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Allgemein Weit verbreitete Irrtümer

Was für eine Einwanderungspolitik wünschen sich die Deutschen?

Worum es hier geht

Einwanderung nach Deutschland ist ein häufig diskutiertes Thema. Und angesichts der stetig wachsenden Bevölkerung Afrikas bei stetig geringem Wohlstand dort wird dies auch noch lange der Fall sein. Bei diesen Diskussionen diskutieren aber vor allem Politiker und Journalisten. Die Meinung der Bevölkerung wird selten erfragt.

Was denken die Deutschen über Einwanderung? Wie rational sind ihre Wünsche? Diese zwei Leitfragen liegen dem folgenden Artikel zu Grunde. Natürlich sind diese beiden Fragen viel zu groß, um in einem kurzen Artikel umfangreich beantwortet werden zu können. Stattdessen werde ich mich auf einen bestimmten Teilaspekt beschränken: den Unterschied zwischen Asylmigration und Immigration außerhalb des Asylsystems.

Im Folgenden werde ich vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung erst einen sehr kurzen Überblick über die Einwanderung nach Deutschland geben und die derzeitige deutsche Einwanderungsdebatte darin einordnen und anschließend die Wünsche der Bevölkerung darstellen.

Eine sehr kurze Geschichte der Einwanderung nach Deutschland

Einwanderung nach Deutschland hat es immer gegeben. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es verschiedene Einwanderungswellen, die sich zum Teil stark unterscheiden. In den 1950er, 60er und 70er Jahren kamen im Zuge des Wirtschaftswunders Millionen Gastarbeiter nach Deutschland. Diese stammten hauptsächlich aus Südeuropa und der Türkei. Diese Migranten kamen nach Deutschland, um hier zu arbeiten und Einreiseerlaubnisse waren auf die Bedürfnisse des deutschen Arbeitsmarktes angepasst. Diese Menschen kamen also, weil ihre Arbeitskraft benötigt wurde.

Später wurde eine ganz andere Form der Migration relevant: Asylmigration. Jeder Mensch hat das Recht in Deutschland Asyl zu beantragen. Dies bedeutet, Deutschland um Schutz vor Krieg oder Verfolgung zu bitten. Menschen das Asyl beantragen nennt man Asylbewerber. In der Praxis reisen solche Menschen zunächst meist ohne Einreiseerlaubnis nach Deutschland und erklären dort an einer offiziellen Stelle, dass sie Asyl beantragen möchten. Dann beginnt der Asylprozess in dem geprüft wird, ob sie wirklich vor Krieg oder Verfolgung geflüchtet sind, oder dies nur vorgeben. Denn jeder kann Asyl beantragen. Asylbewerber sind daher keinesfalls gleichzusetzen mit Flüchtlingen im rechtlichen Sinne. Als Flüchtlinge bezeichnet man Menschen, die tatsächlich vor Krieg oder Verfolgung fliehen, während Asylbewerber nur behaupten es zu tun.

In Folge der Jugoslawienkriege ab 1991 kamen viele Asylbewerber nach Deutschland. Schon damals gab es heftige Diskussionen um eine Verringerung der Migration. Eine rechtsextreme Partei, Die Republikaner, zogen erstmals in Landesparlamente in Baden-Württemberg und Berlin ein. Als Folge wurde das Asylgesetz abgeändert, um die Asylmigration stark zu reduzieren. Das hat ja super geklappt 😀

Natürlich stieg die Asylmigration in den kommenden Jahrzehnten noch einmal deutlich, anstatt zu sinken. Im Rahmen der sogenannten Flüchtlingskrise, die im Herbst 2015 begann, kamen mehr als 2 Millionen Asylbewerber nach Deutschland. Die meisten von ihnen befinden sich 2022 immer noch in Deutschland.

Die derzeitige Einwanderungsdebatte

Im Zuge dieser Krise zog die AfD 2017 als erste Partei rechts der CSU in den Bundestag ein und ist dort seitdem vertreten. Kontroverse Debatten über Zuwanderung (meist geht es um eine Reduzierung derselben) hatten zu dieser Zeit auch Hochkonjunktur. Doch in diesen Diskussionen kämpften meist Spitzenpolitiker der AfD mit solchen der übrigen Parteien und Journalisten gaben ihren Senf dazu. Eine Gruppe die relative wenig Beachtung fand ist die deutsche Bevölkerung. (Sicher, Aktionen und Meinungen von Organisationen wie PEGIDA waren in den Medien sehr salient. Doch Angehörige dieser Organisationen scheinen politisch nicht aus der Mitte der Bevölkerung zu kommen, sondern deutlich weiter rechts positioniert zu sein.)

Dies mag erstaunen. Wenn darüber diskutiert wird, wer Kanzlerkandidat werden soll, werden direkt Umfragen über die Beliebtheit aller Kandidaten zu Rate gezogen. Auch in vielen inhaltlichen Fragen hat sich die Regierung Merkel auf Umfragen mit repräsentativen Stichproben und damit auf die Meinung der Deutschen gestützt. Die Flüchtlingskrise war das erste Großereignis in dem sie gegen den Großteil der Deutschen regierte (Kurbjuweit 2021).

Denn es ist in der wissenschaftlichen Literatur zu Migrationspräferenzen bekannt, dass die meisten Europäer und die meisten Deutschen insbesondere sich eine Verringerung der Einwanderung wünschen. Dies war selbst vor 2015 der Fall (Dempster und Hargrave 2017; Hainmueller und Hopkins 2014).

In der Folge traf die Regierung Merkel dann aber viele Entscheidungen, durch die die Einwanderung erhöht, statt verringert wurde. Ein Beispiel ist die Aufnahme tausender sich in Ungarn befindlicher Asylbewerber zu Beginn der Krise, die Deutschland keinesfalls hätte aufnehmen müssen. Diese Aktion schürte Erwartungen unter vielen Menschen in Deutschland aufgenommen zu werden und stachelte so viele dazu an sich auf die Reise nach Deutschland zu begeben.

Wieso wird die Bevölkerung nicht gefragt?

Eine mögliche Begründung dafür gegen die Bevölkerung zu regieren ist die Idee, dass die Bevölkerung irrational handelt oder uninformiert ist, oder wenigstens weniger rational und unformatiert als die Kanzlerin. So wie Eltern sich häufig über die Entscheidungen ihrer Kinder hinwegsetzen, sollten Politiker nach dieser Logik die Meinung der Bevölkerung im Interesse derselben ignorieren. Das ist dann nicht böse gemeint, sondern nur ein Ausdruck von Fürsorge und Weitsicht.

Niemand geringerer als Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und deren erster Finanzminister, vertrat diese Ansicht. In seinen Worten:

The republican principle, does not require an unqualified complaisance to every sudden breeze of passion, or to every transient impulse which the people may receive from the arts of men, who flatter their prejudices to betray their interests.”

When occasions present themselves, in which the interests of the people are at variance with their inclinations, it is the duty of the persons whom they have appointed to be the guardians of those interests, to withstand the temporary delusion…. conduct of this kind has saved the people from very fatal consequences of their own mistakes, and procured …their gratitude to the men who had courage and magnanimity enough to serve them at the peril of their displeasure.

Quelle: Hamilton et al. (2009)

Aber, ist der Wunsch vieler Deutscher nach einer Verringerung der Einwanderungspolitik wirklich irrational? Im Folgenden wollen wir uns einmal genauer ansehen was für eine Einwanderungspolitik die Deutschen eigentlich wollen.

Was will die Bevölkerung?

Es ist bekannt, dass die meisten Europäer im Allgemeinen, und die meisten Deutschen im Besonderen, sich eine Verringerung der Einwanderung in Ihr Land wünschen. Aber ist Deutschland wegen der geringen Geburtenrate nicht auf Einwanderung angewiesen und hat es nicht stark durch Einwanderung von Fachkräften profitiert? Ist diese Meinung nicht folglich nicht irrational?

Ich denke sie ist nicht irrational. Und es ist recht leicht zu verstehen wieso. Dafür muss man nur ein kleines bisschen differenzierter an die Sache herangehen. Im öffentlichen Diskurs werden viel zu oft alle Einwanderer in einen Topf geworfen. Der Asylbewerber aus dem Kongo wird da auf einmal mit dem serbischen Arzt oder der französischen Austauschstudentin gemeinsam als Einwanderer betitelt. Dies verkennt, wie verschieden Einwanderer sind, und es führt zu Missverständnissen, wie wir jetzt sehen werden.

Die Rufe nach einer Verringerung der Einwanderung wurden in den 1990er Jahren und währen der jüngsten Flüchtlingskrise besonders laut. Beide Male ging es um eine bestimmte Art von Einwanderern; Asylbewerber. Auch Rechtspopulisten, wie etwa die AfD in Deutschland scheinen sich meistens auf Asylbewerber zu fokussieren, wenn sie Einwanderung thematisieren. Wie oben beschrieben unterscheiden sich Asylbewerber auch stark von anderen Einwanderern. Andere Einwanderer werden wenigstens teilweise nach ihren Qualifikationen ausgesucht. Bei Asylbewerbern findet so eine Auslese nicht statt. Dies lässt vermuten, dass sie weniger zur deutschen Gesellschaft beitragen können als anderer Einwanderer. Es ist also naheliegend eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern und anderen Einwanderern vorzunehmen.

Dies habe ich in einer Umfrage getan, die ich 2021 habe durchführen lassen. Alle Befragten haben online teilgenommen. Die Umfrage dauerte etwa 15 Minuten. Teilnehmen durften Volljähre mit deutscher Staatsangehörigkeit. Außerdem habe ich darauf geachtet, dass die Umfrage repräsentativ für die deutsche Gesamtbevölkerung bezüglich der Attribute Bildung, Alter, Geschlecht und Einkommen ist. Das heißt, dass etwa 51% der Teilnehmer Frauen waren, so wie auch etwa 51% der Deutschen über 18 weiblich sind. Entsprechend kann man meine Befunde auf die gesamtdeutsche Bevölkerung übertragen. Genau 2101 Menschen haben mir in dieser Umfrage eine Menge über ihre Einstellungen zum Thema Migration verraten. Wer weiß, vielleicht sind Sie ja einer dieser 2101!

Meinungen zu Asylbewerbern

Eine der Fragen lautete wie folgt:

Sollen in den kommenden Jahren mehr oder weniger Asylbewerber aufgenommen werden als in den vergangenen Jahren?

Die folgenden Antwortmöglichkeiten existierten: Viel weniger, Weniger, Ungefähr gleich viele, Etwas mehr, Mehr, Viel mehr. Schön symmetrisch 🙂 Wie hätten Sie geantwortet und wie denken Sie haben die Befragten reagiert?

Die Antwort auf letztere Frage sehen Sie in Abbildung 1. Diese Abbildung zeigt ein Histogramm. Auf der horizontalen Achse sind die gerade beschriebenen Antwortmöglichkeiten dargestellt. Die Höhe des grauen Balkens gibt an wie viel Prozent der Deutschen diese Antwortmöglichkeit gewählt haben. Gucken wir uns zum Beispiel den kleinen Balken ganz rechts an. Er sagt uns, dass nur etwa 2.5% der Befragten dafür sind, dass in Zukunft viel mehr Asylbewerber aufgenommen werden sollten. Der große Balken ganz links sagt uns, dass mehr als 25% dafür sind in Zukunft viel weniger Asylbewerber aufzunehmen.

Abbildung 1: Häufigkeitsverteilung gegebener Antworten auf die unten in der Abbildung dargestellte Frage. Auf der horizontalen Achse sind die sieben verschiedene Antwortmöglichkeiten auf die Frage dargestellt. Die Höhe der grauen Balken gibt den Anteil der Befragten an der diese Antwort gegeben hat.
Quelle: Eigene Darstellung basierend auf einer selbst durchgeführten Befragung von 2101 Deutschen im Jahre 2021.Abbildung 1: Histogramm der Antworten auf die unten dargestellte Frage.

Es zeigt, sich, dass sich ungefähr 56% eine Verringerung der Asylmigration wünscht. Knapp 30% sind dafür, ähnlich viele Asylbewerber wie zuvor aufzunehmen und nur etwa 16% präferieren eine vermehrte Aufnahme von Asylsuchenden. Also wünschen sich die Befragten, und somit auch die deutsche Bevölkerung, tendenziell das in Zukunft weniger Asylbewerber in Deutschland aufgenommen werden.

Dazu kommt, dass die Verringerungsbefürworter stärkere Präferenzen haben als die Erhöhungsbefürworter. Unter denen, die mehr Asylmigration fordern, wollen die meisten nur etwas mehr Asylmigration. Fast die Hälfte derjenigen, die sich weniger Aufnahme von Asylbewerber wünschen, fordern jedoch eine deutliche Verringerung. Die verstärkt noch einmal den Schluss, dass sich die Deutschen als Ganzes betrachtet eine verringerte Aufnahme von Asylbewerbern wünschen.

Des Weiteren zeigt sich, dass die deutsche Bevölkerung nicht stark polarisiert ist. Man hätte erwarten können zwei getrennte Lager vorzufinden. Ein großes Linkes Lager, welches eine Erhöhung fordert, ein rechtes Lager, welches eine Reduktion verlangt und zwischen diesen beiden Lagern, also bei „Ungefähr gleich viele“ nur eine geringe Anzahl an befragten. Dem ist nicht so. Wenn überhaupt scheint es ein Lager zu geben, welches die bisherige Aufnahmepolitik gutheißt und ein weiteres, welches eine deutliche Verringerung der Aufnahmen verlangt. Ein extremes Linkes Lager gibt es praktisch nicht. Und die Lager der Moderaten und Rechten sind durch viele Menschen verbunden, die eine Zwischenlösung fordern, also eine geringe bis moderate Verringerung der Aufnahmen. Alles in allem ist sich also ein Großteil der Bevölkerung einig über einen Wunsch nach einer Verringerung der Aufnahmen. Ein weiterer großer Teil findet dies übertrieben, ist dem aber auch nicht gänzlich abgeneigt.

Meinungen zu anderen Migranten

Nun gut, aber was denken die Deutschen über andere Einwanderer? Um das herauszufinden habe ich den Befragten erklärt, dass außerhalb des Asylsystems natürlich auch Einwanderung nach Deutschland stattfindet. Ich habe sie dann gefragt wie die Politik ihrer Meinung nach die Einwanderung dieser Gruppe in Zukunft beeinflussen sollte. Die Antwortmöglichkeiten waren die gleichen wie bei den Asylbewerbern und das Format der Frage war ebenfalls identisch.

Was denken Sie, wie haben die Deutschen nun geantwortet?

Das Ergebnis ist in Abbildung 2 erneut in Form eines Histogramms dargestellt. Wie man sehen kann, sieht es sehr anders aus als das letzte. Mehr als 40% der Befragten gaben an, dass das jetzige Einwanderungslevel in etwa beibehalten werden sollte. Auch hier gibt es Menschen, die unzufrieden mit der jetzigen Einwanderungspolitik sind. Allerdings sind es nun weniger. Noch wichtiger ist aber, dass es ähnlich viele Deutsche gibt, die einen Erhöhung dieser Einwanderung wollen wie Deutsche, die eine Verringerung befürworten. Das heißt, dass „der Durchschnittsdeutsche“ die Einwanderung außerhalb des Asylsystems weder merklich erhöhen noch reduzieren würde.

Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung gegebener Antworten auf die unten in der Abbildung dargestellte Frage. Auf der horizontalen Achse sind die sieben verschiedene Antwortmöglichkeiten auf die Frage dargestellt. Die Höhe der grauen Balken gibt den Anteil der Befragten an der diese Antwort gegeben hat.
Quelle: Eigene Darstellung basierend auf einer selbst durchgeführten Befragung von 2101 Deutschen im Jahre 2021.

Wir halten also fest: die Deutschen als Kollektiv wünschen sich eine Verringerung der Einwanderung von Asylbewerbern. Gleichzeitig, wünschen sie sich, dass die Einwanderung außerhalb des Asylsystems weder wesentlich erhöht noch verringert wird.

Was lernen wir daraus?

Die Einstellungen der Deutschen zum Thema Einwanderung sind differenzierter als häufig dargestellt. Die meisten von ihnen sind nicht pauschal gegen jede Art von Einwanderung. Sie unterscheiden sehr wohl zwischen verschiedenen Gruppen von Einwanderern. Nur bei Asylbewerber, einer ganz bestimmten Gruppe von Einwanderern, fordert eine Mehrheit eine Reduzierung der Immigration, und dies ist vielen Deutschen sehr wichtig.

Dieser Wunschsind keinesfalls vorschnell als irrational abzutun. Deutschland hat in der Vergangenheit von Einwanderung profitiert. Doch dies wurde hauptsächlich durch Einwanderung außerhalb des Asylsystems getrieben. Akademiker aus Südeuropa und die Gastarbeiter, die während des Wirtschaftswunders nach Deutschland kamen, kamen nicht als Asylbewerber. Hätte Deutschland niemals Asylbewerber aufgenommen so wären diese Menschen trotzdem nachgekommen und hätten den gleichen Beitrag zum Wohlstand der Deutschen geleistet. Würde Deutschland jetzt aufhören Asylbewerber aufzunehmen, könnten solche Menschen in Zukunft weiterhin kommen. Der Einwand, wer eine Verringerung der Einwanderung fordere verhalte sich irrational und verkenne die Leistungen, die Einwanderer erbracht haben, ist also so nicht plausibel. Denn eine allgemeine Reduzierung der Einwanderung fordert kaum jemand. Vielmehr fordert die Bevölkerung eine Reduzierung der Asylmigration bei gleichbleibender Migration außerhalb des Asylsystems.

Wer gegen eine Verringerung der Einwanderung ist, wie von der Bevölkerung gefordert muss also erklären warum es rational ist Asylbewerber aufzunehmen. Er muss zeigen, dass Asylbewerber für sich genommen einen entscheidenden Beitrag zum Wohlergehen der Deutschen beitragen. Dies ist deutlich schwieriger als zu argumentieren, dass die Deutschen von Einwanderung im Allgemeinen profitieren. Denn Asylbewerber sind im Schnitt deutlich schlechter ausgebildet als andere Einwanderer und sie kommen auch häufiger aus Regionen der Welt, die uns kulturell weiter entfernt sind, was ihre Integration erschwert.

Was für einen Beitrag Asylbewerber zum Wohl der Deutschen leisten ist eine Frage, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Stattdessen werde ich diese Frage in einem zukünftigen Artikel angehen. Hier möchte ich nur darauf hinweisen, dass die Meinungen der Bevölkerung nicht so irrational, undifferenziert und polarisiert sind, wie manche Politiker und Journalisten scheinbar denken. Stattdessen scheinen ihre Präferenzen plausibel und große Teile der Bevölkerung sind sich in ihren Wünschen einig. Politiker sollten sich also gut überlegen, ob sie die Meinung der Bevölkerung in dieser Frage weiterhin ignorieren.

Quellen:

Dempster, Helen, und Karen Hargrave. „Understanding public attitudes towards refugees and migrants.“ London: Overseas Development Institute & Chatham House (2017).

Hainmueller, Jens, und Hopkins, Daniel J. „Public attitudes toward immigration.“ Annual review of political science 17 (2014): 225-249.

Hamilton Alexander., Madison James., Jay John. (2009) Federalist No. 71. In: The Federalist Papers. Palgrave Macmillan, New York.

Kurbjuweit, Dirk. „Die Methode Merkel: Eine Kanzlerinnenschaft.“ Audible Originals (2021).

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Weit verbreitete Irrtümer

Ist Intelligenz vererbbar?

Es ist kein Geheimnis, dass Kinder ihren Eltern meist ähnlich sehen. Große Kinder bringt man häufig korrekterweise mit ihren noch riesigeren Eltern in Verbindung. Andere Kinder kann man ihren Eltern durch seltsame Nasen oder ihre Haarfarbe zuordnen.

Kaum jemand wird bezweifeln, dass dies zum größten Teil an der Genetik liegt. Man kann sich seine Haare zwar färben, aber die natürliche Haarfarbe kann man nur schwer durch Erziehung oder andere Umweltumstände verändern. Bei Körpergröße ist das sogar noch schwerer.

Doch dies sind Eigenschaften, die nur das Erscheinungsbild betreffen. Wie sieht es mit Eigenschaften aus, die nicht direkt erkennbar sind?

Diese Frage werden wir in diesem Artikel am Beispiel der Intelligenz beantworten.

Recap – Was ist Intelligenz?

Ich habe bereits in diesem Artikel eine ausführliche Definition von Intelligenz gegeben. Falls ihr euch den Artikel jetzt nicht ganz geben wollt, hier eine Kurzfassung:

Um die Intelligenz einer Person zu berechnen, gehen Intelligenzforscher folgendermaßen vor: sie lassen die Person erst ganz verschiedene Tests machen die verschiedene Arten von Intelligenz messen sollen (z.B. sprachliche, emotionale oder logische Intelligenz).

Dann kombinieren sie die Ergebnisse aller Tests mit Hilfe statistischer Methoden. Das Ergebnis bezeichnet man als allgemeine Intelligenz oder g-Faktor.

Das interessante ist aber, dass die verschiedenen Arten von Intelligenz stark miteinander korrelieren. Menschen, die eine hohe sprachliche Intelligenz besitzen, besitzen meist auch eine hohe emotionale und logische Intelligenz. Daher liefern zum Beispiel IQ-Tests eine ganz gute erste Schätzung des g-Faktors.

Ist es relevant, ob man einen hohen oder niedrigen g-Faktor hat?

Absolut! Der g-Faktor ist einer der besten Indikatoren für Erfolg im Leben, gemessen etwa durch Einkommen, Bildung oder gesellschaftliche Position (Hier mehr dazu).

Wieso ist das wichtig?

Gut und schön.

Aber sollte es uns interessieren, ob der g-Faktor genetisch bedingt ist?

Auch hier lautet meine Antwort Ja.

Ob Intelligenz vererbt wird oder nicht ist relevant, um beurteilen zu können wir fair und effizient unser Gesellschaftssystem ist.

Soziale Gerechtigkeit ist mehr als ein Wahlkampfmotto der SPD. Wer will schon in einer Gesellschaft leben, die er für ungerecht hält? Sehr wenige Menschen, wie zahlreiche Studien dokumentieren. Wie in diesem Artikel beschrieben, opfern viele Menschen gerne Teile ihres eigenen Vermögens, um die Welt gerechter zu gestalten.

Es scheint ziemlich wahrscheinlich, dass so gut wie jeder für soziale Gerechtigkeit ist. Die Meinungen darüber was gerecht ist gehen jedoch auseinander. Ist es gerecht, wenn Menschen, die mehr arbeiten, auch mehr verdienen als ihre weniger fleißigen Kollegen? Ist es fair, dass talentiertere Menschen besser vergütet werden? Hier gibt es sehr verschiedene Meinungen. Auch darüber mehr in diesem Artikel.

Aber es gibt noch einen Grund dafür, dass Menschen in der Gerechtigkeitsfrage uneins sind, und darum geht es hier. Selbst wenn sie die gleiche Art von Ungleichheit gerecht finden, so haben sie vielleicht verschiedenen Vorstellungen davon wie die existierende Ungleichheit denn nun wirklich entstanden ist.

Korrupt oder Clever?

Ex-President Obama hat Einkommensungleichheit (innerhalb der USA) als „defining challenge of our time“ bezeichnet (Newell, 2013).

Nicht nur er, auch viele andere Politiker und Ökonomen beschäftigen sich mit der Frage wie Ungleichheit reduziert werden kann.

Aber mal ganz provokant gefragt: Wieso sollte Ungleichheit überhaupt reduziert werden? Was ist denn das Problem mit Ungleichheit? Im Ernst, schreibt mir euere größten Probleme mit Ungleichheit gerne in die Kommentare 🙂

Mein Punkt ist folgender: in unserer Gesellschaft wird man, sofern man nicht reich geboren wird, am schnellsten durch gute Ideen wohlhabend. Kluge neue Produkte, clevere Netzwerke, Apps die uns den Alltag erleichtern. Der beste Weg reich zu werden ist es hier eine wirklich gute Idee zu haben, sich selbständig zu machen und dann cleveres Management zu betreiben. Ihr seht schon, Intelligenz ist der Schlüssel.

Und tatsächlich hängt der g-Faktor ja auch sehr stark mit dem Einkommen zusammen (Hier mehr dazu).

Nun, manche Menschen sind nun einmal klüger als andere. Diese klugen Menschen werden auf gute Ideen kommen und reich werden, während ihre weniger intelligenten Nachbarn nicht reich werden.

Auf der anderen Seite schadet es natürlich auch selten reiche Eltern zu haben oder Freunde in Top-Positionen mit denen man zum Beispiel profitable Corona-Maskendeals abschließen kann.

Wir sind uns alle einig darüber, dass es große Einkommens- und Vermögensungleichheiten gibt. Aber wie ist diese Ungleichheit entstanden? Eher dadurch, dass es sehr große Intelligenzunterschiede in der Gesellschaft gibt oder dadurch, dass Vitamin B sehr ungleich verteilt ist?

Ist ersteres der Fall sind die meisten von uns vermutlich eher geneigt Ungleichheit gerecht zu finden und zu akzeptieren. Trifft letzteres zu würden die meisten wohl mehr Umverteilung bevorzugen.

Reiche Eltern oder clevere Kinder?

Ein anderes Beispiel ist soziale Mobilität.

Man hört immer wieder davon, dass Kinder aus Haushalten mit geringem sozioökonomischem Status es selten in die Chefetagen von Unternehmen oder Parteien schaffen.

Aber ist das ungerecht?

Die meisten Menschen würden wohl mit ja antworten, sofern alle Menschen mit den gleichen Anlagen für diese Positionen geboren werden. Ungleichheit muss dann auf Diskriminierung in irgendeiner Form zurückzuführen sein. Sei es durch schlechtere Schulbildung, eine schlechtere Erziehung oder dadurch, dass sie einfach nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden.

Aber jetzt überlegt euch mal Folgendes: die Allgemeine Intelligenz hängt sehr eng mit dem eigenen sozioökonomischen Status im Erwachsenenalter zusammen (hier mehr dazu). Das heißt, die Chefetagen werden typischerweise von intelligenten Menschen besetzt (auch wenn man das manchmal nur schwer glauben kann).

Nehmen wir einmal an Intelligenz ist zu 100% genetisch bedingt, genauso wie alle anderen Eigenschaften des Menschen. Söhne sind damit praktisch perfekte Kopien ihrer Väter, Töchter perfekte Kopien ihrer Mütter. Es ist so als würden sich Menschen einfach klonen, oder als würden sie ewig leben.

Wenn nun Unternehmen und Parteien nur nach Leistung selektieren, dann werden sie alle Kinder genauso behandeln, wie sie eine Generation zuvor ihre Eltern behandelt haben. Die Kinder der erfolgreichen Eltern werden erfolgreich sein, wenig erfolgreiche Eltern werden wenig erfolgreiche Kinder haben. Dies hat aber nichts mit Diskriminierung zu tun. Es liegt daran, dass Kinder und Eltern gleich sind und gewinnmaximierende Unternehmen Gleiches gleich behandeln.

Unter solchen Bedingungen würden vermutlich weniger Menschen sagen, dass die soziale Mobilität gesteigert werden muss. In dieser Welt führt eine Leistungsgesellschaft automatisch dazu, dass es keine soziale Mobilität geben kann.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass man sich damit abfinden muss, dass weniger intelligente Menschen wenig verdienen. Es gibt gute Gründe für Umverteilung, selbst wenn Intelligenz zu 100% genetisch bedingt ist. Aber wenn der g-Faktor nur durch Erziehung zustande käme gäbe es noch einen guten zusätzlichen Grund. In dieser Welt sollte die Umverteilung optimalerweise also stärker ausgeprägt sein als in einer Welt des genetischen Determinismus.

Um also beurteilen zu können welche Politikmaßnahmen gerecht sind müssen wir herausfinden in welcher dieser Welten wir leben. Und dafür müssen wir wissen, ob Intelligenz nun vererbbar ist oder nicht.

Wie untersucht man das?

Stellt euch mal vor ihr solltet herausfinden zu welchem Anteil der g-Faktor vererbbar ist. Was würdet ihr tun?

Gar nicht so einfach, oder?

Man könnte zum Beispiel einfach Kinder aus ganz verschiedenen Elternhäusern entführen und sie alle zusammen in einer Kommune im Amazonasgebiet aufziehen. Alle bekommen die gleiche Bildung. Dann vergleicht man nach 20 Jahren die g-Faktoren der Kinder untereinander und mit denen ihrer Eltern. Wenn die Kinder genau die gleichen g-Faktoren haben wie ihre Eltern, ist die Umwelt wohl recht irrelevant. Wenn die Kinder alle die gleichen g-Faktoren haben, ist Genetik wohl egal.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Dritte Reich oder die UdSSR so ein Experiment mal in Erwägung gezogen hat. Heutzutage haben es Forscher aber immer schwerer Ethik-Kommissionen von solchen Vorhaben zu überzeugen.

Stattdessen greifen sie auf einen schlauen Trick zurück.

Es gibt zwei Arten von Zwillingen. Eineiige Zwillinge haben identisches Genmaterial. Bei Zweieiigen Zwillingen ist das Genmaterial nur zur Hälfte gleich.

Sagen wir mal die Zwillinge wachsen in der gleichen Familie, also unter sehr ähnlichen Umständen, auf. Das ist ja zum Glück meistens der Fall.

Wenn Genetik irrelevant ist, sollte der Unterschied in der Intelligenz zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen gleich groß sein. Eineiige Zwillinge sind sich zwar genetisch ähnlicher, aber Genetik ist ja per Annahme egal.

Eine größere Ähnlichkeit zwischen eineiigen Zwillingen deutet also auf einen Einfluss des genetischen Materials hin.

Dann gibt es auch leider Zwillinge, die adoptiert werden und in verschiedenen Familien aufwachsen. Hier sind die Umweltbedingungen verschieden aber das genetische Material ist identisch bzw. zur Hälfte identisch.

Dadurch dass man eineiige und zweieiigen Zwillinge vergleicht und dabei berücksichtigt ob die Zwillinge zusammen oder getrennt aufgewachsen sind ist es also möglich zu erschließen wie wichtig Genetik und Umweltfaktoren für die Intelligenz sind (Knopik et al. 2016).

Die Ergebnisse

Genetik als Erklärung für Unterschiede in der Intelligenz anzuführen war in der 1970ern und 1980ern verrufen und Forscher, die es dennoch wagten, solche Studien durchzuführen wurden nicht selten angefeindet (Plomin und von Stumm 2018).

Dies hatte jedoch auch den positiven Effekt, dass Forscher sehr sauber arbeiten mussten, um ihre Ergebnisse zu diesem Thema veröffentlichen zu können. Entsprechend haben die letzten Jahrzehnte eine Reihe von sauberen Zwillingsstudien ergeben, teilweise mit mehreren tausend Zwillingen.

Mittlerweile existieren verschiedene Meta-Studien in denen Daten aus all diesen Studien kombiniert werden. All diese Meta-Studien kommen zu dem Ergebnis, dass recht genau 50% der Intelligenz vererbt ist (Knopik et al. 2016).

Intelligenz ist also zur Hälfte vererbt und zur anderen Hälfte umweltbedingt.

Das ist also schon die Antwort. Es ist zwar nur eine Zahl aber diese Zahl hat es in sich.

Was bedeutet das für uns?

Wenn ihr euch eine eindeutige Antwort erhofft hattet muss ich euch also leider enttäuschen.

Wir leben weder in einer Welt, in der die Intelligenz genetisch determiniert wird, noch in einer Welt in der sie ausschließlich durch Erziehung bestimmt wird. Wir leben in einer Mischwelt die ziemlich genau auf halber Strecke zwischen diesen beiden Extremen liegt.

Ein großer Teil der Ungleichheit in der Gesellschaft ist also wirklich darauf zurückzuführen, dass manche Menschen einfach intelligenter sind als andere.

Beispiel Sowjetunion: der alte Erzfeind des Westens war keine Leistungsgesellschaft. Entsprechend zeigen Studien, dass Bildung und beruflicher Status in diesem Staat eher schwach mit Intelligenz korreliert waren. Die Intelligenten erhielten im System der Sowjetunion also mehr Bildung als die weniger intelligenten und sie wurden anschließend auch eher Wissenschaftler oder Politiker. Aber der Zusammenhang war nicht sonderlich stark. Auch viele weniger intelligente schafften es an die besten Unis des Landes (Rimfeld et al. 2016).

Dies änderte sich nach der Wende. Estland zum Beispiel kehrte dem alten System rasch den Rücken und wurde mehr wie seine westlichen Nachbarn zu einer Leistungsgesellschaft.

Und tatsächliche wurde der Zusammenhang zwischen Intelligenz, Bildung und Berufswahl in der Folge auch deutlich enger und ist nun doppelt so stark wie zu Sowjet-Zeiten.

Dies legt nahe, dass unser System der Leistungsgesellschaft dafür sorgt, dass die Intelligenten Erfolg haben. Ob das gut ist, ist eine andere Frage,
aber es wäre ein Fehler diese Einsicht zu ignorieren.

Wie gut sind Privatschulen?

Ein ähnlicher Punkt muss bezüglich sozialer Mobilität gemacht werden. Häufig hört man davon, dass Kinder, die auf Privatschulen gehen, einen unfairen Vorteil haben und deswegen später besonders gut abschneiden.

Dies stimmt sicherlich zu einem Teil, aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Ein Forscherteam um Emily Smith-Woolley hat nämlich herausgefunden, dass Kinder die Privatschulen besuchen überdurchschnittlich intelligent sind (Smith-Woolley et al. 2018).

Dies passt zu der Idee, dass wohlhabende Menschen überdurchschnittlich intelligent sind und wegen der Erblichkeit von Intelligenz auch besonders intelligente Kinder haben.

Schüler aus Privatschulen sind also nicht nur deshalb erfolgreich, weil sie bessere Bildung erhalten. Sie wären auch erfolgreicher als andere Kinder, wenn sie auf öffentliche Schulen gehen würden.

Diese Information ist übrigens auch wichtig für dich, falls du gerade darüber nachdenkst ob du dein Kind auf eine Privatschule stecken sollst. Der Vorteil, den das Kind dadurch erhält ist vermutlich kleiner als du dachtest.

Aber so einen Vorteil hat dein Kind wahrscheinlich gar nicht nötig. Du liest dir immerhin in deiner Freizeit wissenschaftliche Artikel von höchster Qualität durch. Du musst also einen ziemlich hohen g-Faktor besitzen. Und wie wir gerade gelernt haben, sind deine Kinder daher mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls super clever. 🙂

Quellen:

Newell, Jim. Obama: income inequality is ‚defining challenge of our time‘ – live. In: The Guardian, 2013. https://www.theguardian.com/world/2013/dec/04/obama-income-inequality-minimum-wage-live (Aufgerufen am 15.06.2021)

Knopik, Valerie S., et al. Behavioral genetics. Macmillan Higher Education, 2016.

Plomin, Robert, and Sophie von Stumm. „The new genetics of intelligence.“ Nature Reviews Genetics 19.3 (2018): 148.

Behavior Genetics Association 46th Annual Meeting Abstracts. Rimfeld, K., Trzaskowski, M., Esko, T., Metspalu, A. & Plomin, R. Genetic influence on educational attainment and occupational status during and after the Soviet era in Estonia [abstract]. Behav. Genet. 46, 803 (2016)

Smith-Woolley, Emily, et al. „Differences in exam performance between pupils attending selective and non-selective schools mirror the genetic differences between them.“ npj Science of Learning 3.1 (2018): 1-7.

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Weit verbreitete Irrtümer

Wie wir anfangen Ungleichheit zu akzeptieren

Ist der Mensch fair oder unfair?

Macht ihn die Gesellschaft besser oder schlechter?

Teilen Kinder mehr als Erwachsene?

Wann beginnen Menschen damit wirtschaftliche Ungleichheiten zu akzeptieren?

Um diese interessanten Fragen geht es in dem folgenden Text.

Doch bevor wird gleich zur Sache kommen starten wir mit einer kurzen Anekdote aus meinem Leben.

Typisch Karneval

In meiner alten Schule hatten wir ein schönes Ritual. An Karneval trafen wir uns alle, so ab der 8. Klasse, am Zülpicher und feierten gemeinsam.

Ja, die Schule war ziemlich klein.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Zeit und noch mehr schöne Dinge leider vergessen, wenn ich meinen Klassenkameraden glauben kann.

Aber an eine Begebenheit erinnere ich mich noch ganz genau.

Es war der Abend des 11.11. in Köln. Ich sah alles ganz undeutlich und verschwommen. In der Hand hielt ich eine große Plastikflasche mit Mischgesüff.

Ich weiß nicht mehr genau wie ich zum Bahnhof gekommen bin oder welcher Bahnhof es war.

Aber eines wusste ich ganz genau. Der nächste Zug, in den ich einsteigen würde, mich sicher vor meine Haustür bringen.

Es ist schon merkwürdig, wenn ich betrunken bin, habe ich oft fixe Ideen und bin dann zu 100% von ihnen überzeugt.

Geht euch das ähnlich?

Naja, jedenfalls ist der Zug natürlich in die falsche Richtung gefahren.

Das habe ich so ca. 30 Minuten nicht gemerkt. Dann hörte ich auf einmal die Stimmen zweier Klassenkameraden: „Ey Laurenz, was machst du denn hier?“

Ein Dorf in der Eifel

Letztlich entpuppte sich meine fixe Idee doch noch als genial.

Da ich nun keine andere Wahl hatte folgte ich den beiden, die ich bis dahin nicht besonders gut kannte, einfach nach Hause.

Besagtes Zuhause lag in einem winzigen Dorf in der Eifel. Ich nenne den Namen lieber nicht, weil ihr sonst alle bestimmt irgendwann dort aufschlagt, um mitzufeiern.

Denn dort ging es damals gut ab, und heute immer noch ab und an.

Es gibt in diesem Dorf zwei größere Familien, die befreundet sind. Eine der Familien hat eine Scheune, die praktisch zu einem Club umgebaut wurde, mit Discokugel, Nebelmaschine und Stroh auf dem Dachboden.

Wenn eine der Familien feierte, feierte die andere automatisch mit. Und wenn beide Familien zusammen feierten, kam auch automatisch die ganz Dorfjugend mit dazu. Und das wiederum zog die Jugend aller umliegenden Dörfer an.

Karneval war ich also zum ersten Mal da, und von da an alle 2 Wochen.

Betrunkene Philosophen

Aber ich war dort natürlich nicht zum Vergnügen.

Ich habe dort auch viel gelernt. Zum Beispiel, dass Jungen umso mehr philosophieren, je betrunkener sie sind. Am Anfang geht’s noch um Frauen, aber irgendwann wird nur noch über den Sinn des Lebens diskutiert.

Ganz anders bei Frauen. Die fangen irgendwann an über alles hysterisch zu lachen.

Das war jedenfalls die Meinung eines Mädchens, dass ich dort kennen gelernt habe.

Und mit ihr habe ich an besagtem Tag die gesamte Nacht durchdiskutiert.

Und ja, das meine ich so wie es hier steht.

Sind Kinder von Natur aus gut?

Wir haben über Gott und die Welt diskutiert.

Aber eine Sache ist mir besonders im Kopf geblieben.

Sie vertrat die Ansicht, dass Kinder von Natur aus selbstlos und fair sind. Mit der Zeit, so argumentierte sie, würden jedoch die Ideale der Leistungsgesellschaft die guten Seelen der Kinder korrumpieren. Unter ständigen Leistungsdruck gestellt würden Kinder Egoismus und unfairere Verhaltensweisen entwickeln.

Kurz: Menschen sind von Natur aus gut. Das Böse im Menschen entstammt der verkommenen Gesellschaft, die den Menschen korrumpiert.

Sie ist nicht die erste, die sich darüber Gedanken gemacht hat. Die Frage, ob der Mensch gut oder schlecht ist, ist so alt wie die Menschheit selbst und unzählige Philosophen haben sich schon darüber die Köpfe zerbrochen. Die konnte sie auch übrigens alle aufzählen.

Ich kannte keinen dieser Philosophen (mir ist nur Rousseau in Erinnerung geblieben). Mein Ansatz war komplett anders.

Im Rest dieses Artikels geht es um die Antwort, die ich ihr gegeben habe.

Wie wir altruistisch werden

Statt endlos zu philosophieren, ist es oft aufschlussreicher Experimente durchzuführen.

Die Theorie besagter Philosophin sagte voraus, dass kleine Kinder selbstlos sind und mit dem Alter immer egoistischer werden.

Gut, dann lass es uns doch einfach testen!

Genau das hatten sich Ernst Fehr, Helen Bernhard und Bettina Rockenbach auch gedacht.

Sie rekrutierten 229 Schweizer Kinder aus diversen Kindergärten und Schulen.

Auch komisch. Stellt euch mal vor ihr wollt euer Kind vom Kindergarten abholen und dann steht da ein alter Mann, der euch fragt, ob er mit eurem Kind ein Experiment durchführen darf.

Naja, es scheint ja funktioniert zu haben.

Die Kinder konnten in ihrem Experiment wählen, ob sie selbst 2 Süßigkeiten, oder ob sie und ein anderes Kind jeweils eine Süßigkeit erhalten.

Vor dem Start des Experiments stellten die Autoren durch mehrere Kontrollfragen sicher, dass die Kinder den Ablauf des Experiments verstanden hatten.

Einfach, oder?

Dieses Experiment haben die Forscher mit Kindern verschiedener Altersgruppen (zwischen 3 und 8) durchgeführt.

Das Ergebnis war das genaue Gegenteil von dem, was die betrunkene Philosophin sich vorgestellt hatte.

Kleine Kinder zwischen 3 und 4 Jahren verhielten sich fast alle egoistisch. Mehr als 90% der Kinder dieses Alters rissen sich beide Süßigkeiten unter den Fingernagel und ließen das andere Kind leer ausgehen.

Bei 5-6-Jährigen waren dagegen schon ca. 20%, also mehr als doppelt so viele, bereit, dem anderen Kind eine Süßigkeit zu gönnen.

Bei 7-8-Jährigen schließlich verdoppelte sich der Wert der Altruisten wieder auf fast 50%.

Dieses Kind ist jünger als 4 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es sich vollkommen schamlos alle Süßigkeiten in Reichweite unter den Nagel reißen wird.

Zurück zur Philosophin

Diese Resultate lassen die Theorie der Philosophin unwahrscheinlich erscheinen. Tatsächlich deuten sie auf das Gegenteil hin. Kleine Kinder sind Egoisten und teilen nicht. Erst mit der Zeit, sei es durch Erziehung, Erfahrungen oder einen natürlichen Reifungsprozess, werden sie (teilweise) zu Altruisten.

Dies bedeutet nicht, dass Menschen in einem „Naturzustand“ egoistisch wären. Es bedeutet auch nicht, dass es nur unserer Gesellschaft zu verdanken ist, dass Kinder zu Altruisten werden.

Es widerlegt aber, dass Menschen als Altruisten auf die Welt kommen, und es spricht in abgeschwächtem Maße auch dagegen, dass Kinder in unserer Gesellschaft zu Egoisten verkommen.

Denn wäre dies der Fall, wäre der Prozentsatz der Altruisten im Zeitverlauf wohl nicht so stark gestiegen.

Diese Ergebnisse wurden im Übrigen in weiteren Studien mit deutlich größeren Teilnehmeranzahlen repliziert (Cappelen et al. 2010).

Akzeptanz von Ungleichheit

Altruismus entwickelt sich also im frühen Kindesalter.

Wie sieht es mit der Akzeptanz von Ungleichheit aus?

Zu diesem Zweck hat ein Wissenschaftler-Team rund um Ingvild Almås eine weitere Studie mit Kindern durchgeführt.

In dieser Studie wurde das Verhalten von etwas älteren Kindern analysiert. Genau genommen handelte es sich um 486 Schulkinder ab der 5. Klasse, die aus 20 verschiedenen norwegischen Schulen rekrutiert wurden.

Die Kinder saßen sie in einem Labor in kleinen abgetrennten Kabinen vor Computern. Das gesamte Experiment war computerisiert.

Zuerst hatten sie die Möglichkeit bei einer Aufgabe Punkte zu verdienen. Die Aufgabe war sehr langweilig, ihnen wurden Zahlen auf dem Bildschirm gezeigt und sie sollten auf alle Zahlen einer bestimmten Art klicken.

Alternativ konnten sie Videos schauen. Dafür gabs aber keine Punkte.

Sie konnten sich also frei einteilen wieviel Zeit sie auf welche Aktivität verwendeten.

Ich hätte keine 5 Minuten an dieser Aufgabe gearbeitet.

Wie siehts bei dir aus?

Die Kinder hatten jedenfalls eine ganz gute Arbeitsmoral. Von den 45 Minuten, die sie auf den Seiten verbringen mussten, arbeiteten sie im Schnitt 42 Minuten.

Somit hatten einige Kinder nach dieser Phase des Experiments mehr Punkte gesammelt als andere. Einerseits dadurch, dass manche besser in der Aufgabe waren als andere. Andererseits dadurch, dass einige mehr arbeiteten während andere nur prokrastinierten.

Nun hatten sich die Experimentatoren aber noch eine Gemeinheit ausgedacht. Für einen zufällig ausgewählten Teil der Kinder waren die Punkte doppelt so viel Wert wie für alle anderen.

Damit hatten die Kinder am Ende verschieden viel Geld verdient. Einerseits lag dies daran, dass sie verschieden fleißig und produktiv waren. Andererseits aber auch daran, dass andere mehr Glück gehabt hatten als andere.

Diktator-Spiele

In der letzten Phase des Experiments wurden die Kinder in Paare aufgeteilt. Jedes Paar bestand aus Kindern der gleichen Altersstufe.

An dieser Stelle sollte noch erwähnt werden, dass die Studie anonymisiert war. Die Kinder wussten also nicht mit welchem anderen Kind sie interagierten. Außerdem haben die Autoren darauf geachtet immer möglichst wenig Kinder einer Schule gleichzeitig ins Labor einzuladen.

Sie wussten aber wie viel Zeit das andere Kind auf der Produktionsseite verbracht hatte, wie viele Punkte das andere Kind dabei gesammelt hatte und wie viel es dadurch verdient hatte.

Jedes Kind wurde so mit 5 anderen Kindern hintereinander gepaart.

Wie sich das anhört 😀

Das Kind selbst sowie sein Partner hatten in der ersten Phase des Experiments Geld verdient. Nun wurden diese beiden Beträge zusammengerechnet und beide Kinder wurden unabhängig voneinander gefragt, wie der Gesamtbetrag unter den beiden aufgeteilt werden sollte.

Beispiel: Kind 1 hat 50 Euro verdient, Kind 2 100 Euro. Dann wurde sowohl Kind 1 als auch Kind 2 gefragt wie die 150 Euro unter Kind 1 und Kind 2 aufgeteilt werden sollten.

Nach dem Experiment wurde für jedes Kind eines der 5 Paare, zu denen es gehört hatte, ausgewählt. Dort wurde dann mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% seine eigene Wunschverteilung oder die Wunschverteilung des Partners ausgewählt.

Die so ausgewählte Verteilung wurde dann wirklich implementiert, das heißt die beiden Kinder bekamen genauso so viel Geld wie das ausgewählte Kind festgelegt hatte.

Dies bedeutet, dass die Entscheidungen der Kinder echte Konsequenzen hatten. Es ging um echtes Geld und die Kinder wussten das auch.

Diese Anreizsetzung ist bei ökonomischen Experimenten Standard und ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Denn bei Entscheidungen, die keine Konsequenzen haben, zum Beispiel Antworten bei Umfragen, wird naturgemäß viel mehr gelogen, als wenn es um etwas geht.

Aus den Entscheidungen der Kinder können wir viel darüber lernen wie altruistisch sie sind und welche Fairness Ideale sie vertreten.

Und darum geht es im Folgenden.

Wie wir altruistisch bleiben

So, alles klar?

Falls nicht, schreibt eure Fragen gerne in die Kommentarsektion.

Ansonsten sind wir bereit die Ergebnisse zu präsentieren:

Ein erstes Resultat knüpft nahtlos an das Hauptresultat der oben besprochenen Studien an.

Altruismus, gemessen durch den Anteil des Gesamteinkommens der dem anderen Kind zugestanden wird, verändert sich zwischen der 5. und der 13. Klasse nicht.

Altruismus scheint also bei 10-11-jährigen „voll“ entwickelt zu sein. Jedenfalls werden Kinder im Durchschnitt ab diesem Alter nicht mehr altruistischer.

Unterschiede im Altruismus zwischen Jungs und Mädels gab es übrigens auch keine.

Drei Ideale

Versetz dich mal in die Position des Kindes. Sagen wir du wirst zunächst mit einem Kind gepaart, dass gar nicht gearbeitet hat. Wie würdest du euer gesamtes erarbeitetes Geld (also dein erarbeitetes Geld) auf euch beide aufteilen?

Nimm jetzt an du triffst auf ein Kind, dass noch mehr gearbeitet hat als du. Wie verteilst du jetzt um?

Die meisten Menschen würden vermutlich dem hart arbeitenden Kind mehr geben als dem faulen Kind. Wieso? Weil sie es fair finden.

Ein solches Fairness Ideal nennt man Meritokratismus. Menschen sollten für ihre Anstrengung belohnt werden.

Nicht hingegen für Ressourcen die sie aufgrund von Glück erhalten haben. Falls du dich nicht erinnerst: Für die Hälfte der Kinder waren erarbeitete Punkte doppelt so viel Wert wie für die andere Hälfte. Wessen Punkte viel Wert waren wurde rein zufällig entschieden.

Ein Meritokrat würde zwei Kinder, die gleich viel gearbeitet haben, aber unterschiedlich viel Geld für ihre Punkte erhalten haben genau gleichbehandeln.

Ein zweites verbreitetes Fairness Ideal ist das egalitäre. Menschen mit einem egalitären Fairness Ideal finden, dass jegliche Form von Ungleichheit ausgeglichen werden sollte.

Vertreter dieses Ideals argumentieren zum Beispiel häufig, es sei eine Form von Glück mit vielen Talenten geboren worden zu sein. Produktivere Menschen seien daher nicht durch ein größeres Stück des Kuchens zu bevorzugen. Aber selbst unterschiedliche Behandlung aufgrund unterschiedlicher Anstrengungen lehnen egalitäre Menschen ab.

Das dritte und letzte Fairness Ideal, dass man in der ökonomischen Forschung standardmäßig betrachtet, ist das libertäre. Libertäre Menschen finden einfach jegliche Ungleichheit gerechtfertigt. Ob sie nun durch Glück, Anstrengung oder Talent entstanden ist.

Diese drei Fairness-Ideale, egalitär, meritokratisch, libertär, wurden allesamt von verschiedenen Philosophen und Denkschulen vertreten. Philosophen versuchen dabei meist durch logisches Schlussfolgern zu begründen, warum ihr Fairness Ideal das einzig richtige ist.

Die Relevanz der Fairness Ideale

Ökonomen sind bescheidener. Sie versuchen herauszufinden welche Fairness Ideale Menschen denn nun tatsächlich vertreten? Wieviel Prozent der Bevölkerung sind denn Meritokraten?

Dies zu wissen ist natürlich extrem wichtig, um eine Wirtschaftsordnung zu kreieren, die vom Volk als fair angesehen wird.

Im Jahre 2007 publizierten einige Ökonomen rund um Alexander Cappelen eine erste deskriptive Studie zu dieser Frage. Sie fanden heraus, dass der größte Teil US-Amerikanischer Studenten Meritokraten sind (Cappelen et al. 2007).

Seitdem wurden hunderte Studien durchgeführt, die versuchen die Fairness Ideale immer neuer Personengruppen zu ergründen.

Dazu werde ich bestimmt auch mal eine Übersicht geben, dies würde aber hier den Rahmen sprengen.

Festzuhalten bleibt, dass Meritokratismus in westlichen Gesellschaften allgemein das am weitesten verbreitete Fairness Ideal ist (Cappelen et al. 2020).

Kleine Kinder sind egalitär

Zurück zu unseren lieben Kleinen.

Wir hatten schon gesehen, dass der Egoismus der Kinder ab der fünften Klasse nicht weiter zurückgeht.

Was sich aber sehr wohl ab der 5. Klasse verändert ist die relative Häufigkeit der verschiedenen Fairness Ideale.

Wie sich zeigte sind die meisten Fünftklässler egalitär. Sie differenzieren nicht zwischen denen die hart gearbeitet haben und denen, die Glück gehabt haben.

Was bedeutet das?

Ein Beispiel:

Sagen wir, ein Kind wird nacheinander mit 2 anderen Kindern gepaart. Sein erster Partner hat sich sehr angestrengt aber Pech bei der Auslosung gehabt und somit insgesamt 100 Euro erarbeitet. Bei dem zweiten Kind war es genau umgekehrt. Es hat sich wenig angestrengt aber Glück gehabt und insgesamt 100 Euro verdient. Das Kind selbst hat 50 Euro verdient.

Fünftklässler wenden nun ein egalitäres Fairnessideal an. Das heißt sie teilen in beiden Situationen den Gesamtbetrag von 150 Euro gleichmäßig auf sich selbst und das andere Kind auf. Jeder bekommt also 75 Euro.

Das gilt auch wenn das Kind, dass die Entscheidung trifft, mehr verdient hat als die anderen beiden.

Ganz wichtig: sie behandeln damit das Kind, welches sich angestrengt hat und das Kind, dass nur Glück hatte, gleich.

Der Siegeszug des Meritokratismus

Die Forscher fanden interessanterweise heraus, dass sich das von der 5. auf die 7. Klasse schlagartig ändert.

Für Siebtklässler spielte es eine viel größere Rolle wie produktiv jemand gewesen war. Sie teilten Faulenzern aber auch Kindern, die einfach nicht gut in der Aufgabe gewesen waren, also deutlich weniger zu.

Dieser Trend setzte sich mit steigendem Alter noch weiter fort. Je älter, desto mehr spielte für die Kinder Produktivität eine Rolle.

In der Sprache der Fairness Ideale war also ab der 7. Klasse der Meritokratismus das am weitesten verbreitete Fairness Ideal. Und von der 7. bis zur 13. Klasse nahm der Anteil der Meritokraten sogar noch weiter zu.

Gleichzeitig ging der Anteil der Egalitären dramatisch zurück, während es in allen Stufen ähnlich viele Libertäre gab.

Hier könnte man nun also wirklich vermuten, dass die Veränderungen, die Kinder ab der 5. Klasse durchmachen, durch Leistungsdruck der Gesellschaft entstehen. Denn unsere Leistungsgesellschaft baut ja gerade auf der Idee auf, dass sich Leistung lohnt.

Wirklich überprüfen lässt sich diese These mit den Daten des Experiments aber leider nicht. Denn dafür bräuchte man als Vergleichsgruppe Kinder, die in einer Nicht-Leistungsgesellschaft aufwachsen.

Wie man eine Party feiert

Fassen wir noch einmal zusammen was wir aus Kinderexperimenten gelernt haben:

  1. Kleine Kinder sind sehr egoistisch
  2. Kinder werden bis zur 5. Klasse deutlich altruistischer
  3. Ab der 5. Klasse werden Kinder nicht mehr wesentlich altruistischer
  4. Die meisten Kinder um die 5. Klasse herum haben ein egalitäres Fairness Ideal
  5. Nach der 5. Klasse geben immer mehr Kinder ihr egalitäres Fairness Ideal auf und werden Meritokraten
  6. Die meisten Erwachsenen sind Meritokraten

So, da haben wir doch heute schonmal einiges gelernt!

Nun gut, soviel zur Wissenschaft.

Falls es euch interessiert wie meine Story ausgegangen ist:

Ich habe der Philosophin von all diesen Studien erzählt und Ideen für neue Forschungsprojekte skizziert bis sie irgendwann eingeschlafen ist.

Quellen:

Almås, Ingvild, et al. „Fairness and the development of inequality acceptance.“ Science 328.5982 (2010): 1176-1178.

Cappelen, Alexander W., et al. „The pluralism of fairness ideals: An experimental approach.“ American Economic Review 97.3 (2007): 818-827.

Cappelen, Alexander W., Ranveig Falch, and Bertil Tungodden. „Fair and Unfair Income Inequality.“ Handbook of Labor, Human Resources and Population Economics (2020): 1-25.

Fehr, Ernst, Helen Bernhard, and Bettina Rockenbach. „Egalitarianism in young children.“ Nature 454.7208 (2008): 1079-1083.

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Weit verbreitete Irrtümer

Wer sind hier die Rassisten?

Rassismus.

Kaum ein Thema erhitzt die Gefühle so sehr wie die Abneigung gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe.

Das haben auch Wissenschaftler mitbekommen. Und so gibt es jetzt Unmengen an Studien in denen erforscht wird wer wann und wie rassistisch ist.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit lese ich häufig solche Studien oder arbeite selbst mit Daten, die einem viel über rassistische Einstellungen verraten.

Im Folgenden möchte ich dir eine interessante Erkenntnis mitteilen, die ich vor kurzer Zeit hatte.

Daten

Erinnerst du dich noch an den ANES Datensatz? Hierbei handelt es sich um eine Umfrage tausender US-Amerikanischer Haushalte.

Das Schöne ist, dass die Befragten repräsentativ für die US-Bevölkerung sind. Daher kann man durch eine Analyse der Umfrage Schlüsse auf die ganze Bevölkerung ziehen.

Ich habe den Datensatz schon einmal verwendet, um Trends der Race-Relations zu untersuchen. Den Artikel findest du hier. Eine Erläuterung zum ANES-Datensatz gibt es hier.

Nun wird die Umfrage alle 4 Jahre erhoben und die neuesten Daten sind gerade erhältlich. Neugierig wie ich bin, habe ich mal einen genaueren Blick darauf geworfen.

Und dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.

Definition von Rassismus

Doch bevor ich dazu komme, möchte ich noch kurz eine Definition vornehmen. Es wird gleich um Rassismus gehen. Und bevor ich Rassismus thematisiere, muss ich natürlich erst einmal erklären was ich damit meine.

Ich meine damit eine generell positivere Einstellung gegenüber einer „Race“ (z.B. Weiße) als gegenüber einer anderen „Race“ (z.B. Schwarze).

Jemand der also generell Weiße lieber mag als Schwarze, der ist nach meiner Definition ein Rassist. Genauso ist jemand, der Schwarze generell lieber mag als Weiße ein Rassist.

Sicherlich kann man Rassismus auch ganz anders definieren. Ich behaupte nicht, dass meine Definition „die Richtige“ ist (so etwas wie eine richtige Definition gibt es meist auch nicht). Meine Definition entspricht aber wahrscheinlich dem gängigen Verständnis davon was Rassismus ist und ist somit ein plausibler Ausgangspunkt.

Rassismus messen

Ein weiterer Vorteil dieser Definition ist, dass wir so definierten Rassismus mit den ANES-Daten messen können. Alle Teilnehmer wurden nämlich gefragt, wie wohlgesinnt sie Weißen sind. Sie konnten sich eine Zahl zwischen 0 und 100 aussuchen. 100 bedeutet extrem wohlwollend, 0 bedeutet sehr feindselig.

Den Teilnehmenden wurde auch genau die gleiche Frage mit Schwarzen anstatt Weißen gestellt.

Dies bedeutet, dass wir mithilfe dieser Daten für jeden Befragten sehen können, ob er oder sie im Allgemeinen Weiße oder Schwarze lieber mag. Und somit können wir Rassismus, wie ich ihn definiert habe, messen.

Menschen, die beide Races gleich gern mögen sind keine Rassisten. Jeder der verschiedene Werte angibt (Zum Beispiel 70 für Weiße und 50 für Schwarze) wird als Rassist klassifiziert.

Interessant ist auch, dass es nun verschiedene Grade von Rassismus gibt,

Dies wird in Debatten zu diesem Thema häufig vergessen. Das ist denke ich ein Problem, denn Rassismus ist nicht gleich Rassismus. Es gibt Graustufen.

Jemand der lieber Geld für Moldau als für den Kongo spendet, weil er andere Weiße etwas lieber mag als Schwarze ist leicht rassistisch. Jemand der mit einer AK in den Kongo fliegt, um aus Spaß Schwarze zu erschießen ist sehr rassistisch. Es wäre töricht diese beiden Personen in eine Schublade zu stecken. Sie unterscheiden sich offensichtlich stark.

Meine Definition ermöglicht es, diesen Unterschied in Zahlen auszudrücken. Je größer der Unterschied in den Sympathiewerten zwischen den beiden Races, desto rassistischer ist der Mensch.

Ach ja, eine wichtige Sache noch: erhoben wurden die Daten 2020, kurz nach der Wahl Bidens zum Präsidenten.

So weit zu gut, nun auf zu den Ergebnissen.

Ergebnisse

Ich werde jetzt zunächst einmal nicht zwischen Rassismus gegen Weiße und Rassismus gegen Schwarze unterscheiden.

Das heißt, jemand der gegenüber Schwarzen eine Sympathie von 100 und gegenüber Weißen eine Sympathie von 50 hat, bekommt den gleichen Rassismuswert zugewiesen wie jemand, der gegenüber Schwarzen eine Sympathie von 50 und gegenüber Weißen eine Sympathie von 100 angegeben hat, nämlich 50.

Sieh dir Abbildung eins an.

Dort siehst du ein Häufigkeitsdiagramm der Rassismus-Variable, separat für Biden-Wähler und trump-Wähler. Auf der x-Achse ist der Rassismus abgetragen. Je höher die Werte desto höher ist der Rassismus. Ein Wert von 100 bedeutet, dass jemand einer der beiden Races eine Sympathie von 100 (von 100 möglichen Punkten) zugewiesen hat, und der anderen Race einen Wert von 0. So eine Person findet also eine der Races maximal sympathisch und die andere maximal unsympathisch. Liebe für die eine Gruppe, Hass für die andere. Das sind Rassisten wie sie man sich vorstellt.

Bei einem Wert von 20 ist der Unterschied in den Sympathiezuweisungen nur 20 und so weiter. Kein Rassist ist man nur wenn man beiden Gruppen den gleichen Wert zuweist.

Auf der y-Achse ist die relative Häufigkeit abgetragen. Je höher der Balken, desto mehr Menschen haben einen Rassismuswert in den entsprechenden Bereich.

Im ersten Balken sind beispielsweise alle inbegriffen die gar nicht rassistisch sind oder einen Rassismuswert von weniger als 10 haben.

Nun ist die Abbildung in zwei Teildiagramme unterteilt.

Wo ist da der Unterschied?

Ganz einfach!

Das untere Diagramm bezieht sich nur auf Trump-Wähler. Im oberen Diagramm sind dagegen die Rassismus-Werte der Biden-Wähler abgetragen.

Abbildung 1: Häufigkeitsdiagramm des Rassismus, separat für Biden-Wähler (oben) und Trump-Wähler (unten). Die x-Achse gibt die Stärke des Rassismus an. Die y-Achse gibt die relative Häufigkeit an. Jedes Teildiagramm besteht aus 10 Balken. Je höher der Balken, desto häufiger kommt der auf der x-Achse angegebene Rassismuswert bei den Wählern vor. Die Fläche des Balkens gibt die relative Häufigkeit des Rassismuswertes an.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.

Alles klar?

Super, jetzt können wir anfangen die Abbildung zu interpretieren.

Schauen wir uns zunächst die Trump-Wähler an.

Trump-Wähler

Wie man sieht, sind die meisten Trump-Wähler keine Rassisten oder nur sehr leicht rassistisch. Tatsächlich gibt die überwiegende Mehrheit bei beiden Races den gleichen Wert an.

Rassismus existiert unter Trump-Wählern aber durchaus.

Wer hätte das gedacht?

Dies erkennt man an den roten Balken rechts von der 0.

Dabei gilt, dass der stärkste Rassismus auch am seltensten ist. Es gibt also schon einige Leute, die eine Race leicht gegenüber der anderen bevorzugen aber nur wenige, die sehr stark diskriminieren.

Aber auch solche Menschen gibt es wie der kleine Rote Balken ganz weit rechts zeigt. Vorzeigerassisten existieren auch jetzt noch.

Biden-Wähler

Besonders interessant ist aber der Vergleich mit den Biden-Wählern.

Intuitiv würde man vermuten, dass Trump-Wähler deutlich rassistischer sind als Biden Wähler und diese, wenn überhaupt nur einen minimalen Rassismus aufweisen.

Dies ist aber nicht der Fall!

Wie man im oberen Teil des Diagramms sieht, ist auch die Mehrheit der Biden-Wähler nicht rassistisch.

Allerdings zeigen die blauen Balken rechts der 0 auch an, dass Rassismus unter den Biden-Wählern durchaus keine Seltenheit ist.

Wir sehen auch wieder, dass stark ausgeprägter Rassismus seltener ist als schwach ausgeprägter Rassismus.

Aber das ist noch längst nicht alles.

Wenn man die beiden Teildiagramme miteinander vergleicht, gewinnt man den Eindruck, dass Biden-Wähler mehr Rassismus aufweisen als Trump-Wähler.

Ja, richtig gelesen. Unter Trump-Wählern gibt es Rassisten aber unter Biden-Wählern gibt es noch mehr Rassisten!

Und ja, ich habe die Ergebnisse vielfach gecheckt. Mir ist sicher kein Fehler unterlaufen. Aber in ein paar Minuten werden dich die Ergebnisse auch wahrscheinlich nicht mehr wundern.

Trump vs. Biden

Man kann den Vergleich zwischen den beiden Wählergruppen auch noch etwas transparenter gestalten.

Dazu dient das folgende Diagramm.

Abbildung 2: Häufigkeitsdiagramm des Rassismus, separat für Biden-Wähler (blau) und Trump-Wähler (rot). Die x-Achse gibt die Stärke des Rassismus an. Die y-Achse gibt die relative Häufigkeit an. Für Trump- und Biden-Wähler gibt es jeweils 10 Balken. Die Balken sind nicht gestapelt. Je höher der Balken, desto häufiger kommt der auf der x-Achse angegebene Rassismuswert bei den Wählern vor. Die Fläche des Balkens gibt die relative Häufigkeit des Rassismuswertes an.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.

Du kannst dir vorstellen, dass ich die beiden Teildiagramme von oben transparent gemacht und dann übereinandergelegt habe.

Das Resultat ist Abbildung 2.

Weil die Balken jeweils den Prozentsatz der Trump- bzw. Biden-Wähler mit einem bestimmten Rassismuswert angeben, kann man die Höhe der Balken direkt miteinander vergleichen.

Indem wir die beiden ersten Balken (bei 0) miteinander vergleichen können wir zum Beispiel erkennen, dass es unter den Trump-Wählern mehr Menschen gibt, die gar keine rassistischen Einstellungen haben.

Wie gesagt, das heißt nicht, dass es unter Trump-Wählern keine Rassisten gibt. Es heißt nur, dass Rassismus unter Biden-Wählern noch weiter verbreitet ist.

Dies erkennt man auch daran, dass die Balken der Biden-Wähler rechts der 0 höher sind als die der Trump-Wähler.

Rassismus ist divers

Wie kann das sein?

Ist White-Supremacism, also der Glaube daran, dass Weiße den Schwarzen überlegen sind, nicht unter Trump-Wählern weiterverbreitet als unter Biden-Wählern?

Ja, ist es!

Aber dieses Resultat steht nicht im Widerspruch zu den eben gezeigten.

Um das zu verstehen, müssen wir uns die folgende Abbildung ansehen.

Sie ähnelt Abbildung 1 stark. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Diesmal unterscheide ich zwischen Rassismus gegen Weiße und Rassismus gegen Schwarze.

Rassismus gegen Schwarze wird nun rechts von der 0 dargestellt, wie gehabt. Je weiter rechts von der 0 wir uns befinden desto stärker werden Weiße gegenüber Schwarzen bevorzugt.

Rassismus gegen Weiße wird jetzt links von der 0 dargestellt. Je weiter links von der 0 desto stärker ist der Rassismus gegen Weiße.

Abbildung 3: Häufigkeitsdiagramm des Rassismus, separat für Biden-Wähler (oben) und Trump-Wähler (unten). Die x-Achse gibt die Stärke des Rassismus an. Die y-Achse gibt die relative Häufigkeit an. Je höher der Balken, desto häufiger kommt der auf der x-Achse angegebene Rassismuswert bei den Wählern vor. Die Fläche des Balkens gibt die relative Häufigkeit des Rassismuswertes an.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.

Trump-Wähler

Sehen wir uns zunächst wieder mal die Trump-Wähler an.

Wie wir schon gesehen haben, ist Rassismus bei den meisten Trump-Wählern schwach ausgeprägt.

Aber nun können wir sehen in welche Richtung der Rassismus der Trump-Wähler geht.

Rechts von der 0 sin die Balken deutlich höher als links davon. Dies bedeutet, dass es unter den Trump-Wählern deutlich mehr Anti-Schwarze als Anti-Weiße gibt.

Wer hätte das gedacht?

Biden

Wieder einmal ist es interessanter sich die Biden-Wähler anzusehen. Wir hatten schon herausgefunden, dass es unter ihnen mehr Rassisten gibt als unter den Trump-Wählern.

Aber gegen wen richtet sich dieser Rassismus?

Am oberen Teil der Abbildung kann man ganz klar erkennen, dass die Balken links von der 0 größer sind als rechts davon.

Dies bedeutet, dass die meisten Rassisten unter den Biden-Wähler Anti-Weiß sind.

Trump vs. Biden

Um die beiden Wählergruppen noch besser vergleichen zu können habe ich in Abbildung 4 die Verteilungen wieder übereinandergelegt.

Hier kann man deutlicher erkennen, dass Biden-Wähler zwar eher anti-Weiß sind, aber es durchaus einige Anti-Schwarze in ihren Reihen gibt. Anti-Weiße sind unter Trump Wählern dagegen sehr selten.

In diesem Sinne ist Rassismus unter Trump-Wählern nicht nur etwas schwächer ausgeprägt, sondern auch einseitiger.

Abbildung 4: Häufigkeitsdiagramm des Rassismus, separat für Biden-Wähler (blau) und Trump-Wähler (rot). Die x-Achse gibt die Stärke des Rassismus an. Die y-Achse gibt die relative Häufigkeit an. Die Balken sind nicht gestapelt. Je höher der Balken, desto häufiger kommt der auf der x-Achse angegebene Rassismuswert bei den Wählern vor. Die Fläche des Balkens gibt die relative Häufigkeit des Rassismuswertes an.
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis des 2020 ANES-Datensatzes.

Somit löst sich auch der vermeidliche Widerspruch ganz einfach auf.

Ja, unter Trump-Wählern gibt es mehr White-Supremacists. Aber gleichzeitig gibt es unter ihnen weniger Rassisten im Allgemeinen.

Dies ist dadurch zu erklären, dass es auch Rassismus gegen Weiße gibt. Dies wird in Debatten häufig vergessen. Und dieser Rassismus ist unter den Biden-Wählern viel stärker ausgeprägt als unter den Trump-Wählern, sodass Biden-Wähler insgesamt rassistischer sind.

Dies lässt sich auch gut anhand von Durchschnittswerten verdeutlichen. Im Durchschnitt weisen Trump-Wähler Weißen einen Sympathiewert von 69.9 und Schwarzen eine Sympathiewert von 64.1 zu. Ein klarer Fall von Rassismus (im Durchschnitt).

Bei Biden-Wählern ist es einfach genau andersherum. Im Durchschnitt weisen Biden-Wähler Weißen einen Sympathiewert von 66.1 und Schwarzen eine Sympathiewert von 73.7 zu.

Diese Unterschiede sind übrigens alle hochsignifikant. Die Stichprobe umfasst schließlich über 8000 Befragte.

Die Lehre

Es ist mir schon häufig in Debatten aufgefallen, dass eine sehr einseitige Vorstellung von Rassismus vorherrscht. Es wird immer implizit davon ausgegangen, Rassismus würde immer nur von Weißen ausgehen und nur Schwarze könnten Opfer von Rassismus sein.

Beispielsweise hat Google einen Rassismus-Index definiert, um Regionen danach zu sortieren wie rassistisch sie sind.

Wie sah der aus?

Ganz einfach!

Sie haben einfach gezählt wie häufig in einer bestimmten Region das N-Wort in Suchen vorkam.

Natürlich gibt es auch herabwürdigende Begriffe für Weiße. Aber das wurde in dem Index einfach nicht berücksichtigt. Eine Region, die von Menschen bevölkert wird, die Weiße hassen und regelmäßig in Foren gegen Weiße hetzten, würde also von diesem Index als vollkommen unrassistisch bezeichnet.

Dies liegt aber nicht daran, dass kein Rassismus vorliegt, sondern daran, dass die dem Index zugrundeliegende Definition vom Rassismus asymmetrisch ist.

Rassismus gegen die einen wird gewertet, Rassismus gegen die anderen wird ausgeblendet.

Das macht nicht nur Google so. Seht euch Beiträge zum Thema Rassismus an. Und diese einseitige Betrachtung ist so weit verbreitet, dass sie mittlerweile in den Köpfen der Menschen fest verankert ist und sie zu sehr falschen Entscheidungen treiben kann.

Hier ist Aufklärung gefragt.

Und in solchen Momenten freue ich mich darüber Forscher zu sein. Denn das ermöglicht es mir bei dieser Aufklärung zu helfen 🙂

Quellen

American National Election Studies. 2021. ANES 2020 Time Series
Study Preliminary Release: Combined Pre-Election and Post-Election
Data [dataset and documentation]. March 24, 2021 version.
www.electionstudies.org

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Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Mein Taschenrechner für ein Pferd

Der Konsul

Incitatus lebte im 1. Jahrhundert nach Christus in Rom. Er war ein Günstling des Kaisers Caligula, der alles Erdenkliche tat um ihm ein angenehmes, sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Der Kaiser liebte den Sport und die Spiele, und so war es nicht verwunderlich, dass er Incitatus, der ein außergewöhnlicher Sprinter war, nicht nur liebgewonnen hatte, sondern ihn gleichsam vergötterte. Er kaufte ihm eine Villa, bezahlte seine Bediensteten etc. All das konnten die Senatoren und das römische Volk hinnehmen. Doch als Caligula seinen Günstling in das Amt eines Konsuls erheben wollte, regte sich Widerstand in den Reihen des Senats. Die Politik solle den Politikern überlassen werden. Sportler hätten nicht die Qualifikationen, die für das Amt des Konsuls benötigt werden.

Die Lage wurde noch durch einen weiteren Umstand erschwert. Incitatus war nämlich nicht nur kein ausgebildeter Politiker, er war auch ein Pferd. Ja, richtig gehört. Der dritte römische Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie wollte ein Rennpferd zum Konsul ernennen. „Das ist doch Wahnsinn!“ dachten sich wohl die meisten Römer, als sie von diesem Vorhaben erfuhren. Und wir würden ein solches Unterfangen heutzutage nicht weniger verurteilen. Und tatsächlich hat sich das Bild vom „verrückten“ Kaiser Caligula über die Jahrhunderte hinweg gehalten.

Doch war die Entscheidung ein Pferd zum Konsul zu ernennen wirklich so verrückt? Wieso gehen wir eigentlich davon aus, dass Pferde (und übrigens auch viele andere Tiere) einfach nur dumm sind? Kann es nicht vielleicht sein, dass wir sie nur nicht verstehen? Dass sie nur durch mangelnde Bildung so wild und unzivilisiert erscheinen? Wenn man einen Menschen die ersten 20 Jahre seines Lebens in einen Käfig steckt und nicht mit ihm redet wird er danach wohl auch kein Professor mehr oder? Und tatsächlich: Im Jahre 1904 gelang dem Mathematiklehrer Wilhelm von Osten etwas Unglaubliches. Er brachte einem Pferd das rechnen bei. Dieses Pferd sollte als der kluge Hans in die Geschichte eingehen.

Ein tierisch guter Kopfrechner

Da Hans nicht sprechen konnte, beantwortete er die Fragen des Lehrers durch Nicken, Kopfschütteln und festes Auftreten mit dem rechten Vorderhuf. Bei den Fragen die das Pferd beantwortete handelte es sich nicht nur um Fragen des kleinen Einmaleins. Hier eine Liste von Fähigkeiten, die Oskar Pfungst in seiner kritischen Untersuchung zu dem Fall anführt:

Die Reihe der Grundzahlen von 1 bis 100 beherrschte Hans offenbar mit verblüffender Sicherheit, die Reihe der Ordnungszahlen wenigstens bis 10. Objekte aller Art zählte er auf Wunsch, so die anwesenden Personen, auch nach den Geschlechtern getrennt, ihre Hüte, Schirme, Kneifer. […] Nicht nur zählen, auch rechnen konnte der Hengst. Die vier Grundrechnungsarten waren ihm durchaus geläufig. Gemeine Brüche wandelte er in Dezimalbrüche und diese in jene, löste auch Regeldetri [Dreisatz]-Aufgaben und dies alles so spielend, dass ihm Ungeübte oft nur schwer zu folgen vermochten.

Pfungst veranschaulicht diese außergewöhnlichen Fähigkeiten, indem er folgende Beispiele anführt:

Frage: „Wieviel ist 2/5 und ½?“ Antwort: 9/10. (Hans klopfte bei allen Brüchen, die er angab, erst den Zähler, dann den Nenner; in dem vorliegenden Fall also erst 9, dann 10). Oder: „Ich denke mir eine Zahl. Ich ziehe 9 davon ab und behalte 3 übrig. Welche zahl habe ich mir gedacht?“ – 12. „Durch welche Zahlen ist 28 teilbar?“ – Darauf nacheinander: 2, 4, 7, 14, 28. Oder: In der Zahl 365287149 wurde hinter die 8 ein Komma gesetzt und gefragt: „Wieviel Hunderter sind es jetzt?“ – 5.“Wieviel Zehntausendstel?“ – 9.

Oh man, hätte ich im Kopfrechnen gegen dieses Pferd antreten müssen, ich hätte so-was-von verloren!

Das haben sich wohl auch damals viele Leute gedacht. Und wer will schon für dümmer als ein Pferd gehalten werden? So machten sich schnell Stimmen laut, es handle sich bei dem rechnenden Pferd um Betrug. 

Doch war es äußerst schwer, diesen Betrug nachzuweisen. Es gab keine geheimen Zeichen, die der Lehrer seinem Pferd gab und das Pferd beantwortete auch von anderen gestellte Fragen in der Regel richtig (sogar dann, wenn der Besitzer abwesend war). Auch gab es keinen wirklichen Grund einen Betrug zu vermuten. Wilhelm von Osten verlangte nie Eintritt oder sonstige Gebühren von den Menschen, die sein Pferd und dessen Fähigkeiten bewundern wollten. Der Betrug hätte sich also für ihn nicht gelohnt.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Wissenschaftler an der Frage wieso das Pferd zu solchen Leistungen fähig ist, verzweifelt sind. Ist es nicht vielleicht doch möglich, dass ein Pferd so klug ist?

Das Rätsel

Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel, welches Carl Stumpf damals wie folgt ausformulierte:

Ein Pferd, das auf Multiplikations- und Divisionsaufgaben durch Tritte richtig antwortet. Persönlichkeiten von unbezweifelbarer Ehrenhaftigkeit, die in Abwesenheit seines Lehrmeisters solche Antworten erhalten und versichern, dabei nicht das geringste Zeichen gegeben zu haben. Tausende von Zuschauern während vieler Monate, Pferdekenner, Trick-Kenner ersten Ranges, unter denen nicht ein einziger irgendwelche regelmäßige Zeichen bemerkt.

Wie ist das möglich?

Nicht ganz einfach oder? Ideen für Lösungsansätze?

Die Lösung

Die Auflösung des Rätsels um das Pferd des Herrn von Osten erfolgte am 9. Dezember 1904, nachdem der kluge Hans die Öffentlichkeit fast ein Jahr in Erstaunen versetzt hatte. Es war Oskar Pfungst, der bemerkte, dass der Fragesteller dem Pferd zwar keine bewussten Zeichen gab, er aber unbewusst minimale Signale an das Pferd gab, die dieses sofort richtig zu interpretieren wusste.

Ein Beispiel:

Wenn jemand dem Klugen Hans eine Mathematikaufgabe stellte, sollte das Pferd die Antwort in Hufschlägen geben. War die richtige Antwort z.B. 10, so schlug er 10mal mit dem Huf auf. Er schlug also erst 1mal, dann 2mal, dann 3mal usw. mit dem Huf auf den Boden. Schlug er das 10. Mal auf, sah er, an der Reaktion des Fragestellers sofort, dass dies die richtige Antwort war. Der Fragesteller selbst, war sich der Zeichen, die er dem Pferd gab allerdings völlig unbewusst.

Das heißt also, wenn das Pferd den Fragesteller nicht sah, wusste es nicht wann es mit dem Klopfen aufhören sollte, und wenn der Fragesteller selbst die Antwort auf seine Frage nicht kannte, konnte auch das Pferd keine richtige Antwort geben.

Oskar Pfungst gelang es schließlich, die genauen Zeichen auszumachen und bewusst zu imitieren. So konnte er zeigen, woher der Kluge Hans seine Antworten nahm.

Aber was bedeuten diese Erkenntnisse für unseren Fall des Konsul-Pferdes Incitatus? Wäre das Pferd damals tatsächlich zum Konsul ernannt worden, so hätte man ihm wohl auch beibringen müssen auf irgendeine Art und Weise Zustimmung und Missfallen auszudrücken. Gehen wir mal davon aus, Incitatus hätte wie Hans gehandelt und die Zeichen in der Mimik seiner Bittsteller, Kontrahenten und Gesandten abgelesen und darauf reagiert. Er hätte wohl immer die Antwort gegeben, die sich sein Gegenüber erhofft hatte.

Wäre das wirklich so ein schlechter Konsul gewesen?

Mit dieser Frage lasse ich euch erst mal alleine.

Quellen

Pfungst, Oskar. Das Pferd des Herrn von Osten (Der kluge Hans). Leipzig 1907.

Sanford, Edmund. Der Kluge Hans and the Elberfeld Horses. In: The American Journal of Psychology. 1914 Vol. 25, No. 1, S. 1-31.

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Weit verbreitete Irrtümer

Propaganda Teil 1: Bekanntheit

Einführung in die Reihe

Propaganda.

Ein Wort, dass im 3. Reich noch ein Synonym für Aufklärung war, ist heute ziemlich negativ konnotiert.

Und wie fast immer tragen die Nazis die Schuld.

Wie dem auch sei.

Propaganda ist ein treffender Begriff für das Thema dieser Reihe.

Ob wir Werbung sehen, die Antifa-Sticker an der Bushaltestelle betrachten, uns die Telegram-Posts von Attila Hildmann reinziehen, die Meinungsspalte in Zeitschriften lesen oder einfach nur unseren Freunden am Stammtisch zuhören – andauernd versuchen uns Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Meinung richtig ist und wir sie übernehmen sollten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Manchmal haben diese Leute recht. Natürlich weiß niemand von uns alles über Politik und wir sind vielleicht gut beraten die Meinung unseres Freundes zu übernehmen. Genauso können Meinungen, die über Zeitungen verbreitet werden, informativ sein und der Aufklärung dienen.

Diese Überlegung wirft eine wichtige Frage auf: Wo hört Aufklärung auf und wo beginnt Propaganda?

Was verstehe ich unter „Propaganda“?

Diese Frage ist, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu beantworten. Dies liegt unter anderem daran, dass es auf viele Fragen keine Ja-Nein Antworten geben kann, weil diese auch von Werturteilen abhängen.

Ich versuche daher gar nicht erst gute Aufklärung von schlechter Propaganda zu unterscheiden.

Statt zu unterscheiden, stelle ich vielmehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Dingen fest.

Denn selbst wenn Aufklärung wohlgemeint ist, hat sie dennoch oft manipulative Züge.

Einfachstes Beispiel: Erziehung. Kein gutes Elternteil würde seinem 5-jährigen Sprössling sachlich korrekt die Vor- und Nachteile des Beachtens von Straßenregeln erklären.

Stattdessen wird, strenggenommen, manipuliert.

Es wird gelogen: „Ich merke das, wenn du bei Rot über die Ampel gehst, auch wenn ich nicht da bin.“

Es werden Autoritätsargumente benutzt: „Schau mal, der große Junge da macht das auch so.“

Und es wird auf Emotionen gezielt: „Du willst uns doch nicht enttäuschen, oder?“

Alles eigentlich ziemlich miese Tricks. Über Politiker, die solche Mittel gegenüber der Bevölkerung verwenden, redet man nur mit Verachtung.

Aber glaubt mir, ich bin ziemlich froh, dass mich meine Eltern damals auf diese Weise manipuliert haben. Ihr nicht?

Ich will damit nicht sagen, dass alle Bürger wie Kinder sind. Ich will nur darauf hinaus, dass der manipulative Charakter von Propaganda auch zum Guten genutzt werden kann, zum Beispiel dazu, dass wir uns sinnvolle Verhaltensweisen aneignen. Dort geht die Propaganda dann auch fließend in die Aufklärung über.

Statt also eine zähe Diskussion darüber zu führen, wo man den Schnitt zwischen den beiden zieht, scheint es mir sinnvoller, die manipulativen Methoden zu beleuchten, die beiden Dingen unterliegen.

Worum es hier geht

Wenn ich von Propaganda rede, meine ich also diese Methoden. Tricks, wie das Verweisen auf Autoritäten, mit denen Menschen in ihrem Handeln beeinflusst werden können. Praktisch ein Werkzeugkasten für Manipulierer.

Solche Werkzeuge können für verschiedene Zwecke verwendet werden. Und das werden sie auch. Jeder nutzt solche Techniken täglich und in allen möglichen Situationen. Schließlich wollen wir andauernd Menschen für uns gewinnen. Wir schreiben besonders nette Mails an unsere Chefs und schmeicheln ihnen, häufig sind wir nicht weit vom Lügen entfernt.

Ähnlich ist es beim Flirten. Eigentlich ist Flirten doch nichts anderes als das geschickte Nutzen manipulativer Tricks.

Feilschen ist ein weiteres Beispiel.

Denkt mal drüber nach. Manipulation ist überall.

All dieser Manipulation liegen bestimmte Techniken zu Grunde, die den meisten Menschen intuitiv vertraut sind. Manche Menschen sind sehr gut in der Anwendung, andere eher schlecht.

In dieser Reihe geht es um die Wissenschaft hinter diesen Techniken. Psychologen, Soziologen, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich schon lange damit.

Das Schöne an diesem Ansatz ist, dass er nicht zweckgebunden ist.

Ob ihr euer Kind effektiv vor Drogenkonsum schützen, oder das vierte Reich begründen wollt, ich zeige euch wie. 🙂

In jedem Artikel dieser Reihe geht es um ein bestimmtes Werkzeug der Manipulation. Ich stelle wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Mechanismus dar und erkläre anhand dieser Studien wann und wie stark das Werkzeug wirkt.

Und jetzt geht es auch sofort los, mit dem ersten Werkzeug der Reihe: Bekanntheit.

Ein Mann namens Brown

Es war einmal ein Mann namens Walter Smith.

Smith hatte sich ein Ziel gesetzt. Er wollte unbedingt Bürgermeister seiner Heimatstadt werden – Ohio.

Doch es gab ein Problem.

Niemand kannte ihn. Er war ein Neueinsteiger in die Politik. Seine Chancen waren verschwindend gering.

Wie sollte Smith Menschen davon überzeugen ihn zu ihrem Anführer machen, wenn sie ihn noch nicht einmal kennen?

Ganz einfach!

Ohio ist die Stadt der Browns. Kein anderer Nachname wurde von so vielen Bürgermeistern, hohen Richtern und anderen hochrangigen Personen getragen. Mit dem Namen Brown verbinden die Bürger Ohios Kompetenz und Expertise.

Das machte sich Walter Smith zu Nutze.

Kurzerhand änderte er seinen Nachnamen in Brown um.

Die Bürger Ohios bemerkten den Schwindel nicht sondern glaubten, der junge Kandidat gehöre dem alt-ehrwürdigen Geschlecht der Browns tatsächlich an.

War er vielleicht ein entfernter Großneffe von George Brown, dem ehemaligen Bürgermeister?

Ob ihr es glaubt oder nicht, Walter Smith (ähm, ich meine Brown) wurde entgegen aller Erwartungen gewählt.

Die Idee

Diese Anekdote erzählt zumindest Robert Cialdini. Der emeritierte Professor für Psychologie hat jahrzehntelang erforscht wie sich Menschen überzeugen lassen – davon ein Produkt zu kaufen, auf ein date zu gehen oder eben jemanden zu wählen.

Um ehrlich zu sein sind wir nicht sicher, ob sich die Mr. Brown Geschichte wirklich zugetragen hat. Zwar tragen tatsächlich ungewöhnlich viele Führungspersönlichkeiten in Ohio den Namen Brown, doch die Geschichte vom Namenswechsler haben wir nur in Cialdinis Buch gefunden.

Wie auch immer.

Es geht natürlich nicht um das Beispiel.

Hinter der netten Anekdote verbirgt sich eine Idee:

Menschen fühlen sich zu ihnen bekannten Dingen und Menschen hingezogen. Wenn sich Menschen häufig mit etwas auseinandergesetzt haben werden sie im wahrsten Sinne des Wortes damit vertraut.

Also kann man vielleicht nur durch (vermeidliche) Bekanntheit das Vertrauen der Menschen gewinnen.

So waren die Wähler im Beispiel mit dem Namen Brown vertraut. Mr. Smith hat dies erkannt und geschickt für seine Zwecke genutzt.

Nun gut, vielleicht hat Cialdini dieses Beispiel wirklich nur erfunden. Es stellt sich also ein paar Fragen:

Existiert so ein Widererkennungseffekt in der Realität?

Falls ja, wie stark ist er?

Würde so eine „Brown-Strategie“ wirklich funktionieren?

Anekdoten sind gut, Experimente sind besser. Im Folgenden werde ich euch einige (psychologische) Experimente vorstellen, in denen sich dieser Fragen angenommen wurde.

Die Hypothese

Im Jahre 1968 formulierte Robert Boleslaw Zajonc die Mere-Exposure-Hypothese. Nach dieser Hypothese verbessert sich unsere Einstellung gegenüber Dingen dadurch, dass wir ihnen häufiger begegnen.

Dinge können hierbei andere Personen, Orte oder sogar Ideen und Theorien sein.

Was „positiv“ bedeutet erschließt sich aus dem Zusammenhang.

Zum Beispiel finden wir nach dieser Hypothese einen Menschen je attraktiver je öfter wir ihn sehen. Wir finden ein Argument überzeugenden einfach nur dadurch, dass wir es öfter hören. Und wir beurteilen ein Produkt alleine dadurch besser, dass wir häufiger davon hören.

Interessant, oder?

Ich denke diese Idee ist spannend, selbst wenn man davon zum ersten Mal hört. 😉

Die Evidenz

Nun gut, Hypothesen sind dazu da um getestet werden.

Überleg mal, wie würdest du die Mere-Exposure-Hypothese testen?

Eine Möglichkeit bestünde darin Versuchspersonen in ein Labor einzuladen und ihnen dann verschiedene erfundene Wörter (z.B. Ahilog) verschieden oft zu zeigen. Man könnte die Teilnehmer dann bitten nach dem Zeigen anzugeben, wie positiv sie das Wort bewerten.

So hat auch Zajonc tatsächlich seine Hypothese erstmals zu belegen versucht (Zajonc, 1968).

Das Ergebnis: Je häufiger den Teilnehmern ein Wort gezeigt wurde, desto positiver bewerteten sie es.

Aber Vorsicht!

Gerade in älteren Studien wurde nicht immer ganz sauber gearbeitet. Ein großes Problem alter psychologischer Studien sind die Stichprobengrößen.

In der eben erwähnten Studie von Zajonc nahmen gerade einmal 44 Personen teil. Das ist eigentlich viel zu wenig, um Rückschlüsse auf Verhaltensweisen der Bevölkerung ziehen zu können.

Auf dieses Problem werde ich später noch zurückkommen. Aber gut, die Studie ist ein Anfang.

Einen interessanten Beleg für die Hypothese haben Theodore Mita und seine Co-Autoren 1977 geliefert.

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass ihr euch selbst ja meistens im Spiegel seht? Wir alle sehen uns anders, als unsere Umwelt uns wahrnimmt, nämlich spiegelverkehrt.

Was denkt ihr besagt nun die Mere-Exposure-Hypothese?

Dass uns unser Spiegelbild besser gefällt als das Original und das dies bei unseren Freunden genau umgekehrt ist!

Und genau das haben die Autoren getestet.

Sie haben Liebespaare in ihr Labor eingeladen. Dort wurden Fotos von je einer Person je Paar gemacht. Beiden Partnern wurde dann das Foto sowie ein gespiegeltes Foto gezeigt.

Beide Personen sollten dann angeben welches Foto sie schöner finden.

Und ihr ahnt es: die fotografierten Personen fanden das gespiegelte Bild schöner, während die Freunde das normale Bild präferierten.

Allerdings: Auch an dieser Studie nahmen recht wenig Subjekte teil, 61, um genau zu sein. Diese geringe Zahl an Teilnehmern führte dazu, dass nicht alle Ergebnisse der Studie statistisch signifikant sind.

Eine Meta-Analyse

So, nun haben wir zwei Studien behandelt, die beide zum selben Ergebnis führen aber beide zu kleine Stichproben verwenden, um aussagekräftige Schlüsse zuzulassen.

Wenn wir die Ergebnisse der Studien irgendwie sinnvoll kombinieren könnten, könnten wir vielleicht verlässlichere Aussagen treffen.

Genau das wird in einer sogenannten Meta-Analyse getan. Dort kombinieren Wissenschaftler die Ergebnisse vieler Studien, die eine bestimmte Hypothese untersuchen.

Eine solche Meta-Analyse wurde 2017 von Matthew Montoya und seinen Co-Autoren durchgeführt. In diese gingen nicht nur die Ergebnisse der beiden oben behandelten Studien ein. Es wurden ganze 81 Forschungsarbeiten verrechnet. Damit basieren die Erkenntnisse der Meta-Analyse auf Experimenten mit tausenden Versuchsteilnehmern, die über viele Jahre in unterschiedlichen Ländern durchgeführt wurden.

Die Autoren fanden heraus, dass die meisten Studien einen signifikanten Mere-Exposure-Effekt nachweisen können.

Dies gilt sowohl für einfache Stimuli wie Wörter, als auch für komplexe Stimuli wie Personen.

Unsere beiden Studien waren also keine Ausnahme, sondern Teil der Regel.

Die Mere-Exposure-Hypothese scheint tatsächlich zu stimmen!

Was bedeutet das für uns?

Kurze Zwischenfrage: wieso sollte man solchen Forschungsarbeiten eigentlich vertrauen?

Einfache Antwort: Weil sie von unabhängigen Fachleuten geschrieben werden und von anderen unabhängigen Fachleuten überprüft werden, bevor sie in einer Fachzeitschrift publiziert werden können. Das nennt man Peer-Review (mehr dazu hier).

Ein Professor hat mir einmal folgende kurze Geschichte dazu erzählt:

Er wollte einen neuen Artikel veröffentlichen. Er hatte eine ganz neue Theorie entwickelt, die einen ganz neuen Blick auf die Welt erschloss. Einer der Prüfer hatte jedoch einiges auszusetzen und verlangte von dem Professor den Artikel stark zu ändern. Der Professor sah dies nicht ein. Er wusste, dass die Kritik des Prüfers unbegründet war. Doch er konnte das dem Prüfer so nicht mitteilen. Das hätte ihn nämlich dumm dastehen lassen und womöglich sein Ehrgefühl verletzt.

Außerdem hatte der Professor eine Vermutung darüber, warum der Prüfer so misstrauisch war. Die Theorie war einfach zu neu, zu anders als alles andere, dass der Prüfer je gesehen hatte. Er reagierte nicht ablehnend auf die Theorie, sondern nur auf deren Neuartigkeit. Der Prüfer musste sich einfach nur an die Theorie des Professors gewöhnen.

Was denkt ihr hat der Professor gemacht?

Er hat dem Prüfer für seine Kritik gedankt, den Titel leicht geändert und die Forschungsarbeit ansonsten vollkommen unverändert einige Wochen später wieder zurückgeschickt.

Diesmal wurde der Artikel vom Prüfer in den höchsten Tönen gelobt und sofort veröffentlicht.

Eine mögliche Erklärung für die veränderte Reaktion des Prüfers ist der Mere-Exposure-Effekt. Bloßes Wiederholen der Nachricht ließ eine wissenschaftliche Theorie in den Augen eines Fachmanns so viel wahrscheinlicher erscheinen, dass es ihn umstimmte.

Woher kommt Mode?

Natürlich ist dies nur ein Beispiel. Und man kann das Verhalten des Prüfers auch sicher anders erklären.

Ich möchte euch hier nur eine Idee dafür geben wie bedeutend dieser Effekt wohl ist.

Denkt mal an Mode. Ich habe mich schon immer gefragt warum man gestern noch für einen bestimmten Style ausgelacht wurde, der heute auf einmal „Mode“ ist. Mir fällt da zum Beispiel der Aufstieg der Anime ein, aber es gibt sicher bessere Beispiele. An was denkst du gerade?

Ich denke, das lässt sich gut durch den Mere-Exposure-Effekt erklären.

Wenn man japanische Animes noch nie gesehen hat, findet man sie zunächst ungewöhnlich und komisch. Diese riesigen runden Augen, die übertriebene Gestik und aus irgendeinem Grund stehen fast immer die Haare der Hauptcharaktere ab.

Man lehnt das Ganze instinktiv ab, weil es unvertraut ist. Doch durch bloßes Wiederholen, dadurch dass man öfter damit konfrontiert wird, findet man die Serien immer sympathischer, bis man nachher mit Ende 20 Fan-Fiction von Dragonball suchtet (dieses hier ist übrigens richtig gut!).

Der Mere-Exposure-Effekt kann also den Aufstieg immer neuer Moden erklären.

Aber auch für ernstere Themen ist der Effekt relevant.

Über Donald Trump und Dating

Der Effekt legt nahe, dass Werbung funktioniert. Schon das wiederholte Zeigen eines Produkts kann uns dazu verleiten es als besser einzustufen.

Dies gilt aber nicht nur für Produkte, sondern auch für Menschen. Wir finden Schauspieler vielleicht nur besonders attraktiv, weil wir sie häufig sehen.

Seht euch mal das folgende Bild von Justin Bieber an. Wenn ihr so wie ich fast nie die neuesten Geschichten von Promis reinzieht, werdet ihr wohl auch nicht verstehen, warum so viele Frauen auf ihn stehen.

Justin Bieber kurz vor seiner Hochzeit.

Dasselbe gilt auch für Politiker. Wir halten berühmte Politiker vielleicht für kompetenter als sie wirklich sind, einfach nur deshalb, weil wir so häufig von ihnen hören.

Dieser Effekt kann wirklich gefährlich für die Demokratie werden, weil Menschen einem Politiker auf diese Weise hörig werden können.

Denkt an Donald Trump und 2016. Er war einfach überall in den Nachrichten. Unabhängig davon, wie er dort dargestellt wurde hat alleine das wohl schon seine Wahl wahrscheinlicher gemacht (Grush et al. 1978, Grush 1980).

Was haben Donald Trump und Dating gemeinsam?

Auf beide wirkt der Mere-Exposure-Effekt!

Während er im Falle Trump wohl eher negative Auswirkungen hatte, ist er für das Dating aber hervorragend.

Fremdgehen ist eine ziemlich widerliche Sache.

Und zurecht regen sich Menschen immer wieder auf, wenn sie mitbekommen, dass jemand in ihrem Umfeld fremdgegangen ist.

Das Erste, das ich in solchen Situationen oft höre, ist: „Das hätte ich nie gedacht“.

Ich aber wundere mich immer darüber, dass Fremdgehen vergleichsweise selten ist. Natürlich gibt es keine verlässlichen Zahlen, aber alle mit bekannten Zahlen sind recht gering.

Und dabei ist es doch so einfach. Willige Partner gibt es in Städten wie Sand am Meer und mit Dating Apps findet man seinen Sexpartner mittlerweile sehr schnell.

Und mal im Ernst: Niemand hat den schönsten Menschen der Welt als Partner, es gibt immer jemand schöneren. Warum also gehen die Menschen nicht dauernd fremd?

Natürlich gibt es dafür viele Gründe und die Hauptgründe sind sicherlich Liebe und Moralvorstellungen.

Das will ich weder schlecht machen noch klein reden!

Doch auch unser guter Mere-Exposure-Effekt spielt hier eine Rolle.

Über ewige Liebe

Alleine dadurch, dass wir unseren Partner häufig sehen, wirkt er auf uns schöner als auf andere Menschen, und umgekehrt genauso!

Für andere Menschen sieht es also vielleicht so aus als gäbe es auf der Welt eine ganze Menge Singles, die attraktiver sind als unser Partner. Aber für uns ist das nicht so. Wir sind mit dem Gesicht und Körper unseres Partners vertraut, nicht mit dem Äußeren anderer Menschen. Das verschafft unserem Partner einen Boost, der ihn über die Konkurrenz erhebt.

Und umgekehrt bekommen wir auch einen Bonus von unserem Partner im Vergleich mit anderen Singles.

Das schönste aber ist: Je länger wir zusammen sind, desto länger hat der Mere-Exposure-Effekt Zeit zu wirken und umso stärker wird er.

Und so kann es sein, dass ein 90-Jahre alter Mann allen Ernstes vollkommen überzeugt davon ist, dass seine 90-Jahre alte Frau schöner ist als jedes 25-jährige Topmodel.

Schön, oder!

So, und bevor mir jetzt noch mehr pessimistische Beispiel aus der Politik einfallen belassen wir es besser dabei 😉

Denn das ist doch ein wirklich schönes Schlusswort: der Mere-Exposure-Effekt macht ewige Liebe möglich 🙂

Quellen

Grush, Joseph E., Kevin L. McKeough, and Robert F. Ahlering. „Extrapolating laboratory exposure research to actual political elections.“ Journal of Personality and Social Psychology 36.3 (1978): 257.

Grush, Joseph E. „Impact of candidate expenditures, regionality, and prior outcomes on the 1976 Democratic presidential primaries.“ Journal of Personality and Social Psychology 38.2 (1980): 337.

Mita, Theodore H., Marshall Dermer, and Jeffrey Knight. „Reversed facial images and the mere-exposure hypothesis.“ Journal of personality and social psychology 35.8 (1977): 597.

Montoya, R. Matthew, et al. „A re-examination of the mere exposure effect: The influence of repeated exposure on recognition, familiarity, and liking.“ Psychological bulletin 143.5 (2017): 459.

Zajonc, Robert B. „Attitudinal effects of mere exposure.“ Journal of personality and social psychology 9.2p2 (1968): 1.

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Weit verbreitete Irrtümer

Kenne dich selbst!

„Gnauthi seauton“, „nosce te ipsum“ oder einfach „kenne dich selbst“. Ob als Inschrift des Apollontempels in Delphi, als Gedicht von Novalis oder als Grundpfeiler der stoischen Philosophie – diese Aufforderung wird wohl jeder schon einmal gelesen oder gehört haben. Mit diesem Satz konfrontiert, stellen wir uns unwillkürlich die Frage, ob und wenn ja, wie gut wir uns eigentlich selbst kennen. Und was noch viel wichtiger ist: wie können wir uns selbst besser kennen lernen?

Diese Fragen beschäftigen die Menschen (nicht nur) in Europa schon seit tausenden von Jahren. Die meisten Versuche sie zu beantworten basierten auf Meditation, Introspektion und Isolation vom Rest der Gesellschaft. Aktuelle Forschung legt jedoch nahe, dass diese „klassischen“ Methoden zur Selbsterforschung keine akkuraten Antworten liefern können.

Was wissen wir über uns?

Wir alle tendieren dazu zu glauben mehr über uns zu wissen als alle anderen. Und tatsächlich gibt es auch gute Gründe dies anzunehmen. Niemand sonst hat Zugriff auf so viele Informationen über uns wie wir selbst. In einer Studie hat ein Forscherteam rund um Emily Pronin allerdings zeigen können, wie unzuverlässig Selbsteinschätzungen sein können.

45 College-WG-Paare (also insgesamt 90 Studenten) sollten im Wesentlichen folgende 4 Fragen beantworten:

  1. Wie gut kenne ich mich selbst?
  2. Wie gut kenne ich meinen Mitbewohner?
  3. Wie gut kennt mich mein Mitbewohner?
  4. Wie gut kennt sich mein Mitbewohner selbst?

Die Ergebnisse der Untersuchung lauteten wie folgt:

  1. Die Teilnehmer gaben an sich selbst besser zu kennen als ihr Mitbewohner.
  2. Die Teilnehmer gaben an ihren Mitbewohner besser zu kennen als dieser sie kennt.

Und diese Ergebnisse sind gut nachvollziehbar. Habt ihr nicht auch oft das Gefühl ihr wisst ziemlich genau, was jemand meint oder will, aber was ihr eigentlich sagen wollt versteht keiner?

Auf die Gründe wieso genau wir so denken gehen wir hier nicht näher ein. Für unsere Zwecke reicht zunächst die Feststellung, dass wir dazu neigen uns selbst mehr Wissen zuzuschreiben als anderen. Es ist klar, dass das schnell zu Selbstüberschätzung führen kann.

Und genau hier liegt das Problem.

Unser Wissen über uns selbst ist nämlich alles andere als perfekt und es schleichen sich immer wieder Fehler in unsere Selbsteinschätzung ein. Aber wie können wir diese Fehler vermeiden?

Der Game-Changer

Der Game-Changer ist, das Wissen anderer über uns selbst zu nutzen. Das Wissen anderer? „Was sollen die schon groß über mich wissen?“ wird sich jetzt sicher der ein oder andere fragen. Wie sollen andere denn auch ohne Zugriff auf alle unsere Gedanken und Emotionen eine Idee unseres „selbst“ bekommen? Wie wir weiter oben gesehen haben, ist das ein ganz natürlicher Gedanke.

Tja, ihr erinnert euch sicherlich. Wie so häufig ist dieser intuitive Gedanke falsch. Tatsächlich kennen uns Leute aus unserem Umfeld oft erstaunlich gut. Manchmal eben sogar besser als wir selbst.

Das zeigt eine Studie von Simine Vazire aus dem Jahre 2010.

Im Rahmen der Studie wurden 165 Studenten in Fünfergruppen aus Freunden eingeteilt. Unter anderem wurden die Teilnehmer gebeten sich und die anderen Mitglieder ihrer Gruppe in Bezug auf verschiedene Eigenschaften zu bewerten. Zum Beispiel sollten sie angeben wie ängstlich, dominant, gesprächig, kreativ oder intelligent sie selbst und ihre Gruppenmitglieder sind.

Anschließend wurden validierte Maße genutzt, um die Eigenschaften der Teilnehmer objektiv zu messen. Die Angaben der Studenten wurden mit den Ergebnissen dieser Tests korreliert.

Wichtig ist hier zu beachten, dass nur getestet wurde ob intelligente Menschen auch als intelligent eingeschätzt werden, nicht aber wie genau z.B. IQ-Werte oder G-Faktoren geschätzt werden.

Die folgende Graphik zeigt die Korrelationskoeffizienten der Angaben der Studienteilnehmer (höhere Werte stehen für eine höhere Übereinstimmung zwischen Angabe und objektiver Messung):

Genauigkeit der Einschätzung der eigenen Persönlichkeit und der Persönlichkeit von Freunden für unterschiedliche Eigenschaften (Vazire, Carlson 2011).

Ganz links sehen wir die Bereiche, die kaum beobachtbar und nicht besonders evaluativ sind. Dazu zählen vor allem von Gefühlen geprägte Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Optimismus etc. Wie wir sehen, schneiden die Selbsteinschätzungen hier deutlich besser ab als die Einschätzungen der Freunde.

In der Mitte sehen wir die Bereiche, die einem Beobachter sofort ins Auge fallen, also sehr leicht zu beobachten sind, aber nicht sehr evaluativ sind. Unter diese fallen Eigenschaften wie Gesprächigkeit oder Schweigsamkeit.

Die Spalte ganz rechts zeigt die Bereiche die nur schwer zu beobachten und sehr evaluativ sind. Dazu zählt z.B. auch die Intelligenz.

Erstaunlicherweise schneiden hier die Bewertungen von Freunden deutlich besser ab als die Selbsteinschätzung. Interessant oder nicht? Das heißt im Klartext, wenn all eure Freunde (wenn man sie dann überhaupt noch Freunde nennen kann) euch nicht für besonders intelligent halten, ihr euch selbst aber schon, könnt ihr eure Karriere als Harvard Professor trotzdem an den Nagel hängen.

Wenn wir ein genaues und umfangreiches Profil unserer Persönlichkeit erstellen wollen, sind wir auf die Hilfe anderer Personen angewiesen. Introspektive Ansätze zur Selbsterforschung sind schlichtweg nicht ausreichend, um valide Ergebnisse zu liefern.

Fazit

Schön und gut, aber wie erhält man nun ein besseres Bild der eigenen Persönlichkeit? Ok, man benötigt ehrliches Feedback. Aber wie soll man es bekommen? Ich denke hier muss jeder eigene Strategien finden seine Freunde und Bekannten dazu zu bewegen ehrliche Einschätzung über seine Persönlichkeit zu geben. Und wahrscheinlich sollte man sich auch genau überlegen, ob man das auch wirklich will.

Eine mögliche Lösung, die nicht allzu sehr auf aktiver Mitarbeit anderer Personen beruht schlagen Simine Vazire und Erika Carlson vor:

Um eine bessere Vorstellung seiner eigenen Persönlichkeit zu bekommen solle man versuchen sich in die Menschen, die einem nahestehen hineinzuversetzen und sich selbst aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Forschungen haben gezeigt, dass wir ziemlich gut einschätzen können, wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden. Wir nutzen dieses Wissen allerdings nur sehr selten, wenn es darum geht aussagen über uns selbst zu treffen.

Vazire und Carlson schlagen deshalb vor uns bei der Suche nach uns selbst auf unsere Eindrücke der Eindrücke, die wir auf andere machen zu konzentrieren.

Mein ganz persönliches Fazit lautet allerdings wie folgt:

Wenn wir das nächste Mal das Gefühl haben uns selbst nicht richtig zu kennen und etwas daran ändern zu müssen, sollten wir die Meditation links liegen lassen und uns mit ein paar guten Freunden auf ein Bier und eine offene Konversation verabreden 😉

Quellen

Vazire, Simine, and Erika N. Carlson. „Others sometimes know us better than we know ourselves.“ Current Directions in Psychological Science 20.2 (2011): 104-108.

Pronin, Emily, et al. „You don’t know me, but I know you: The illusion of asymmetric insight.“ Journal of Personality and Social Psychology 81.4 (2001): 639.

Wilson, Timothy D. „Know thyself.“ Perspectives on Psychological Science 4.4 (2009): 384-389.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Der neue Messias

Das langweiligste Fach der Welt?

Religionsunterricht. Wie oft habe ich schon in der Schule gesessen und darüber nachgedacht, wie überflüssig dieses Fach ist. Ging es euch nicht ähnlich?

Wenn ja, ist das wirklich schade. Denn heute, lange Jahre nachdem ich die Schule und den Religionsunterricht weit hinter mir gelassen habe, beginne ich mit einem anderen Blick auf das Thema zu schauen und entdecke immer mehr Geschichten von religiösen Akteuren, die es wert sind erzählt zu werden.

Der folgende Artikel erzählt die erstaunliche Geschichte einer heute völlig vergessenen messianischen Bewegung.

Zu modern für die Neuzeit

Sie beginnt am jüdischen Trauertag Tisha B’aw im Jahre 5386 jüdischer Zeitrechnung, was dem 1. August 1626 unserer Zeitrechnung entspricht. An diesem Tag erblickte Sabbatai Zwi das Licht der Welt. Als Sohn eines Geflügelhändlers aus Smyrna (heute Izmir) wurde er später zum Begründer einer messianischen Bewegung, die überall in Europa und Anatolien Anhänger finden sollte. An der Spitze dieser Bewegung stand Sabbatai selbst als Messias.

Gemessen an der großen Bedeutung, die diesem Titel in den abrahamitischen Religionen beigemessen wird, war dies ein gewagtes Unterfangen. Wie gibt man sich als „Gesalbter“, als von Gott gesandter Erlöser und Heilsbringer, als das Übel der Welt überkommender und ein neues Zeitalter einleitender Heiland zu erkennen?

Wie wir hatte auch der junge Sabbatai auf diese Frage keine konkrete Antwort. Doch im Alter von 21 Jahren konnte er sein Sendungsbewusstsein nicht länger für sich behalten. Er beschloss seinem Gefühl zu folgen und teilte sich seinem sozialen Umfeld mit.

Er berichtete von Visionen, in denen er sich als gesalbten Messias gesehen hatte. Das ist schon etwas komisch oder? Stellt euch vor einer eurer Freunde kommt mit so was zu euch. Ihr würdet ihm wohl nahelegen sich professionelle Hilfe zu suchen.

Doch war dies nicht alles.

Er sprach den Gottesnamen öffentlich laut aus und verkündete, die kommende Welt sei nahe. Da das Lautaussprechen des Gottesnamens in der jüdischen Tradition verboten war, wird er auch so Aufsehen erregt haben.

Die größte Sensation wird jedoch seine, für die damalige Zeit (und für viele heute leider immer noch) unvorstellbare, Eheschließung gewesen sein.

Wie kann man seine Ehe Mitte des 17. Jahrhunderts außergewöhnlich gestalten? Klar, man muss mit Traditionen brechen. Scheinbar unabdingbar war es damals, dass ein Ehepartner männlich und der andere weiblich sein musste. Sabbatai beschloss sich diesem Gebot zu widersetzen.

Um seinen Anspruch auf den Titel Messias zu verdeutlichen, ehelichte er in einer öffentlichen Zeremonie eine Thorarolle. So wollte er die Verbindung, die er mit JHWH eingegangen war, verdeutlichen.

Die weitreichenden Folgen dieser Offenbarung als gesandter Gottes hatte Sabbatai wohl nicht voraussehen können.

Er wurde kurzerhand aus der jüdischen Gemeinde verbannt und unter Schimpf und Schande der Stadt verwiesen. Auch in Saloniki, wo er zunächst wohlwollend empfangen wurde, fand er keine Bleibe und wurde nach weiteren „ketzerischen“ Taten der Stadt verwiesen.

Eine Frau heiraten?

Sein Weg führte Sabbatai schließlich nach Jerusalem und Ägypten, wo er für die jüdische Gemeinde Jerusalems Geld sammelte, das diese dem Sultan als Tribut zahlen musste. Die Gemeinde dort schien ihn zu akzeptieren und es sind keine allzu auffälligen oder anstößigen Taten bekannt.

Mit fortschreitendem Alter wurde die Frage nach der Ehe für Sabbatai immer relevanter.

Wie ihr euch sicherlich erinnert war seine erste Ehepartnerin ja eine Thorarolle. Im Alter von 38 entschloss er sich erneut zu heiraten – diesmal jedoch tatsächlich eine Frau.

Doch war die Hochzeit wohl auch diesmal alles andere als gewöhnlich.

Lasst uns zunächst einen Blick auf Sarah, die Braut die sich der Messias gewählt hatte, werfen.

Um ihre Herkunft und Geschichte ranken sich zahlreiche Legenden und es ist schwer Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen. Von den einen wird sie als Prostituierte bezeichnet, von den anderen als Jungfrau. Eines haben allerdings alle Quellen über dieses sonderbare Mädchen gemeinsam: Sie stammte aus Mittel- bzw. Osteuropa und wusste schon seit ihrer Kindheit, dass sie einst der Messias zur Frau nehmen würde.

Ob Sabbatai Gerüchte über die junge Frau, die im fernen Norden davon sprach den Messias zu heiraten, gehört und sie aus diesem Grund zu sich bestellt hat? Wir wissen es nicht.

Wie auch immer, sie scheint ihm eine bessere Partnerin als die Thorarolle gewesen zu sein. Er ließ sich nicht von ihr scheiden und heiratete auch später nicht mehr.

Sein Leben scheint sich nach der Eheschließung auch tatsächlich ein wenig beruhigt zu haben. Er reduzierte anstößige Auftritte merklich. Als er schließlich von einem jungen Gelehrten und Heilkundigen namens Nathan erfuhr, machte er sich auf den Weg zu ihm. Er hoffte, er könne das „Leiden“, als das er sein religiöses Sendungsbewusstsein mittlerweile empfand, kurieren.

Der Messias und sein Prophet

Doch was ihm der selbsternannte Prophet aus Gaza eröffnete, dürfte Sabbatais Hoffnungen auf ein „normales“ Leben gänzlich zunichte gemacht haben. Wie genau das Gespräch der beiden ausgesehen hat lässt sich nur vermuten, doch das Ergebnis legt eine, dem folgenden Dialog ähnliche, Konversation nahe.

Sabbatai: Oh weiser Nathan, ich bitte dich inständig, lasse mich an deiner Weisheit teilhaben. Unterweise mich und befreie mich von meinem Leiden.

Nathan: Unterweisen kann ich dich nicht. Und dein Leiden kenne ich nicht.

Sabbatai: Ich habe Visionen und eine Stimme sagt mir unentwegt, ich sei der Messias. Aber die Menschen erkennen mich nicht als diesen an, also muss es falsch sein.

Nathan: Von deinen Visionen kann ich dich nicht befreien. Ein solcher Versuch käme einem Sakrileg gleich. Ich würde mich direkt gegen Gott wenden.

Sabbatai: …..

Nathan: Ja, richtig gehört! Es ist die Stimme Gottes die zu dir spricht. Du bist der Messias und wirst die Menschheit in die kommende Welt führen.

Durchbruch

Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass Sabbatai nach diesem Gespräch nicht von seinen Wahnvorstellungen geheilt war. Er ließ sich 1665 von Nathan offiziell zum Messias proklamieren und begann seine Mission. Auch wenn es natürlich viele Skeptiker gab – ein wenig Skepsis ist bei solchen Ereignissen ja auch durchaus verständlich – wurde Sabbatai von einem Großteil der Juden im nahen Osten begeistert aufgenommen.

Er legte einige eindrucksvolle Auftritte in Jerusalem und Umgebung hin, die sich schnell in ganz Vorderasien und in Europa verbreiteten. Es ist leicht sich vorzustellen, dass die Geschichten dabei von mal zu mal immer fantasievoller wurden.

Es hieß die Stämme Israels wären zurückgekehrt und hätten unter der Führung des Messias Ländereien im Nahen Osten zurückerobert. Sabbatai selbst ernannte Könige, die die Welt als seine Stellvertreter regieren sollten.

So stellten sich Sabbatais Anhänger in Europa seine Herrschaft im Heiligen Land vor. Das Bild stammt aus der in Amsterdam veröffentlichten jüdischen Zeitung „Tikkun“ aus dem Jahre 1666.

Erst einmal in Europa angekommen, klangen die Taten des selbsternannten Messias wohl tatsächlich wie Wunder, die nur mit Gottes Hilfe vollbracht werden konnten.

Wie sehr die jüdische Bevölkerung in Europa diesen Gerüchten glaubte, zeigt das folgende Beispiel:

Samuel b. Meir, der Bruder von Sahra (Sabbatais Ehefrau), arbeitete in Amsterdam in einer Tabakfabrik. Von dort aus machte er sich 1666 auf den Weg zu seinem Schwager in Jerusalem – im 17. Jahrhundert ein langer und beschwerlicher Weg. Er hatte die bescheidene Hoffnung dieser würde ihn zu einem mächtigen Herzog im neuen Reich ernennen. Ob seine Hoffnungen erfüllt wurden werden wir später noch erfahren.

Was wohl ebenfalls zur Verbreitung der Bewegung um Sabbatai geführt haben dürfte ist die missliche Lage in der sich die jüdische Bevölkerung Europas befand. Im 30 jährigen Krieg (1618-1648) war es bereits vielfach zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung im Heiligen römischen Reich deutscher Nation gekommen und kurz darauf führte der Chmelnicki-Aufstand in der Ukraine 1648 zu gewaltsamen Übergriffen gegen die Juden Osteuropas.

Kein Wunder also, dass es die jüdische Bevölkerung in Europa nach einem Erlöser dürstete, den viele in dem jungen Sabbatai aus Smyrna sahen. Seine Anhängerschaft wuchs überall wo es Juden gab.

Es schien, als würden sich die Prophezeiungen von Nathan aus Gaza erfüllen. Es sah wirklich so aus, als wäre der Messias hinab auf die Erde gestiegen um ein neues Zeitalter einzuleiten.

Der Messias und der Sultan

In seinem Sendungsbewusstsein bestärkt, machte sich Sabbatai also von Jerusalem nach Konstantinopel auf, dem Zentrum der europäischen Welt. Dort angekommen wollte er seine Anhängerschaft vervielfachen.

Doch dazu sollte es gar nicht erst kommen.

Dem türkischen Sultan scheint die ganze Messias-Geschichte schließlich doch etwas zu viel geworden zu sein und so entschloss er sich, Sabbatai verhaften zu lassen. Töten wollte er ihn jedoch nicht. Er wusste, dass ihn das in den Augen seiner Anhänger zum Märtyrer machen würde und dies zu einer Radikalisierung der Bewegung führen könnte.

Also stellte er den Messias vor die Wahl. Konversion zum Islam oder ein Beweis für seine Gotteskraft.

Jetzt fragt sich der ein oder andere vielleicht: Wie soll man beweisen, dass man von Gott auserwählt ist, dass man von ihm mit gottgleicher Macht ausgestattet wurde?

Der Sultan hatte da eine Idee. Sie war nicht weiter kompliziert und schien doch ihren Zweck zu erfüllen.

„Wie wäre es“ sagte er „wenn wir den Messias an einen Pfahl binden und ihn wahllos mit Pfeilen beschießen“. Er schmunzelte. „Wenn Gottes Hand die Pfeile abwehrt und sich der Allmächtige so zu erkennen gibt, werde ich persönlich vor seinem Gesandten auf die Knie sinken. Sollten ihn die Pfeile aber durchbohren und er sterben, so sei er als Scharlatan entlarvt.“

Für welche Option hättet ihr euch wohl entschieden?

Wenn ihr nicht zu 100 Prozent davon überzeugt gewesen wärt der Messias zu sein wahrscheinlich für die Konversion zum Islam oder?

Doch was tat der Held unserer Geschichte?

Richtig geraten. Er entschied sich ebenfalls für das Leben und konvertierte zum Islam. Ein bisschen gesunder Menschenverstand war ihm wohl trotz allem noch geblieben.

Für seine Anhänger war dies jedoch eine Enttäuschung ohne Gleichen. Der Messias selbst fällt vom rechtmäßigen Glauben ab und nimmt die Religion des Unterdrückers an? Das kann nicht sein.

Samuel b. Meir hörte von der Konversion des Messias und kehrte auf seinem Weg ins Heilige Land um. Schamerfüllt kehrte er in seine Heimatstadt Amsterdam zurück und widmete sich wieder dem Tabakgeschäft. Ein Herzog ist er nie geworden.

So verlor die Bewegung an Anhängern und Attraktivität für neuen Zulauf. Doch einige hielten an der Idee Sabbatai sei der Messias fest. Sie legten die Konversion zum Islam als notwendigen Schritt aus und trafen sich im Geheimen, um über das mysteriöse Verhalten des Messias zu philosophieren.

Aus dieser Tradition gingen später weitere selbsternannte Erlöser der Menschheit hervor, die ebenfalls zum Islam oder zum Christentum konvertierten. Der letzte dieser Hochstapler war Jakob Frank, der sowohl zum Islam als auch zum Christentum konvertierte.

Er begründete diese Konversionen mit mystischen Argumenten und es gelang ihm einen großen Teil der Juden Europas von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen.

Wie hat er das geschafft?

Das erfahrt ihr in einem weiteren Text.

Quellen

Scholem, Gershom. Sabbatai Sevi The Mystical Messiah 1626-1676. Princeton 1973.

Petzel, Paul. Sabbatai Zwi – ein Bruder des Messias Jesus? Anmerkungen und Fragen zu einer schwierigen Verwandschaft. In: Zeitschrift für katholische Theologie, 2005, Vol. 127, No. 4, S. 415-448.

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Allgemein Weit verbreitete Irrtümer

Eine Definition von Intelligenz

Auch wenn du bestimmt mega intelligent bist, kennst du wahrscheinlich jemanden, der noch schlauer ist als du.

Oder etwa nicht?

Ich kenne da einige. Mitschüler, die den Unterrichtsstoff besser und schneller verstanden haben, andere Doktoranden, die cleverere Forschung machen und manchmal treffe ich selbst beim Feiern gehen Menschen, die ihre Argumente dreimal erklären müssen, bevor ich sie verstehe.

Gut, der letzte Punkt lässt sich vielleicht auch durch übermäßigen Alkoholkonsum erklären.

Jetzt fragst du dich vielleicht: was genau meinst du mit Intelligenz?

Ich will ehrlich sein. Ich kann diese Frage nicht sehr präzise beantworten. Grob gesprochen meine ich damit die Auffassungsgabe, die Geschwindigkeit, mit der jemand Informationen aufnehmen, kombinieren und daraus korrekte logische Schlüsse ableiten kann.

Klingt nicht sehr präzise, oder? Es wäre sehr schwer Intelligenz auf Basis dieser Definition zu messen.

Intelligenz messbar zu machen ist jedoch sehr wichtig.

Immer wieder untersuchen Forscher Zusammenhänge zwischen Intelligenz und allen möglichen anderen Größen wie etwa der Berufswahl, dem Einkommen oder der Bildung.

Doch bevor man solche Zusammenhänge messen kann, muss man natürlich erst die einzelnen Größen messen.

Natürlich ist dies Wissenschaftlern schon lange bewusst. Es gibt schon lange präzise und plausible Definitionen von Intelligenz die Messbarkeit ermöglichen.

Diese Definition ist leider in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt.

Spoiler: Es ist nicht der IQ!

In diesem Artikel möchte ich euch erklären, wie Wissenschaftler Intelligenz definieren und warum.

Der g-Faktor

Falls du jetzt gedacht hast ich komme dir mit IQ – weit gefehlt. IQ als Maß für Intelligenz ist veraltet (Plomin und von Stumm 2018).

In der Forschung nutzt man stattdessen den Allgemeinen Faktor der Intelligenz, auch g-Faktor oder g genannt.

Während IQ-Tests nur eine bestimmte Art des logischen Denkens messen, beinhaltet der g-Faktor sehr viele verschiedene Arten von Intelligenz. Dazu gehören neben logischem Denken räumliches Denken, verbale Intelligenz, emotionale Intelligenz und viele mehr.

Diese Arten von Intelligenz erscheinen dir vielleicht verschieden. Doch Menschen, die in einer Art hohe Werte erzielen, sind meistens auch in anderen Arten der Intelligenz sehr stark (Plomin und von Stumm 2018).

Das Leben scheint hier also nicht besonders fair zu sein. Ausgleichende Gerechtigkeit – ich bin besser im logischen Denken, dafür kannst du besser räumlich denken – gibt es in der Realität eher weniger. Einige Menschen sind einfach in allen Arten der Intelligenz besser als andere.

Intelligenzforscher gehen daher davon aus, dass es so etwas wie Allgemeine Intelligenz gibt, die den Kern all dieser verschiedenen Arten von Intelligenz darstellt.

Diese Allgemeine Intelligenz versucht man aus den Testergebnissen von verschiedenen Intelligenztests zu schätzen. Zu diesem Zweck werden alle Informationen aus den verschiedenen Tests kombiniert. Alle Testergebnisse gehen also mit in die Gesamtintelligenz ein.

Allerdings liefern manche Intelligenztests präzisere Ergebnisse als andere. Beim Zusammenrechnen werden daher die präziser gemessenen Tests stärker berücksichtigt.

Dies kann man beispielsweise mit einer Principal Component Analyse (PCA) machen. Einzelheiten dazu findet ihr hier. Obwohl das Prinzip nicht super kompliziert ist, würde eine nähere Beschreibung der PCA hier den Rahmen sprengen.

Ist dieses Maß für Intelligenz sinnvoll?

Gut, jetzt wissen wir, wie man Allgemeine Intelligenz berechnet.

Aber wie aussagekräftig ist dieses Maß?

Die allermeisten Forscher halten dieses Maß für extrem aussagekräftig. Dass Intelligenzforscher das so sehen ist klar. Es ist ja ihr Job zuverlässige Maße für Intelligenz zu finden. Aber auch in anderen Disziplinen wie zum Beispiel der Psychologie oder der Ökonomie gilt der g-Faktor als aussagekräftig.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Erstens ist g besser als jede andere Eigenschaft geeignet um wichtige Größen wie Bildung (Deary et al. 2007), Berufswahl (Strenze 2007) und selbst Gesundheit (Calvin et al. 2017) vorher zu sagen.

Was bedeutet das?

Sagen wir, du lernst zwei Kinder kennen. Sie sind beide 16 Jahre alt. Du willst vorhersagen was aus ihnen wird. Welche Bildungsabschlüsse werden sie erreichen? Wie viel werden sie verdienen? Wie lange werden sie leben?

Du darfst genau eine Eigenschaft der beiden messen und darauf deine Vorhersage gründen.

Welche Eigenschaft solltest du messen, um die beste Vorhersage zu ermöglichen?

Ambitionen? Selbstbewusstsein? Sorgfalt? Sozialverhalten? Nein!

Du solltest den g-Faktor messen. Er wird dir die beste (und eine sehr gute) Vorhersagekraft ermöglichen. Nur dadurch, dass du g misst, kannst du recht gut vorhersagen wer erfolgreich sein wird und wer nicht.

Das bedeutet natürlich nicht, dass andere Faktoren keine Rolle spielen. Ambitionen im Kindesalter beispielsweise weisen ebenfalls einen engen Zusammenhang mit Einkommen und sozialem Status im Erwachsenenalter auf.

Jedoch weist keine andere Eigenschaft einen so engen Zusammenhang mit späterem Erfolg auf wie der g-Faktor.

Zweitens ist der g-Faktor ein sehr stabiles Maß. Menschen, die im Kindesalter ein relativ hohes g haben, schneiden auch als Erwachsene gut ab. Besonders ab der Pubertät ändert sich die Reihenfolge zwischen Menschen bezüglich g eher selten. Diejenigen, die mit 16 die höchste allgemeine Intelligenz haben, haben auch noch mit 90 Jahren den höchsten g-Faktor (Deary et al. 2013).

Dies legt auch nahe, dass g wohl ohne große Messfehler gemessen werden kann. Denn diese Fehler sollten nicht stabil über die Zeit sein.

Der g-Faktor über die Lebensspanne

Die eben diskutierte Stabilität bezieht sich nur auf Unterschiede zwischen Menschen. Die Unterschiede im g-Faktor zwischen ähnlich alten Personen verändern sich über die Zeit kaum.

Aber die Allgemeine Intelligenz eines einzelnen Menschen verändert sich über die Zeit sehr wohl. Die meisten Menschen haben ihren höchsten g-Faktor im jungen Erwachsenenalter. Danach nimmt g stetig ab.

So gesehen werden Menschen im Alter immer dümmer. Aber gut, dafür nimmt auf der anderen Seite mit der Erfahrung auch das Wissen zu.

Zusammenfassung

Natürlich hat jeder Mensch eine etwas andere Vorstellung davon, was Intelligenz ist. Manche denken vielleicht, dass sprachliche Intelligenz ein Teil von Intelligenz sein sollte während andere meinen, dass Intelligenz nichts anderes sei als logisches Denken.

Dies ist aber kein großes Problem. Denn wie wir gesehen haben, sind verschiedene Formen von Intelligenz stark miteinander korreliert; Menschen, die in einem Bereich von Intelligenz besonders gut abschneiden, sind auch in anderen Feldern sehr stark.

Die moderne Intelligenzforschung bezieht daher so viele Formen von Intelligenz wie möglich in ihre Analyse mit ein und kombiniert all diese Informationen.

Das Ergebnis ist der g-Faktor, der auch als „Allgemeine Intelligenz“ bezeichnet wird.

Mit ihm lassen sich überraschend gut wichtige Dinge wie spätere Bildungsabschlüsse oder die Berufswahl recht gut (aber natürlich nicht perfekt) vorhersagen.

Obwohl Fälle erfolgreicher intelligenter Menschen deutlich häufiger sind, sind die Fälle, in denen eine frühe, auf dem g-Faktor basierende, Prognose zu komplett falschen Ergebnissen geführt hätte, viel interessanter.

Das krasseste Beispiel solcher Art findest du ausführlich im folgenden Artikel beschrieben; Der letzte Brief eines Genies

Viel Spaß beim Lesen!

Quellen

Calvin, Catherine M., et al. „Childhood intelligence in relation to major causes of death in 68 year follow-up: prospective population study.“ bmj 357 (2017).

Deary, Ian J., et al. „Intelligence and educational achievement.“ Intelligence 35.1 (2007): 13-21.

Deary, Ian J., Alison Pattie, and John M. Starr. „The stability of intelligence from age 11 to age 90 years: the Lothian birth cohort of 1921.“ Psychological science 24.12 (2013): 2361-2368.

Plomin, Robert, and Sophie von Stumm. „The new genetics of intelligence.“ Nature Reviews Genetics 19.3 (2018): 148.

Strenze, Tarmo. „Intelligence and socioeconomic success: A meta-analytic review of longitudinal research.“ Intelligence 35.5 (2007): 401-426.

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Allgemein Besondere Tode und andere historische Ereignisse

Nichts für Warmduscher

Das tägliche Bad. Es ist heutzutage kaum aus unserem Alltag wegzudenken. Ob es genutzt wird um morgens frisch in den Tag zu starten oder nach einem langen Tag der Arbeit zur Erholung von den Strapazen des Tages dient.

Das Baden ist allerdings keines Falls eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Bereits vor über 5000 Jahren badeten sich die babylonischen Könige. Auch bei den Römern und Griechen gehörte das regelmäßige Bad zum Alltag. So ist z.B. überliefert, dass Archimedes, nachdem er beim Einsteigen in eine Badewanne das Archimedische Prinzip entdeckt hatte, nackt und „Heureka!“ rufend durch die Straßen der Stadt lief. Im 19. Jahrhundert entstanden schließlich erste Modelle moderner Badewannen aus verzinktem Eisenblech.

Der Arzt und sein Hautleiden

In einer solchen Wanne pflegte auch der französische Verleger, Arzt und Revolutionär Jean Paul Marat zu baden. Er litt unter einer Hautkrankheit und nahm regelmäßig lange Bäder um sich Linderung von den Schmerzen und Juckreizen zu verschaffen. Diese Bäder nutzte er unter anderem auch um seine Schriften zu verfassen.

Dazu gehörten nicht nur einschlägige Artikel, die er in seiner Zeitschrift „L’Ami du peuple“ (Freund des Volkes) veröffentlichte, sondern auch umfangreichere politische und naturwissenschaftliche Werke. Sein in englischer Sprache verfasstes Traktat „The Chains of Slavery“ stellt ein politisches Werk dar, das auf der Grundanlage beruht, dass jeder Souverän das absolute Ziel hat, seinen eigenen Machtbereich zu erweitern. Er fordert das Volk dazu auf sich als oberstes Ziel zu setzen, den Herrscher in seiner Macht einzuschränken.

Das kühle, mit Ölen und heilenden Kräutern versetzte Wasser und die Abwesenheit der sonst so lästigen Schmerzen, müssen Marat ein besonderes Gefühl der Entspannung und Geborgenheit gegeben haben.

Deswegen sollten sie Ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt in der Badewanne lassen

Doch die Geschichte lehrt uns, dass man sich selbst in einer mit warmem Wasser und Seife gefüllten Wanne im eigenen Haus besser nicht zu sicher fühlen sollte. Als Marat am 13. Juli 1793, einen Tag vor dem 4. Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, sein Bad nahm, und wie üblich an der nächsten Ausgabe seiner Zeitschrift „L’Ami du peuple“ arbeitete, betrat eine junge Frau sein Zimmer.

Bei dieser Frau handelte es sich um die damals 25 jährige Charlotte Corday. Sie gehörte dem Lager der moderateren Girondisten an und war angeblich gekommen, um bei Marat einige ihrer Parteimitglieder zu denunzieren. Doch in Wahrheit hegte sie gänzlich andere Pläne.

Neben der Liste mit den Namen der „Verräter“ brachte sie ein langes, scharfes Küchenmesser mit. Nach einem kurzen Gespräch stach sie dem Badenden die 20 Zentimeter lange Klinge tief in die Brust und beendete damit sein Leben.

Wenige Monate nach der Ermordung des Marat malte Jaques-Luis David sein berühmtes Gemälde „Der Tod des Marat“

Als sie sich vom Tatort entfernte wurde sie sogleich von einem Redakteur des „L’Ami du peuple“ niedergeschlagen und festgenommen. Sie wurde am 17. Juli 1793, nach einem 4 tägigen Prozess in Paris, guillotiniert.

Eigentlich hatte sie ihre tat in aller Öffentlichkeit durchführen wollen und damit gerechnet sogleich von der wütenden Menge in Stücke gerissen zu werden. So erging es ein Jahrhundert zuvor übrigens den Brüdern Cornelis und Johan de Witt, die 1672 in Den Haag von aufgebrachten Bürgern gelyncht wurden.

Das Motiv

Corday dachte, dass sie mit der Ermordung des Verlegers die Schreckensherrschaft der Jakobiner beenden würde. Damit stand sie vermutlich nicht ganz allein. Vielen moderaten Revolutionären waren Marat und seine radikalen Vorstellungen ein Dorn im Auge. Marat selbst war sich dessen wohl bewusst gewesen und hatte eine fast schon paranoide Vorsicht entwickelt.

Im entscheidenden Moment war er jedoch nicht in der Lage die Gefahr, die von Charlotte Corday ausging, zu erkennen.

Vor einem weiteren Feind hätte auch die schärfste Vorsicht nicht helfen können. Marat litt an seborrhoischer Dermatitis, einer tödlichen, damals nicht behandelbaren Hautkrankheit. Dem spanischen Genetiker Lalueza-Fox zufolge kam Corday der Krankheit wohl nur um wenige Tage oder Wochen zuvor.

Von Mördern, Opfern und Helden

Auf diesem Gemälde von Paul Jacques Aimé Baudry von 1858 steht (im Gegensatz zu Davids Gemälde) die Mörderin ganz im Mittelpunkt.

Sowohl die Mörderin als auch der Ermordete wurden nach ihrem Tod zu Märtyrern erklärt. Während Marat in den revolutionären Kreisen Frankreichs zum Nationalhelden wurde, wurde Corday zur Galionsfigur konterrevolutionärer Gruppierungen. Selbst für Aleksander Puschkin, der in seinem Gedicht „Der Dolch“ die Tyrannenmörder von Brutus und Cassius bis zu Karl Ludwig Sand verherrlicht, ist Charlotte Corday die Heldin, die die Welt vom „Tyrannen“ Marat befreit hat.

Quellen

Conner, Clifford D.: Jean-Paul Marat. Tribune of the French Revolution. 2012.

Heifer, Harold: A Bathtub Chronicle. In: Challenge. Vol. 2, No. 6, 1954, S. 36-68.

Gottschalk, Louis: The Life of Jean Paul Marat. Kansas 1923.

Marat, Jean-Paul: The Chains of Slavery. London 1774.

Taschwer, Klaus: Rätsel um die schlimmen Leiden des Jean-Paul Marat womöglich gelöst. Der Standard 2019.

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