gegen manche Waffen, wie Interkontinentalraketen, kann man sich schlecht verteidigen.

Durch diese erhöhte Letalität steigt direkt die Heftigkeit des Krieges. Entscheidungsträger wissen um diese erhöhte Heftigkeit, wenn sie sich überlegen, ob sie einen Krieg beginnen wollen. Daher sind sie vorsichtiger und starten Kriege seltener. Somit erklärt die Theorie auch, warum Kriege immer seltener vorkommen.

Dies erklärt auch, wieso Tiere häufiger „Kriege“ führen und wieso diese weniger heftig sind. Die wenigsten Tiere kämpfen mit Waffen (Affen schleudern höchstens ziellos ein paar Steine, oder Kot).

Andererseits gibt es mit fortschreitender Zeit auch weniger Staaten. Die meiste Gewalt der Geschichte wurde von Staaten ausgeübt. Wenn deren Anzahl schrumpft, verteilt sich die Weltbevölkerung auf immer weniger Gruppen.

Wenn nun zwei Gruppen in einen Konflikt geraten, ist also automatisch ein größerer Anteil der Weltbevölkerung betroffen.

Auch dies erklärt zusätzlich, wieso es so viele lasche Kriege im Tierreich gibt. Die wenigsten Tierarten bilden große Gruppen.

Ein dritter Grund, der uns eingefallen ist, ist, dass mit der Zeit Entscheidungsträger immer weniger in direkte Kampfhandlungen eingebunden wurden. In vielen Naturvölkern war es üblich, dass der Anführer im Krieg mitkämpfte. Selbst im Mittelalter war der König oder Kaiser meist selbst auf dem Schlachtfeld. Einige, wie Richard Löwenherz, kämpften persönlich an vorderster Front.

Doch mit der Zeit änderte sich dies. Das letzte europäische Staatsoberhaupt, dass in einer Schlacht starb, war der schwedische König Gustav II. Adolf. Dieser fiel übrigens im Zuge des dreißigjährigen Krieges in Deutschland ein und wurde im November 1632 bei Lützen in einer Schlacht gegen ein kaiserliches Heer getötet.

Wenn man weiß, dass man selbst an vorderster Front kämpfen muss überlegt man es sich natürlich zweimal, ob man einen Krieg anfängt. Dies kann zumindest erklären, wieso Kriege mit der Zeit immer seltener werden.

Punchline

Richtet euch darauf ein, dass es in Zukunft weniger Kriege geben wird, die dafür aber umso heftiger sind.

Quellen

Brecke, Peter. „Violent conflicts 1400 AD to the present in different regions of the world.“ 1999 Meeting of the Peace Science Society. 1999.

Fry, Douglas P., and Patrik Söderberg. „Lethal aggression in mobile forager bands and implications for the origins of war.“ Science 341.6143 (2013): 270-273.

Lincoln Park Zoo. „Nature of war: Chimps inherently violent; Study disproves theory that ‚chimpanzee wars‘ are sparked by human influence.“ ScienceDaily. ScienceDaily, 17 September 2014.

Wrangham, Richard W., and Michael L. Wilson. „Collective violence: comparisons between youths and chimpanzees.“ Annals of the New York Academy of Sciences 1036.1 (2004): 233-256.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Die Kosaken und der Sultan

Wir schreiben das Jahr 1676.

Der dänische Astronom Ole Rømer stellt der Pariser Académie des sciences seine These vor, dass die Lichtgeschwindigkeit eine endliche Größe sei. Antoni van Leeuwenhoek beobachtet als erster Bakterien in Gewässern und im menschlichen Speichel. Und in Hamburg wird die Feuerkasse gegründet, die älteste bestehende Versicherung der Welt.

Doch obwohl all diese bahnbrechenden Ereignisse in Europa stattfinden, hat das Abendland machtpolitisch zu dieser Zeit eher wenig zu melden.

Das Osmanische Reich

Seht euch mal diese Karte an. Dort seht ihr den mächtigsten Staat der „westlichen“ Welt zu dieser Zeit, Erdogans feuchten Traum: das Osmanische Reich.

Die Grenzen des Osmanischen Reiches im Zeitverlauf.

Wie ihr sehen könnt, hatten es sich die Vorfahren unserer Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund auf die Fahne geschrieben ihre Landesgrenzen auszudehnen. Im Jahre 1300 war das Osmanische Reich noch deutlich kleiner als die Türkei heute, wurde aber immer größer.

Im 16. Jahrhundert dehnte es sich dann rasant aus. Gebiete in Afrika, Asien und Europa wurden gleichermaßen erobert. So wurden etwa der gesamte Balkan, Griechenland und Ungarn türkisch. Im 17. Jahrhundert kamen dann noch ein paar weitere Gebiete in Asien und Afrika dazu.

Der oberste Herrscher des osmanischen Reiches war der Sultan, der damals wohl mächtigste Mann in Europa und Vorderasien.

Im Jahre 1676 gelang den Kosaken jedoch ein überraschender Sieg über das osmanische Heer.

Kosaken? Wer sind die denn?

Die Kosaken

Die Geschichte der Kosaken ist unklar und es ranken sich verschiedene Legenden um ihre Herkunft.

Einige nehmen an, sie seien die Nachkommen der Kumanen, eines Volkes, welches schon in der Antike in Osteuropa siedelte. Andere wiederum gehen davon aus, dass es sich bei den Kosaken ursprünglich um Bauern und Leibeigene handelte, die von ihren Herren in Zeiten schlechter Ernten und Hungersnöten vertrieben wurden und nun auf sich selbst gestellt waren.

Wo auch immer die Ursprünge dieser Reiterverbände liegen – die Kosaken waren spätestens ab dem 17. Jahrhundert eine Macht, mit der man als Herrscher im osteuropäischen Raum rechnen musste.

Der Kosake Iwan Bolotnikow, der seine Karriere als Leibeigener und Sklave auf einer osmanischen Galeere begann, führte zwischen 1606 und 1607 einen der größten Aufstände in der russischen Geschichte an.

Bogdan Chmielnickij führte in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Armee aus Kosaken, Bauern und Tataren an und versetzte so die polnisch-litauische Adelsrepublik in Angst und Schrecken. Hundert Jahre später lieferte sich der Kosake Emeljan Pugačev einen erbitterten Kampf um die Herrschaft im russischen Reich mit Katharina der Großen.

Professionelle Diplomatie

Ende des 17. Jahrhunderts gerieten auch die Osmanen mit den Saporoger Kosaken aneinander. Der Sultan, Mehmet IV wollte den Konflikt auf diplomatischem Wege lösen. So schickte er den Kosaken einen Brief, dessen Inhalt für sich spricht:

Ich, Sultan und Herr der Hohen Pforte, Sohn Mohammeds, Bruder der Sonne und des Mondes, Enkel und Statthalter Gottes auf Erden, Beherrscher der Königreiche Mazedonien, Babylon, Jerusalem, des Großen und Kleinen Ägyptens, König der Könige, Herr der Herren, unvergleichbarer Ritter, unbesiegbarer Feldherr, Hoffnung und Trost der Muslime, Schrecken und großer Beschützer der Christen, befehle euch, Saporoger Kosaken, freiwillig und ohne jeglichen Widerstand aufzugeben und mein Reich nicht länger durch eure Überfälle zu stören.

Sultan Mehmed IV

Stell euch vor ihr haltet so einen Brief in euren Händen? Der mächtigste Mann der euch bekannten Welt fordert euch zur Unterwerfung auf?

Wir zeigen euch jetzt, wie man mit einer so schwierigen Situation umgeht. Die Kosaken waren Meister der Diplomatie. Und all ihre Kenntnisse, gepaart mit viel Arbeit und langem Abwägen über die optimale Formulierung, haben als Ergebnis einen ganz besonderen Brief hervorgebracht.

Die Kosaken in diplomatischer Mission. (Gemälde von Ilja Repin, 1891)

Hier das besagte Schriftstück:

Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, das frisst du samt deinen Scharen. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tartarischer Geisbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr beim Fürsten und wir haben den gleichen Tag wie du. Deshalb küss unseren Hintern!

Unterschrieben:
Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken.

Das Nachspiel

Wie ihr an der oben Dargestellten Karte sehen könnt, hatte das Osmanische Reich zu diesem Zeitpunkt seine größte Ausdehnung erreicht.

Im Jahre 1683 wurde das osmanische Heer vor Wien geschlagen. Zwei Jahre zuvor endete auch der Krieg mit Russland, in dem die Saporoger Kosaken auf russischer Seite gekämpft hatten.

In den folgenden Jahrhunderten verlor das Reich immer mehr Gebiete bis schließlich nur noch das Gebiet der heutigen Türkei übrig blieb.

Sultan Mehmed IV wurde übrigens später entmachtet und gefangen gesetzt. Er ging als Sultan in die Geschichte ein, dem die Jagd wichtiger war als die Staatsgeschäfte.

Was unsere Kosaken angeht: ihr Anführer Ivan Sirko ging als Held in die ukrainische Folklore ein. Bis heute ist sein Name dort weit bekannt.

Wie du siehst, sind die Kosaken ganz schön harte Burschen gewesen. Die Geschichte eines ganz besonderen Exemplars, Iwan Bolotnikow, findest du hier.

Quellen

Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief. In: Wikipedia (aufgerufen am 15.1.2021)

I. Bernard Cohen: Roemer and the first determination of the velocity of light (1676). In: Isis. 31, 1940, S. 327–379.

Robert D. Huerta: Giants of Delft: Johannes Vermeer and the natural philosophers; the parallel search for knowledge during the age of discovery. Bucknell University Press, Lewisburg, Pa., U.S.A. 2003, ISBN 0-8387-5538-0.

Robert Waissenberger: Europa und die Entscheidung an der Donau 1683 Salzburg, Wien 1982.

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Ein-Mann-Armee

Stellt euch vor ihr sitzt nach einer langen Wanderung mit euren Freunden auf einer Wiese. Der Herbst hat schon eingesetzt, doch die Sonne hat sich an diesem Tag noch einmal hervorgewagt.

Ihr habt eure Sachen ausgezogen, die Augen geschlossen und liegt im saftigen Grün, während die Sonne eure Haut wärmt.

Ach, wie gut diese Erholung nach der langen Wanderung tut.

Das muss sich am 25. September 1066 auch ein Wikinger mit unbekanntem Namen gedacht haben. Unter der Führung des mächtigen Königs von Norwegen war er mit nach England gekommen.

Dort war nämlich der alte König gestorben und es gab Erbstreitigkeiten. Der Zweitgeborene des alten englischen Königs wollte nicht mit ansehen, wie sein älterer Bruder den Thron für sich beanspruchte.

Das könnt ihr vielleicht nachvollziehen, wenn ihr Geschwister habt. Hattet ihr nicht auch schon irgendwann einmal das Gefühl, dass eure Geschwister bevorzugt werden?

Und was macht man in so einer Situation?

Richtig.

Krieg erklären!

Das kennt man noch aus dem Sandkasten.

Der jüngere Sohn des englischen Königs hatte den norwegischen König um Hilfe gebeten um seinen älteren Bruder um die Ecke zu bringen. Und weil in England einzufallen im Jahre 1066 sowieso schon Tradition bei den Wikingern war, sagten die Norweger zu.

Du kannst nicht vorbei!

Die Wikinger hatten ihre erste Schlacht in England bereits vor wenigen Tagen gewonnen. Sie schlugen in Yorkshire, unweit eines Flusses mit nur einer kleinen Brücke, ihr Lager auf.

Nun war geplant sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen, mit viel Met und gutem Essen.

Soweit der Plan…

… der anscheinend ohne den rechtmäßigen englischen Thronfolger gemacht wurde (der, den sie umbringen wollten).

Er war nämlich mit seinen Truppen in Eilmärschen vorgerückt, um die Norweger zu überraschen. Und das gelang ihm. Die meisten Wikinger hatten ihre Waffen nicht bei sich als die Engländer schon in Sichtweite waren und nur noch den Fluss überqueren mussten, um zu ihnen zu gelangen. Darüber hinaus waren die Norweger betrunken, und zerstreut.

Eigentlich waren die Wikinger den Engländern überlegen, auch zahlenmäßig. Doch so verteilt wie sie nun waren, wäre es ein leichtes für die englische Streitmacht gewesen sie einen nach dem anderen nieder zu machen.

Die Norweger brauchten also Zeit, um sich zu organisieren.

Und die sollte ihnen unser Held verschaffen.

Der norwegische König persönlich beauftragte ihn damit die englische Streitmacht so lange aufzuhalten wie möglich.

Ja, ihn alleine.

Auch ein geiler Auftrag für einen Soldaten. Ich würde mal gerne sehen was passiert, wenn ein General der Bundeswehr das von einem Bundeswehrsoldaten verlangt.

Wie gesagt, wir wissen fast nichts über unseren Helden, aber anscheinend schien er einen ganz guten Ruf als Kämpfer gehabt zu haben.

Aus englischen Überlieferungen wissen wir jedenfalls, dass er die Brücke, die die Armee überqueren musste, gerade noch vor dieser erreichte. Dort stand er mit einer großen Axt in den Händen und weigerte sich störrisch die Engländer vorbei zu lassen.

Gandalf wäre stolz auf ihn gewesen.

Der namenlose Wikinger weigert sich die Engländer die Brücke überqueren zu lassen.

Du und welche Armee?

Stellt euch vor ihr seid ein erfahrener englischer Soldat, Teil der königlichen Armee. Ihr marschiert seit Tagen im Eiltempo, um die Feinde zu überraschen. Es geht um die Zukunft Englands.

Dann habt ihr die Feinde fast erreicht, ihr hört sie schon grölen. Sie bemerken euch und ihr hört die Angst in ihren Stimmen. Euer Gebieter hebt schon sein Schwert und ist dabei den Angriffsbefehl zu geben.

Und dann steht da ein halbnackter Typ mit Axt vor der Armee und will euch nicht vorbeilassen.

Das muss den Engländern zunächst lächerlich vorgekommen sein.

Zunächst!

Doch irgendwie war es dann tatsächlich gar nicht so leicht an ihm vorbei zu kommen. Einschüchtern ließ er sich nicht. Die ersten, die versuchten die Brücke zu überqueren, erschlug er. Und die, die ihn töten wollten, legte er auch um.

Und nach einiger Zeit erschwerten Duzende englische Leichen die Überquerung der Brücke noch weiter.

Aus einer lächerlichen Verzweiflungstat war auf einmal ein geniales Manöver geworden. Denn während die Ein-Mann-Armee das englische Heer in Schach hielt, formierte sich der Rest der Norweger langsam, aber sicher.

Der einzelne Wikinger hatte sage und schreibe 42 Engländer getötet und viele weitere schwer verletzt als es das Inselfolk aufgab mit fairen Mitteln gegen den Nordmann vorzugehen. Ein Engländer war während des Kampfes still und heimlich mit einem kleinen Boot und einem langen Speer zur Brücke gepaddelt.

In einem günstigen Moment stach der feige Engländer zu und verwundete den Wikinger so schwer, dass der Rest der Armee ihn schließlich überwältigen konnte.

Die Auswirkungen

Aus Sicht der Engländer hätte diese Aktion keine Sekunde länger dauern dürfen. Die Norweger hatten sich noch nicht vollständig formiert und viele Nordmänner waren sogar noch unbewaffnet.

Die Engländer überquerten die Brücke also so schnell wie möglich und griffen ohne Umschweife an.

Tatsächlich schlugen sie die als unbesiegbar betrachteten Norweger an diesem Tag vernichtend. Nur circa 10 Prozent der Norweger schafften es zurück nach Norwegen. Selbst ihr König, der heute als letzter wahrer Wikinger bezeichnet wird, starb. Ein Pfeil streckte ihn nieder.

Ironischerweise brachte den Engländern dieser heroische Sieg herzlich wenig. Fast zeitgleich zum Einfall der Norweger im Norden Englands war nämlich ein Heer der Normannen aus Frankreich im Süden Englands eingefallen.

Den Engländern blieb also keine Zeit sich auszuruhen. Nach ihrem Sieg eilten Sie, um die Normannen aufzuhalten…

… und wurden ihrerseits vernichtend geschlagen.

Tatsächlich eroberten die Normannen England. Und bis zu diesem Tag sind sie auch die letzte ausländische Macht geblieben die erfolgreich in Britannien einfallen konnte.

Was unseren Helden anbelangt. Nun, die Engländer ließen ihn keineswegs auf der Brücke vergammeln. Bevor die Normannen England eroberten, bestatteten die Engländer den Wikinger ehrenhaft, wie es einem großen Krieger gebührt.

In ihren Aufzeichnungen wurde seine Heldentat schließlich verewigt und so konnte ich euch heute etwas über ihn erzählen.

„Ein ziemlich krasser Draufgänger“ denkt ihr euch jetzt bestimmt.

Wenn euch solche Typen faszinieren, dann hab ich hie noch einen anderen Artikel, der euch sicher interessieren wird: Der Brief der seinen Schöpfer tötete.

Quellen

Marren, Peter. 1066: The Battles of York, Stamford Bridge & Hastings. Grub Street Publishers, 2004.

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