„Gnauthi seauton“, „nosce te ipsum“ oder einfach „kenne dich selbst“. Ob als Inschrift des Apollontempels in Delphi, als Gedicht von Novalis oder als Grundpfeiler der stoischen Philosophie – diese Aufforderung wird wohl jeder schon einmal gelesen oder gehört haben. Mit diesem Satz konfrontiert, stellen wir uns unwillkürlich die Frage, ob und wenn ja, wie gut wir uns eigentlich selbst kennen. Und was noch viel wichtiger ist: wie können wir uns selbst besser kennen lernen?
Diese Fragen beschäftigen die Menschen (nicht nur) in Europa schon seit tausenden von Jahren. Die meisten Versuche sie zu beantworten basierten auf Meditation, Introspektion und Isolation vom Rest der Gesellschaft. Aktuelle Forschung legt jedoch nahe, dass diese „klassischen“ Methoden zur Selbsterforschung keine akkuraten Antworten liefern können.
Was wissen wir über uns?
Wir alle tendieren dazu zu glauben mehr über uns zu wissen als alle anderen. Und tatsächlich gibt es auch gute Gründe dies anzunehmen. Niemand sonst hat Zugriff auf so viele Informationen über uns wie wir selbst. In einer Studie hat ein Forscherteam rund um Emily Pronin allerdings zeigen können, wie unzuverlässig Selbsteinschätzungen sein können.
45 College-WG-Paare (also insgesamt 90 Studenten) sollten im Wesentlichen folgende 4 Fragen beantworten:
- Wie gut kenne ich mich selbst?
- Wie gut kenne ich meinen Mitbewohner?
- Wie gut kennt mich mein Mitbewohner?
- Wie gut kennt sich mein Mitbewohner selbst?
Die Ergebnisse der Untersuchung lauteten wie folgt:
- Die Teilnehmer gaben an sich selbst besser zu kennen als ihr Mitbewohner.
- Die Teilnehmer gaben an ihren Mitbewohner besser zu kennen als dieser sie kennt.
Und diese Ergebnisse sind gut nachvollziehbar. Habt ihr nicht auch oft das Gefühl ihr wisst ziemlich genau, was jemand meint oder will, aber was ihr eigentlich sagen wollt versteht keiner?
Auf die Gründe wieso genau wir so denken gehen wir hier nicht näher ein. Für unsere Zwecke reicht zunächst die Feststellung, dass wir dazu neigen uns selbst mehr Wissen zuzuschreiben als anderen. Es ist klar, dass das schnell zu Selbstüberschätzung führen kann.
Und genau hier liegt das Problem.
Unser Wissen über uns selbst ist nämlich alles andere als perfekt und es schleichen sich immer wieder Fehler in unsere Selbsteinschätzung ein. Aber wie können wir diese Fehler vermeiden?
Der Game-Changer
Der Game-Changer ist, das Wissen anderer über uns selbst zu nutzen. Das Wissen anderer? „Was sollen die schon groß über mich wissen?“ wird sich jetzt sicher der ein oder andere fragen. Wie sollen andere denn auch ohne Zugriff auf alle unsere Gedanken und Emotionen eine Idee unseres „selbst“ bekommen? Wie wir weiter oben gesehen haben, ist das ein ganz natürlicher Gedanke.
Tja, ihr erinnert euch sicherlich. Wie so häufig ist dieser intuitive Gedanke falsch. Tatsächlich kennen uns Leute aus unserem Umfeld oft erstaunlich gut. Manchmal eben sogar besser als wir selbst.
Das zeigt eine Studie von Simine Vazire aus dem Jahre 2010.
Im Rahmen der Studie wurden 165 Studenten in Fünfergruppen aus Freunden eingeteilt. Unter anderem wurden die Teilnehmer gebeten sich und die anderen Mitglieder ihrer Gruppe in Bezug auf verschiedene Eigenschaften zu bewerten. Zum Beispiel sollten sie angeben wie ängstlich, dominant, gesprächig, kreativ oder intelligent sie selbst und ihre Gruppenmitglieder sind.
Anschließend wurden validierte Maße genutzt, um die Eigenschaften der Teilnehmer objektiv zu messen. Die Angaben der Studenten wurden mit den Ergebnissen dieser Tests korreliert.
Wichtig ist hier zu beachten, dass nur getestet wurde ob intelligente Menschen auch als intelligent eingeschätzt werden, nicht aber wie genau z.B. IQ-Werte oder G-Faktoren geschätzt werden.
Die folgende Graphik zeigt die Korrelationskoeffizienten der Angaben der Studienteilnehmer (höhere Werte stehen für eine höhere Übereinstimmung zwischen Angabe und objektiver Messung):

Ganz links sehen wir die Bereiche, die kaum beobachtbar und nicht besonders evaluativ sind. Dazu zählen vor allem von Gefühlen geprägte Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Optimismus etc. Wie wir sehen, schneiden die Selbsteinschätzungen hier deutlich besser ab als die Einschätzungen der Freunde.
In der Mitte sehen wir die Bereiche, die einem Beobachter sofort ins Auge fallen, also sehr leicht zu beobachten sind, aber nicht sehr evaluativ sind. Unter diese fallen Eigenschaften wie Gesprächigkeit oder Schweigsamkeit.
Die Spalte ganz rechts zeigt die Bereiche die nur schwer zu beobachten und sehr evaluativ sind. Dazu zählt z.B. auch die Intelligenz.
Erstaunlicherweise schneiden hier die Bewertungen von Freunden deutlich besser ab als die Selbsteinschätzung. Interessant oder nicht? Das heißt im Klartext, wenn all eure Freunde (wenn man sie dann überhaupt noch Freunde nennen kann) euch nicht für besonders intelligent halten, ihr euch selbst aber schon, könnt ihr eure Karriere als Harvard Professor trotzdem an den Nagel hängen.
Wenn wir ein genaues und umfangreiches Profil unserer Persönlichkeit erstellen wollen, sind wir auf die Hilfe anderer Personen angewiesen. Introspektive Ansätze zur Selbsterforschung sind schlichtweg nicht ausreichend, um valide Ergebnisse zu liefern.
Fazit
Schön und gut, aber wie erhält man nun ein besseres Bild der eigenen Persönlichkeit? Ok, man benötigt ehrliches Feedback. Aber wie soll man es bekommen? Ich denke hier muss jeder eigene Strategien finden seine Freunde und Bekannten dazu zu bewegen ehrliche Einschätzung über seine Persönlichkeit zu geben. Und wahrscheinlich sollte man sich auch genau überlegen, ob man das auch wirklich will.
Eine mögliche Lösung, die nicht allzu sehr auf aktiver Mitarbeit anderer Personen beruht schlagen Simine Vazire und Erika Carlson vor:
Um eine bessere Vorstellung seiner eigenen Persönlichkeit zu bekommen solle man versuchen sich in die Menschen, die einem nahestehen hineinzuversetzen und sich selbst aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Forschungen haben gezeigt, dass wir ziemlich gut einschätzen können, wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden. Wir nutzen dieses Wissen allerdings nur sehr selten, wenn es darum geht aussagen über uns selbst zu treffen.
Vazire und Carlson schlagen deshalb vor uns bei der Suche nach uns selbst auf unsere Eindrücke der Eindrücke, die wir auf andere machen zu konzentrieren.
Mein ganz persönliches Fazit lautet allerdings wie folgt:
Wenn wir das nächste Mal das Gefühl haben uns selbst nicht richtig zu kennen und etwas daran ändern zu müssen, sollten wir die Meditation links liegen lassen und uns mit ein paar guten Freunden auf ein Bier und eine offene Konversation verabreden 😉
Quellen
Vazire, Simine, and Erika N. Carlson. „Others sometimes know us better than we know ourselves.“ Current Directions in Psychological Science 20.2 (2011): 104-108.
Pronin, Emily, et al. „You don’t know me, but I know you: The illusion of asymmetric insight.“ Journal of Personality and Social Psychology 81.4 (2001): 639.
Wilson, Timothy D. „Know thyself.“ Perspectives on Psychological Science 4.4 (2009): 384-389.
